DIE ZEIT


11/2003

wasser

Die H2O-Geschäfte

Ob Wasser als ganz besonderes Gut dem Kommerz überlassen werden darf, ist umstritten. Doch der Kampf um den Milliardenmarkt hat längst begonnen

Die wichtigen Dinge im Leben wissen viele Menschen erst zu schätzen, wenn sie fehlen. Wasser ist so ein Ding. Manche sagen, es sei das Öl des 21. Jahrhunderts. Andere behaupten, es sei wertvoller als Gold.

Wasser ist jedenfalls vielerorts schon knapp – so knapp, dass die Vereinten Nationen in einem gerade erschienen Bericht von einer „ernsthaften Wasserkrise“ sprechen. Verursacht sei die Not „im Wesentlichen durch unsere falsche Bewirtschaftung von Wasser“, heißt es in dem Report. Im Klartext: Misswirtschaft kennzeichnet den Umgang mit Wasser, dem Lebensmittel Nummer eins.

Der Vorwurf trifft mehr als 100 Staaten und Hunderttausende Kommunen; schließlich wird Wasser weltweit von öffentlichen Betrieben bewirtschaftet. Mehr schlecht als recht: In vielen Leitungen klaffen Löcher, mehr als eine Milliarde Menschen haben keinen Zugang zu einer ordentlichen Wasserversorgung, das Abwasser von 2,4 Milliarden wird nicht angemessen entsorgt, 95 Prozent aller Großstädte leiten ihr Schmutzwasser ungereinigt in Flüsse, Seen und ins Meer.

Das Wasser und die Wassernöte beflügeln deshalb längst die Fantasie vieler Unternehmen. Geschäfte mit Wasser gelten sogar als der Megatrend des neuen Jahrhunderts. Der Essener Stromriese RWE hat sich durch den Kauf des britischen Versorgers Thames Water und der American Water Works bereits zur Nummer drei auf dem Weltwassermarkt emporgearbeitet. „Wir erwarten, dass Wasser der profitabelste Bereich im Konzern wird“, sagt Klaus Sturany, Finanzchef der RWE-Holding.

Wasser bewegt immense Dollar-Summen. Nach der vorsichtigen Schätzung des Tübinger Unternehmensberaters Helmut Kaiser belief sich der weltweite Umsatz mit Trinkwasser aus der Leitung im vergangenen Jahr auf 86 Milliarden Dollar. Bis zum Jahr 2010, glaubt Kaiser, werden daraus mehr als 150 Milliarden Dollar. Hinzu kommen weitere Milliardensummen aus dem Abwassergeschäft.

Gehört Wasser ins Rathaus – oder an die Börse?

Das Wirtschaftsmagazin Fortune riet seinen Lesern schon vor zwei Jahren: „Wenn Sie nach einer sicheren Aktienanlage suchen, die dauerhafte Renditen verspricht, versuchen Sie es mit der ultimativen Alternative zum Internet: Wasser.“ Angesichts solch glänzender Aussichten für Anleger schwant Nik Geiler, dem Wasserexperten beim Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU), nichts Gutes: Demnächst, meint er, regiere der Shareholder-Value sogar in der Küche und auf dem Klo.

Na und? Nur wenn Wasser eine Ware wird, gehen die Menschen auch pfleglich damit um, meinen die einen. Wasser, sagen die anderen, ist Menschenrecht, ein ganz besonderes Gut, das dem Kommerz nicht preisgegeben werden darf. Es gehöre ins Rathaus – nicht an die Börse.

Der Griff der Konzerne nach dem lebensnotwendigen Nass ist bereits zum Top-Thema der Globalisierungskritiker avanciert. In diesen Tagen erscheint auf dem deutschen Markt das Buch Blaues Gold; es hat das Zeug, zur neuen Bibel aller Privatisierungs- und Freihandelskritiker zu werden. Das globale Geschäft mit dem Wasser führt nach Ansicht der beiden kanadischen Autoren direkt ins Fiasko: „Allen, die nicht zahlen können, wird der Hahn zugedreht. Bei den Konzernen freilich sprudeln die Gewinne.“

Noch sprudeln sie nur spärlich. Noch dreht die private Wirtschaft nicht das ganz große Rad. Bisher hat sie sich kaum zehn Prozent des globalen Wassermarktes sichern können. Die drei größten Konzerne – Suez, Vivendi Water und RWE – bringen es nicht einmal auf 300 Millionen Kunden. 300 Millionen von mehr als 6 Milliarden Menschen.

Der Grund: Als die Städte im 19. Jahrhundert rasch wuchsen, war die private Wirtschaft nicht zur Stelle. Es waren die Kommunen, die für den Bau und den Betrieb der Wasserinfrastruktur sorgten. So ist es bis heute geblieben. Rund 90 Prozent des weltweiten Wassergeschäftes werden unter öffentlicher Regie abgewickelt: von kommunalen Eigenbetrieben, Zweckverbänden oder auch von Aktiengesellschaften in öffentlichem Eigentum. Denen muss die Privatwirtschaft die Kundschaft erst einmal abjagen. Je erfolgreicher sie dabei auf ihren Heimatmärkten ist, desto besser sind die Aussichten auf dem weltweiten Markt. Um aus Wasser Geld zu machen, ist viel Kapital vonnöten – viel mehr, als das Gros der kleinen Wasserunternehmen hat.

In den Vereinigten Staaten, dem weltweit größten Wassermarkt, tummeln sich mehr als 50000 kleiner und kleinster Betriebe. Hierzulande sind es fast 7000, darunter einige Riesen wie die Hamburger Wasserwerke mit zwei Millionen Kunden und viele Zwerge wie der Wasserbeschaffungsverband Lichtringhausen. Er versorgt in einem Ortsteil des sauerländischen Städtchens Attendorn gerade einmal 500 Menschen.

Leitungswasser ist in Deutschland zwar teurer als anderswo – in Frankreich kostet der Liter 0,11 Cent, in England 0,12 und hierzulande 0,18 Cent. Indes sollte sich „kein Verbraucher beschweren“, meinen die Beobachter der Beratungsfirma National Utility Service (NUS), die seit langem Wasserpreise international vergleicht. Schließlich weise in Deutschland die Qualität „weltweit den höchsten Standard“ auf.

Dennoch ist die hiesige Wasserwirtschaft in die Kritik geraten. Ausgelöst hat die Debatte eine Expertengruppe der Weltbank, die 1994 die Branche begutachtete. Das Zeugnis: Das technische Niveau sei zwar hoch – aber die Effizienz zu gering.

Kein Wunder. Jedes Wasserwerk, ob klein oder groß, verfügt über ein veritables Monopol: über das exklusive Recht, Letztverbraucher mit Trinkwasser zu versorgen. Abgesichert ist es in Paragraf 103 des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB).

Nachdem der Strommarkt von den Monopolfesseln befreit war, dachte die rot-grüne Regierung auch über Wettbewerb in der Wasserwirtschaft nach. Der frühere Wirtschaftsminister Werner Müller ließ Gutachter die Möglichkeiten dafür eruieren. Zur Debatte standen zwei Modelle: Wettbewerb im Markt käme zustande, wenn mehrere Anbieter, wie beim Strom, ein und dieselbe Leitung benutzen würden. Wettbewerb um den Markt würde geschaffen, wenn verschiedene Anbieter um das zeitlich befristete Recht zur Wasserversorgung konkurrieren würden.

Die deutsche Wasserwirtschaft gilt als „Bremsklotz im Weltmarkt“

Obwohl Müllers Gutachter durchaus guter Dinge waren, bewirkte ihre Expertise bisher wenig – außer einen Sturm der Entrüstung. Gegengutachter, beispielsweise des Umweltbundesamtes, gaben „schwerwiegende Bedenken“ gegen die Pläne zur Wasserliberalisierung zu Protokoll. Und es meldete sich eine große politische Koalition zu Wort: Verbraucheranwälte, Umweltschützer, Kommunalpolitiker, dazu Grüne, Sozialdemokraten und Unionschristen. „Wenn die Wasserversorgung dem freien Spiel der Marktkräfte überlassen wird“, wetterte beispielsweise der bayerische Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Reinhold Bocklet (CSU), seien Versorgungssicherheit und akzeptable Preise gefährdet. Der Bundestag wies alle Liberalisierungspläne als „Experiment mit ungewissen Folgen“ zurück.

Gleichwohl, die jahrelange Debatte hinterließ Spuren. An der hiesigen Wasserwirtschaft blieb der Makel der Rückständigkeit kleben, sie galt fortan, wie es in einer Studie der Deutschen Bank heißt, als „Bremsklotz im Weltmarkt“. Auch die eigentlich wettbewerbsunwilligen rot-grünen Parlamentarier sahen in ihrem Bundestagsbeschluss immerhin Bedarf für eine „Modernisierungsstrategie“. Ziel: „größere Betriebseinheiten“ und so genannte Public-Private Partnerships, die Zusammenarbeit von Kommunen und privaten Unternehmen. Nur dann könnten die „erheblichen Chancen“ genutzt werden, die sich auf den internationalen Märkten böten.

Bisher erzwingt zwar kein einziges neues Gesetz den Einstieg privater Unternehmen in die kommunale Wasserwirtschaft; gleichwohl erobern die Wassermultis Schritt für Schritt den deutschen Markt. Des Rätsels Lösung: „Wachsende Finanzknappheit“, so Ulrich Oehmichen vom Branchenverband BGW, treibe Stadtwerke und kommunale Wasserversorger scharenweise in die Arme der Privatwirtschaft. Der spektakulärste Coup gelang den Konkurrenten RWE und Vivendi gemeinsam: Für rund 1,7 Milliarden Euro kauften die beiden Global Player der hoch verschuldeten Hauptstadt Berlin 49,9 Prozent ihres Wasserwerks ab.

Die Konzerne pflegen indes auch die Provinz – oft mit erstaunlichen Ergebnissen. Der Vivendi-Water-Ableger Midewa bescherte dem südlichen Sachsen-Anhalt sinkende Wasserpreise. Und im sächsischen Döbeln gelang es Vivendi, binnen kurzem die immensen Leitungsverluste von bis zu 40 Prozent um rund zwei Drittel zu senken. Vivendi besitzt eben die teuren Spezialgeräte zum Aufspüren und Reparieren von Leitungslecks – der Wasserverband Döbeln-Oschatz nicht.

Was aber ist Döbeln gegen eine Metropole wie Peking? Gegen Lagos, Istanbul oder Kathmandu? Ebenso wie viele Städte und Gemeinden in Deutschland versuchten Kommunen weltweit, „über die Privatisierung des Wassersektors ihr allgemeines Haushaltsdefizit zu mindern“, stellte eine Enquete-Kommission des Bundestages im vergangenen Jahr fest.

Das Ergebnis dieser Bemühungen listet das Fachblatt Global Water Intelligence jeden Monat akribisch auf: Es informiert, wo sich den Wasserversorgern gerade Chancen bieten. Die Geschäftsprinzipien: Entweder beteiligen sich die Privaten direkt an den öffentlichen Betrieben – oder sie erwerben für eine mehr oder weniger saftige Gebühr das Recht zur Wasserversorgung, meist für 20 Jahre oder mehr und mit Auflagen versehen. Günstige Kredite, beispielsweise der Weltbank, helfen den Multis anschließend oft beim Investieren. Besonders interessiert die Konzerne das so genannte non revenue water – jenes Wasser, das bisher nicht zu Geld wurde, weil es durch Leitungslecks entfleuchte oder weil die Gebühren dafür nicht konsequent eingetrieben wurden. In Brasilien, kein untypischer Fall, bleiben so 45 Prozent des kostbaren Nasses unbezahlt. Solche Verluste zu vermindern sei „eine attraktive Geschäftsgelegenheit“, heißt es in einem Report über den Markt des größten südamerikanischen Landes.

Die Nase vorn haben regelmäßig zwei französische Infrastrukturkonzerne: Vivendi Water und Suez, dessen Wassertochter Ondeo in 130 Ländern präsent ist und weltweit mehr als 60000 Menschen beschäftigt. Weil der französische Staat bereits im 19. Jahrhundert die Wasserdienste privaten Anbietern überließ, konnten Suez und Vivendi in ihrem Heimatmarkt groß genug werden, um nun im internationalen Geschäft die erste Geige spielen zu können. „Schon heute übersteigt die Nachfrage von Städten, die mit Profis wie uns zusammenarbeiten wollen, unsere Möglichkeiten“, sagt Olivier Barbaroux, der Präsident von Vivendi Water.

Der Konzern versorgt bereits Kalkutta mit Wasser, des Weiteren Tanger und Tetouan, dazu Nairobi und Prag. Im vergangenen Jahr kamen 550000 Einwohner der chinesischen Megametropole Shanghai dazu. Ondeo sicherte sich Tschungking, Chinas viertgrößte Stadt. Manila, Jakarta und Buenos Aires führt Ondeo ebenfalls auf der Kundenliste. Unter anderen.

Lediglich einige britische Versorger konnten bis vor kurzem den französischen Multis das Wasser reichen. Die damalige Premierministerin Margaret Thatcher hatte sie 1989 privatisiert. Den größten Betrieb, Thames Water, kaufte RWE – und machte ihn zur Führungsgesellschaft seiner Wassersparte. Damit verschafften sich die Essener die Eintrittskarte für den globalen Markt. Mittlerweile ist auch RWE in aller Welt vor Ort – in Hongkong, in Adelaide und auch in Shanghai.

Doch wer mit Wasser handelt, handelt sich auch Ärger ein. Die Privatisierung der englischen Wasserbehörden wurde sogar zu einem Politikum. Es stiegen nicht nur die Preise, sondern auch die Dividendenzahlungen, die Managergehälter und die Gewinne der privaten Wassermonopole. Die Aufsichtsbehörde OFWAT verordnete deshalb bereits einmal eine zwölfprozentige Wasserpreissenkung – während der britische Umweltminister sich despektierlich über die Leistungen von Thames Water ausließ: Sie gäben „Anlass zu großer Sorge“.

Werner Böttcher, der im Vorstand von Thames Water sitzt, macht keinen Hehl daraus, dass private Wasserversorger keine Wohltätigkeitsorganisationen sind: „Ein Gewinn muss unten rauskommen“, sagt er. Ganz klar. Zuweilen nimmt das Gewinnstreben aber unanständige Ausmaße an – und bringt die Wassermultis in Verruf.

Der jüngste Fall: Ende Januar beendeten United Water, ein Ableger von Suez, und die amerikanische Stadt Atlanta ihre eigentlich auf 20 Jahre angelegte Zusammenarbeit vorzeitig. Eine weitere Kooperation sei „nicht im besten Interesse der Stadt und ihrer Wasserkunden“, ließ die Bürgermeisterin Shirley Franklin wissen. Die in einer weltweiten Allianz namens Water for all vereinten Privatisierungsgegner feierten das Scheitern als großen Sieg.

Ob in Atlanta oder anderswo – die privaten Versorger, die sich, wie Vivendi Water, der „vollkommenen Beherrschung des Wasserkreislaufs“ rühmen, machen es tatsächlich nicht zwangsläufig besser als die öffentlichen Betriebe, unter deren Regie der Wassernotstand wachsen konnte. Zu traurigem Ruhm brachte es der „Wasserkrieg“ im bolivianischen Cochabamba. Auf Drängen der Weltbank überließen die Behörden dort vor vier Jahren einem internationalen Konsortium die Wasserwerke. Als die Preise stiegen, protestierten die Bewohner. Die Polizei hielt die Demonstranten mit Tränengas in Schach, später wurde scharf geschossen. Am 8.April 2000 traf eine Kugel den 17-jährigen Victor Hugo Daza Argadoña in den Kopf. Erst danach wurde der Vertrag mit dem Wasserkonsortium aufgelöst. Die Geschichte von Cochabamba, heißt es in einem Report der Greenwich-Universität, sei „nicht nur eine bolivianische Geschichte“.

Tatsächlich sind laut Bericht der Globalisierungs-Enquete-Kommission des Bundestages die Erfahrungen mit der Wasserprivatisierung durchaus zwiespältig. „Schlechtes privates Management“ sei zwar nicht die Regel, aber auch „keine Seltenheit“.

Gleichwohl ist der Privatisierungsprozess kaum zu stoppen. Womöglich sorgt dafür demnächst sogar mehr als nur die weltweite Finanznot der Kommunen. Wie aus geheimen, nur durch Indiskretion bekannt gewordenen Dokumenten hervorgeht, will die EU im Rahmen der Welthandelsrunde mit mehr als 70 Ländern auch über ein so sensibles Thema wie die Trinkwasserversorgung verhandeln. Es drohe, so Thomas Fritz vom globalisierungskritischen Netzwerk Attac, „ein Dammbruch, ein Frontalangriff auf die staatliche Daseinsvorsorge“.

Wer am ärgsten unter Wassernot leidet, hat vom freien Wassermarkt übrigens am wenigsten zu erwarten. Das Gros jener 1,1 Milliarden Menschen ohne Wasser lebt in den Dörfern der Entwicklungsländer. An deren Versorgung aber ist das H2O-Business gar nicht interessiert.

 

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