Weniger Feiertage für mehr Arbeit  (t-news 17.11.03)

Von Thorsten Denkler (Berlin)
Das passt irgendwie nicht zusammen: Damit es mit der Konjunktur wieder klappt, wollen die einen, dass alle mehr arbeiten, die anderen, dass alle weniger arbeiten. Und beides soll helfen, die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Erst kürzlich hat der Chef Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Michael Rogowski, vorgeschlagen, doch bitte auf ein oder zwei Feiertage pro Jahr zu verzichten, damit es wieder aufwärts geht mit diem Land. An Ostern, Weihnachten und Pfingsten will er nicht ran. Aber Himmelfahrt beispielsweise sei doch "entbehrlich". Andere Feiertage sollten man doch "aufs Wochenende legen, dass man keine so genannten Brücken mehr bauen kann."

Clement gibt Vorlage
Die Vorlage hat schon im Sommer Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) gegeben: "Im internationalen Vergleich haben wir, was Freizeit angeht, eine Spitzenstellung. Und die Frage ist, ob wir diese angesichts des Wettbewerbsdrucks beibehalten können." Im Gegensatz zu Rogowski ist für Clement Pfingsten kein Tabu. Der Pfingstmontag sei als Feiertag selbst aus Sicht der Kirchen nicht einfach zu begründen, sagt er.

Auch Merkel mischt mit
Und immer wieder mischt sich auch CDU-Chefin Angela Merkel in die Diskussion ein. Die ist zwar nicht dafür zu haben, Feiertage zu streichen. Aber dafür soll es eine längere Wochenarbeitszeit richten - ohne Lohnausgleich, versteht sich.

Freizeit-Weltmeister Deutschland?
Unstrittig ist: Die Deutschen sind im internationalen Vergleich Freizeit-Weltmeister. 2002 hatten die Westdeutschen durchschnittlich an 13 Tagen bezahlt frei. Im Osten waren es elf. Hinzu kommen gut 30 Urlaubstage. Von zwölf Kalendermonaten arbeiten deutsche Arbeitnehmer also nur gut zehn. In den USA wird bis auf fünf Wochen im Jahr (inklusive Feiertagen) voll durch gearbeitet.

Mehr Arbeit, weniger Kosten
Die Argumentation der Befürworter längerer Arbeitszeiten ist immer die gleiche: Bleiben die Gehälter gleich, verringern sich die Produktionskosten. Die Faustformel: Eine Stunde Mehrarbeit pro Woche sind drei Prozent weniger Kosten. Unterstützt wird die Haltung von den führenden Wirtschaftsforschern. Sie haben in ihrem Herbstgutachten vorgerechnet, dass allein weil das kommende Jahr fünf Arbeitstage mehr hat, ein Wachstumsplus von wenigstens 0,6 Prozentpunkte zu erwarten ist. So viele Feiertage nämlich fallen 2004 auf Wochenenden.

Zwei Tage für die Steuerreform
Nach Berechnungen des wirtschaftsnahen Institutes der Deutschen Wirtschaft hat jeder zusätzliche Tag ohne Lohnausgleich einen Wert von 6,9 Milliarden Euro. Zwei Tage würden also reichen, um das komplette Vorziehen der Steuerreform auf 2004 zu bezahlen, um deren Finanzierung sich Bund und Länder gerade die Köpfe zerbrechen.

Bayern: Feierstagsmeister und wirtschaftsstark
Dass es so einfach nicht ist, zeigen die Beispiele Bayern und Baden-Württemberg. Die Länder haben im Bundesvergleich mit Abstand die meisten Feiertage pro Jahr - und sind mit gleichem Abstand die wirtschaftsstärksten.

Gewerkschaften glauben nicht an Effekt
Die Gewerkschaften wollen deshalb nicht so recht an einen konjunkturellen Effekt glauben. Ohne Lohnausgleich wird die lahmende Nachfrage aus dem Inland nicht angefeuert, sagen sie. Die mit Mehrarbeit produzierten größeren Gütermengen stoßen auf die gleiche Nachfrage wie heute, weil sich die Kaufkraft nicht erhöht. Folge: Die Produktion muss wieder heruntergefahren, Arbeitszeiten verkürzt, Menschen entlassen werden. Neue Arbeitsplätze entstehen so nicht. Die Gewerkschaften rechnen wenn überhaupt nur mit einem leichten Anstieg der Nachfrage. Und das wäre dann auch ohne zusätzliches Personal zu bewältigen.

 

Konjunkturneutrale Arbeitszeitverkürzung
Damit die Arbeitslosigkeit nicht weiter steigt, setzen die Gewerkschaften lieber auf Arbeitszeitverkürzung, statt -verlängerung. Das belaste die Konjunktur nicht, weil wo weniger gearbeitet auch weniger produziert wird. Für angeschlagene Unternehmen sei dies immer der bessere Weg. Sind Mitarbeiter erst mal entlassen, ist es schwierig, sie wiederzubekommen, wenn die Wirtschaft wieder brummt.

 

Keine Nachfrage nach Arbeit
Unterstützung bekommen die Gewerkschaften von Konjunkturexperten wie Gustav Horn vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Feiertage zu streichen hat in einer Flaute keinen Sinn, sagt er. Es fehlt schlicht die Nachfrage nach Arbeit.