Hier die FAZ-Artikel vom 8. März 2002:


a) "Hunderte Stadtwerke stehen zum Verkauf"

geg. FRANKFURT, 7. März. Die Veräußerung kommunaler Vermögenswerte wird in
den kommenden Jahren der größte Bereich des gesamten Übernahme- und
Beteiligungsmarktes in Deutschland sein. Davon ist Leif Zierz, Leiter des europäischen
Branchenteams bei KPMG Corporate Finance für die Privatisierung von
Versorgungs- und Entsorgungsbetrieben, überzeugt. Derzeit sei eine Welle von
Stadtwerksprivatisierungen zu beobachten. Aktuelle Beispiele sind Hanau, Braunschweig,
Lübeck oder Münster. In Münster versuchen gerade Privatisierungsgegner, über
einen Bürgerentscheid den teilweisen Verkauf der Stadtwerke zu verhindern.
Die Finanznot der Kommunen läßt aber immer mehr Städte dazu übergehen, meist
bis zu 49,9 Prozent an ihren Stadtwerken zu verkaufen. Es gibt in Deutschland
etwa 900 kommunale Versorgungsbetriebe, von denen 650 als
privatisierungsfähig gelten. Davon haben erst 263 eine private Beteiligung. "Das Angebot an
Beteiligungen an Stadtwerken stößt derzeit auf eine große nationale wie
internationale Nachfrage", sagt Zierz. Es gebe aber weitere Vermögenswerte der
Kommunen, von denen sie sich trennen müßten, weil dies die von der EU
vorangetriebene Liberalisierung der Märkte oder die eigene Haushaltslage verlangt. Das
nächste große Thema nach dem Verkauf von Teilen der Strom-, Gas- und
Wasserversorgung sei der Öffentliche Personennahverkehr. Die ersten Fälle einer privaten
Beteiligung zeichneten sich in Kiel und Lübeck ab. Zudem würden sich die
Kommunen von Krankenhäusern und Wohnungsgesellschaften trennen.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.03.2002, Nr. 57 / Seite 13



b) " Die Finanznot zwingt die Kommunen zum Verkauf der Stadtwerke"

Zweite Angebotswelle / Eon und RWE stoßen an Kartellgrenzen / Hohe Preise /
Ausländer wittern ihre Chance



geg. FRANKFURT, 7. März. In Deutschland gibt es derzeit eine
Stadtwerksprivatisierung nach der anderen. Ausgelöst durch die Finanznot der Kommunen
versuchen immer mehr Städte, ihren Haushalt über den Teilverkauf des kommunalen
Energieversorgers (Strom, Gas) zu sanieren. In den vergangenen Monaten haben
dies unter anderem die Städte Wiesbaden, Frankfurt/Oder, Gera, Ingolstadt,
Göttingen, Kassel und Duisburg getan. Zur Zeit sind die Städte Lübeck,
Braunschweig, Münster, Ulm und Wuppertal in Verkaufsverhandlungen. Hanau sucht gerade
einen Berater für die Verkaufsgespräche.

Die Not der Städte fällt in eine günstige Zeit für den Verkauf kommunaler
Betriebe. "Heute läßt sich fast jedes Stadtwerk verkaufen", sagt Leif Zierz,
Leiter des Branchenteams Energie und Entsorgung bei KPMG Corporate Finance. Das Unternehmen ist der größte Berater bei Anteilsverkäufen von Stadtwerken in Deutschland. Die hohe Nachfrage speist sich aus drei Quellen. Da sind einerseits die großen Energieunternehmen, zumeist Stromerzeuger, wie Eon, RWE und Energieversorgung Baden-Württemberg (EnBW). Sie sind traditionell in Deutschland Stromerzeuger und beliefern den überregionalen Großhandel, der ihnen auch überwiegend gehört. Was ihnen häufig fehlt, ist die letzte Stufe der Verteilung, die weitgehend in der Hand kommunaler Betriebe liegt, eben der Stadtwerke.
Um den Zugang auch zum Endverbraucher zu haben, erwerben sie Stadtwerke.
Außerdem haben die Energiekonzerne viel Geld. Ihr einziges Problem ist das
Kartellamt, das eine Übernahme untersagen könnte. So durfte RWE in Köln nur 20 Prozent erwerben statt der geplanten 25,1 Prozent.

In diese Lücke stoßen zunehmend ausländische Erwerber. Da die Erzeugung und überregionale Stromverteilung in Deutschland in festen Händen ist, bleibt
ihnen der Einstieg nur regional. Der größte Fall war die Übernahme der Hamburger Electricitätswerke und der Berliner Bewag durch den schwedischen
Vattenfall-Konzern. Das niederländische Unternehmen Essent hat sich mit der Mehrheit an den Stadtwerken Bremen einen Brückenkopf in Deutschland gesichert.

Der dritte Erwerberkreis ist die kleine Gruppe von Stadtwerken, die eine
Expansionsstrategie aus eigener Kraft fährt. Diese Gruppe wird angeführt von der MVV Energie AG, Mannheim, dem einzigen börsennotierten Stadtwerk
hierzulande. Diese hohe Nachfrage führt selbst gemessen an der guten Gewinnsituation vieler Stadtwerke zu Preisen "mit hohen strategischen Prämien", wie ein Beobachter des Marktes sagt. Außerdem sind in einem kommunalen Betrieb meist auch noch Rationalisierungsreserven gewinnsteigernd zu mobilisieren.

Insgesamt sind im Verband Kommunaler Unternehmen (VKU) in Köln 972 kommunale Betriebe organisiert. Davon haben erst 14 eine private Mehrheitsbeteiligung.
In 175 Fällen liegt die private Beteiligung zwischen 25 und 50 Prozent, in
46 Fällen unter 25 Prozent. Das bedeutet, daß erst 263 von 972 kommunalen
Versorgungsbetrieben einen privaten Anteilseigner haben und 709 noch immer zu 100 Prozent in kommunaler Hand sind. Davon dürften jedoch nur gut 400 für eine private Beteiligung in Frage kommen. Der Rest sind Regiebetriebe, an denen keine Anteile verkauft werden können, oder sie sind für eine Privatisierung zu klein. Eine Privatisierung lohnt sich erst bei Städten mit mindestens 30 000 Einwohnern.

Es gab schon eine erste Privatisierungswelle 1998 nach der Liberalisierung
des Strommarktes. Damals befürchtete man, dem offenen Wettbewerb nicht
gewachsen zu sein. Diese Beteiligungswelle, zu der die Anteilsverkäufe der
Stadtwerke in Leipzig, Chemnitz, Rostock oder Kassel gehörten, ebbte aber schnell wieder ab, als man sah, daß das Gegenteil eintritt. Während die Liberalisierung zu fallenden Erzeugerpreisen führte, konnten die Stadtwerke ihre Abgabepreise nahezu stabil halten und entsprechend ihren Gewinn steigern. Die Verbraucher, vor allem die privaten Abnehmer, waren nämlich viel treuer als man
befürchtet hatte. Weniger als 2 Prozent sind zu den privaten Stromhändlern
abgewandert. "Weil es für Stadtwerke noch immer strategische Prämien gibt, ist der Verkauf von Unternehmensteilen auch bei einer guten Ertragslage für die Kommune lohnend", sagt Zierz. Dagegen hat auch der Verband nichts, wenn große Teile in kommunalem Eigentum bleiben.

Die meisten Städte veräußern denn auch nur bis zu 49,9 Prozent der Anteile.
Mit ihrer Eigenbeteiligung möchten die Kommunen eine Sitzverlegung der
Gesellschaft vermeiden, Arbeitsplätze am Ort erhalten, Aufträge weiterhin dem
örtlichen Handwerk zukommen lassen, Rücksicht auf die Mitarbeiter nehmen und die Infrastrukturaufgaben eines Stadtwerkes bei der Industrieansiedlung einbringen können. Vor allem den Mitarbeitern vor Ort gelingt es häufig, die Stadt zu einem Eigenanteil zu bewegen. Stadtwerke sind große Arbeitgeber. Diese kommunalen Rücksichtnahmen führen dazu, daß die Entscheidung, sich von Anteilen zu trennen, meist bis zu zwei Jahre in Anspruch nimmt. Ist sie einmal gefallen, geht es dann sehr schnell.

Die einzige Möglichkeit, das Stadtwerk wettbewerbsfähig zu halten, ist die
private Beteiligung aber nicht. Der Verband weist auf recht erfolgreiche
Kooperationen von Stadtwerken hin wie die Enetko in Köln, die City Works mit den angeschlossenen Stadtwerken in München, Darmstadt, Mainz und Wiesbaden oder die grenzüberschreitende Kooperation Trianel in Aachen. Ein drittes Modell neben Anteilsverkauf und Kooperation von Stadtwerken ist das Kölner Modell, bei dem einige Stadtwerke aus dem Raum Köln mit dem RWE eine gemeinsame Gesellschaft gegründet haben. Bei diesen Kooperationen geht es vor allem um Einkaufsbündelung oder einen gemeinsamen Vertrieb.

Stadtwerks-Privatisierungen in Deutschland - Marktteilnehmer und ihre
wesentlichen Beteiligungen -


E.on Energie AG (Avacon AG, Contigas AG, Ruhrgas AG, EMR GmbH, HEIN Gas
Hamburger Gaswerke GmbH, Städtische Werke Magdeburg GmbH, Thüga AG)

RWE Plus Ag (SW Duisburg AG, SW Düsseldorf AG, Städtische Werke Magdeburg GmbH)

Energie Baden-Württemberg AG (SW Düsseldorf AG, SW Karlsruhe GmbH,
Neckarwerke Stuttgart AG, GASO GmbH)

Thüga AG (SW Chemitz AG, SW Hannover AG, SW Erfurt Gasversorgung GmbH, SW
Weimar Stadtversorgungs-GmbH)

MVV Energie AG (SW Ingolstadt Energie-GmbH, Energie Versorgung Offenbach AG)

INTERNATIONAL

Vattenfall Europe (HEW AG, Veag AG, Laubag AG)

TXU Europe Ltd. (SW Kiel AG)

Essent NV (Stadtwerke Bremen AG)

Fortum (Elektrizitätswerke Wesertal GmbH, Hameln)

Electrabel SA (Energieversorgung Gera GmbH, Energie SaarLorLux - SW
Saarbrücken AG)

Quelle: KMPG Corporate Finance

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.03.2002, Nr. 57 / Seite 17

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