GEA  16.1. 07

 
Wachsende Zukunftsangst im Osten Deutschlands

 
Berlin (dpa) - Die Lebenszufriedenheit der Ostdeutschen hat nach dem aktuellen Sozialreport der Volkssolidarität im Jahr 2006 einen neuen Tiefpunkt erreicht. Nur noch 39 Prozent der rund 900 Befragten waren demnach mit ihrem Leben zufrieden. Im Jahr 2000 waren es noch 59 Prozent.

Insgesamt erreiche das Unzufriedenheits-Potenzial in den neuen Bundesländern seit der Wende einen historischen Höchststand, sagte Gunnar Winkler, Präsident des Sozialverbandes Volkssolidarität, am Dienstag in Berlin. Diese Stimmungslage könne die Stabilität im Osten langfristig gefährden. Der Verband halte die Entwicklungen im Bereich Rechtsextremismus bereits jetzt für bedrohlich.

Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) betonte, dass man die Ängste der Bevölkerung in Ostdeutschland ernst nehmen müsse. «Trotz positiver Entwicklungen in der Wirtschaft ist der Strukturwandel in Ostdeutschland noch nicht abgeschlossen», sagte Tiefensee, der auch Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Bundesländer ist.

Die Zukunftsängste haben nach Angaben der Sozialforscher im Vergleich zu den Reports der vergangenen 15 Jahre drastisch zugenommen. Zeigten sich im Jahr 2000 noch 42 Prozent der Befragten mit ihren Zukunftsaussichten zufrieden, waren es im Juni 2006 weniger als 20 Prozent, heißt es in der Studie, die vom Sozialwissenschaftlichem Forschungszentrum Berlin-Brandenburg erstellt wurde.

Insbesondere ältere Bürger zwischen 50 und 60 Jahren blickten eher mit Sorge auf ihren Lebensabend, sagte Winkler. Ursachen für die Ängste sieht er in der hohen Arbeitslosigkeit, gebrochenen Arbeitsbiografien und Reformdebatten der Bundesregierung. «Der Umbau des Sozialstaats wird in Ostdeutschland als Angriff auf den Lebensstandard gewertet», betonte Winkler.

Die Sozialdebatten haben nach Ansicht der Volkssolidarität dazu beigetragen, das subjektive Vertrauen in wichtige gesellschaftliche Institutionen bei den Ostdeutschen weiter zu untergraben. 92 Prozent der Interviewten gaben an, entweder kein oder nur wenig Vertrauen in den Bundestag zu haben. Auch für die Bundesregierung liegen die Misstrauens-Werte bei rund 90 Prozent. Volles Vertrauen in den Bundestag haben laut Studie 5 Prozent der Befragten, bei der Bundesregierung waren es 7 Prozent.

In der Umfrage nannten 5 Prozent der befragte Ostdeutschen Sympathien für rechtsextreme Parteien, 57 Prozent lehnten das jedoch entschieden ab. Die Forscher werten den unentschiedenen Rest von 27 Prozent, der mit «ist mir egal» oder «ich weiß nicht» antwortete, als politisch ernst zu nehmendes Potenzial. In der Umfrage ließen zum Beispiel 74 Prozent der befragten Ostdeutschen aus allen Altersgruppen eine ausländerfeindliche Grundhaltung erkennen.

Als wichtige Werte im Leben gaben die meisten der 885 Befragten Arbeit (81 Prozent), Familie (69 Prozent) und soziale Sicherheit (66 Prozent) an. Die Chance, eine eigene Familie zu gründen, sehen die jüngeren Interviewpartner jedoch skeptisch. Mehr als ein Drittel fürchtet bei einer Entscheidung für Kinder Nachteile im Beruf.

Nur ein Viertel der befragten Ostdeutschen gab im Sozialreport an, sich als «richtige Bundesbürger» zu fühlen. Auf die Aussage «Ich möchte am liebsten die DDR wiederhaben» antworteten 15 Prozent der Befragten mit «Ja».

 

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