junge Welt vom 17.11.2003
 
Ausland

Zwangszocken

Die US-Gesetze zu Pensionsrückstellungen zwingen Lohnabhängige zu Investitionen in Börsenpapiere

Karl Unger
 
Je später der Abend, desto flotter der Handel, war lange Zeit das Motto einflußreicher Fondsmanager an der New Yorker Börse. Und weil bekanntlich im Dunkeln gut munkeln ist, kann es kaum erstaunen, daß sich inzwischen die Justiz für diesen spätabendlichen Aktivismus interessiert. Gewiß: Wer an die Börse geht, ist ein Zocker und läßt sich auf ein Spiel ein. Im großen Casino Wall Street, in dem pro Tag rund 1,5 Milliarden Aktien den Besitzer wechseln, kann man den Jackpot gewinnen. Viel größer ist jedoch das Risiko, mit leeren Taschen dazustehen, und deshalb gibt es Regeln, die vor Falschspielern schützen sollen. Deren Einhaltung ist zu einem wichtigen innenpolitischen Thema geworden, da jeder zweite Haushalt in den USA Geld in Investmentfonds angelegt hat.

 

Das geschah und geschieht aber nicht wirklich freiwillig. 1981 wurde die staatliche Förderung der Pensionspläne grundlegend verändert. Seither sind Arbeiter und Angestellte gezwungen, Börsenpapiere zu erwerben, wenn sie von den steuerlichen Vergünstigungen für die Altersvorsorge profitieren wollen. Bislang sind deshalb sieben Billionen Dollar in die Hände der Investmentfonds gelangt, die mit dem Siegel der Seriosität werben, um sich so von den üblichen Finanzspekulanten und Börsenzockern zu unterscheiden. Doch vor wenigen Wochen hat ein Banker beim New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer, als dieser dem Hedgefonds Canary Capital wegen illegaler Praktiken eine Geldstrafe von 40 Millionen Dollar aufbrummte, über die schmutzigen Tricks der Investmentbranche geplaudert. Danach betreiben Fonds »Market Timing«, d. h. Käufe und Verkäufe, in rasanter Folge, mit denen Kursdifferenzen ausgenutzt werden. Dabei werden auch die unterschiedlichen Zeitzonen im internationalen Handel mit Fonds genutzt.

 

Bei den auf Langzeitrendite ausgerichteten Investmentfonds sind in den USA jedoch kurzfristige Spekulationen im allgemeinen verboten. Außerdem haben die meisten Fonds in ihren Prospekten den Anlegern versprochen, sich solcher Praktiken zu enthalten. Ganz unstreitig illegal ist hingegen der sogenannte Late Trading. Er beginnt erst, nachdem die Fondstageskurse um 16 Uhr New Yorker Zeit festgelegt sind. Händler und Hedgefonds profitierten vom späten Handel, da sie später verfügbare, kursbeeinflussende Informationen nutzen konnten. »Das ist so, wie auf Pferde Wetten abzuschließen, die bereits die Ziellinie erreicht haben«, beschrieb Spitzer diese Praxis. Der normale Anleger kann erst einen Tag später darauf reagieren. Experten schätzen den jährlichen Schaden durch »Market Timing« und »Late Trading« auf mindestens 1,4 Milliarden Dollar zu Lasten der Anleger.

 

Zwei Manager der fünftgrößten Fondsgesellschaft Putman Investments wurden Anfang November wegen Betruges angeklagt. Daraufhin haben die Pensionsfonds der Bundesstaaten Rhode Island, Massachusetts, New York, Pennsylvania, Iowa und andere an die zehn Milliarden Dollar abgezogen. Der Chef der Finanzverwaltung von Iowa, Michael Fitzgerald, kommentierte die Aktion mit dem Satz: »Der Grund, weshalb wir uns bei Putnam zurückgezogen haben, ist das mangelnde Vertrauen.« Angesichts der seit gut zwei Jahrzehnten die Wall Street regelmäßig erschütternden Skandale mutet dieser plötzliche Vertrauensverlust doch ziemlich komisch an. Erst waren es im Zuge der Deregulierung die Insidergeschäfte, bei denen sich clevere Banker goldene Nasen verdienten. Nachdem unter großem medialen Aufwand ein Regelwerk erlassen wurde, das diese Art von Geschäften als anstößig brandmarkte, kam die Bilanzfälschung in Mode. Dafür stehen Namen wie Enron und WordCom. Daneben gab es natürlich jede Menge »kleiner« Fische wie etwa Richard Scrushy, den Gründer der Krankenhauskette HealthSouth. Der steht zur Zeit in Birmingham (Alabama) wegen Bilanzfälschung von 2,7 Milliarden Dollar vor Gericht.

 

Und natürlich führte auch die Bilanzkosmetik zu »Konsequenzen«: Mittlerweile müssen die Manager die Richtigkeit des Geschäftsberichts mit ihrer Unterschrift garantieren. Dennoch wiesen die 500 im S&P-Index gelisteten Konzerne nach der Berechnung eines Bilanzexperten der UBS Warburg für das vergangene Jahr 41 Prozent zuviel Gewinn aus. Aber was will man von einer Börse, deren Chef ein »Gehaltspaket« von 140 Millionen Dollar bekommen hat, auch an Kontrollen erwarten? Zwar wurde Richard Grasso nach einigem Hin- und Her im Sommer gefeuert, doch ausgestanden ist der Fall noch lange nicht. Denn der Exchef hat angekündigt, die Wall Street um weitere 48 Millionen Dollar Gehaltszahlung zu verklagen. Bezahlen werden dies, wie könnte es anders sein, die Kleinaktionäre müssen. Und die können dagegen kaum etwas tun. Denn wenn sie die Börse verlassen bzw. ihre Fonds verkaufen, verlieren sie die staatlichen Zuschüsse für die Altersversorgung. Und das wäre in einer Situation, in der, wie jüngste Umfragen ergeben, die Mehrheit der werktätigen US-Bürger davon ausgeht, sich noch mit siebzig als Lohnarbeiter verdingen zu müssen, mehr als fatal.

 

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