Sind die Menschen für die Wirtschaft da?

Oder sollte die Wirtschaft den Menschen dienen?

OP v. 19.07.2004

 

In diesen Monaten erleben wie eine ungekannte Offensive der Unternehmer und ihrer Verbände und einer Vielzahl von „Volksvertretern“ fast jedweder Couleur. Sie fordern unbezahlte Mehrarbeit (mit der Folge von Kaufkraftverlust), eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit (mit der Folge von Rentensenkungen), schließlich drohen sie mit der Verlagerung von Produktionsstätten ins Billiglohn-Ausland. Auch diese, die schwerste Keule, ist mittel- und langfristig ökonomischer Unsinn - wer soll in Tschechien oder und der Slowakei die high-tech-Produkte bezahlen können, und: wer von den derzeit ca. 8 Millionen Arbeitssuchenden hierzulande soll sie sich noch leisten können? Von den Opfern von „Hartz IV“ wird nach dem 1. Januar 2005 zu reden (und vermutlich zu hören) sein.

 

Die oben genannten Kreise nutzen die tiefgreifende Verängstigung weiter Teile der Bevölkerung aus. Diese resultiert zum einen aus der seit langen Jahren stetig anwachsenden Arbeitslosigkeit, zum anderen aus der vermeintlichen (N. Blüm) Alternativlosigkeit zur „freien“ Marktwirtschaft: Millionen und aber Millionen von Menschen haben Angst von der Erwerbslosigkeit, die Rede von der „no future“-Generation der Jugend ist nicht nur in Deutschlands Osten bekannt. Die genannten Kreise bringen Millionen von Menschen – schlicht – um ihr Lebensglück.

 

Wer gibt den Unternehmern das Recht, die Menschen, die ihnen doch durch ihre Arbeit erst das Unternehmen ermöglichen, um ihr Lebensglück zu bringen, weite Teile der Jugend um ihre Zukunft? Man sollte bei dieser Thematik nicht nur an die skandalträchtigen Esser, Ackermann und Sommer denken. Auch die von Pierer, Neukirchen und die vielen anderen Wirtschaftschefs drohen doch nur auf der Basis der Werktätigkeit der bedrohten Millionen.

 

Das herrschende Wirtschaftssystem stellt jeden Tag, dieser Erkenntnis konnte sich unlängst selbst die Schattenkanzlerin Sabine C. in deutschen Fernsehen nicht verschließen, 1.300 Menschen ins soziale Abseits. Das macht eine knappe halbe Million im Jahr. Es ist immer weniger gut für immer mehr Menschen – übrigens nicht nur hierzulande, sondern im globalisierten Maßstab. Vielleicht sollten die Betroffenen wie die Bedrohten die verschiedenen Verfassungen unserer Republik (res publica = Angelegenheit des Volkes) erneut und akribischer lesen. In diesen, unter dem frischen Eindruck des kapitalistischen Desasters der 30er Jahre und ihrer wohlbekannten Folgen entstanden, finden sich Hinweise auf Alternativen.

 

Am Rande: Nicht nur Norbert Blüm sollte sich fortan auf das Ahlener Programm der CDU von Februar 1947 berufen, in dem es heißt: „Der Kapitalismus ist den Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden.“

 

 

Privatdozent Dr. Johannes M. Becker lehrt Politikwissenschaften an der Philipps-Universität.

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