junge Welt vom 24.12.2003
 
Titel

Senfsalon Deutschland

Zum Ausklang des Jahres genehmigen sich die Bundestagsabgeordneten einen bescheidenen Schluck aus der Pulle

Ulrich Schwemin
 
Das Beste zum Schluß: Im Senfsalon Deutschland kann niemand mehr untergehen. Als letzter Ausweg bleibt stets die Gründung einer Ich-AG, in der jeder seinen eigenen Senf dazugeben kann. Die uns diesen Segen zuteil werden ließen, die Abgeordneten des Bundestages, haben sich inzwischen in den wohlverdienten Weihnachtsurlaub zurückgezogen. Ihr vorerst letzter Akt als Vorkämpfer für die Ich-AG war ein bescheidenes Weihnachtsgeschenk fürs eigene Portemonnaie: Nach einem Bericht der Bild-Zeitung haben sich die Volksvertreter ihre steuerfreie Kostenpauschale ab Januar 2004 um rund 600 Euro jährlich erhöht.

 

Der Bund der Steuerzahler hält diesen Selbstbedienungsakt für »unverschämt«, weil gleichzeitig die Abzugsmöglichkeit von Werbungskosten für alle anderen Beschäftigten durch die Steuerreform eingeschränkt worden ist. Der sogenannte Arbeitnehmerpauschbetrag sinkt nämlich von derzeit 1044 auf 920 Euro. Auf Beschluß der gleichen Abgeordneten. Ziehen die ihr Geld aus unseren Taschen?

 

Aber jetzt bloß keine Neiddiskussion unterm Tannenbaum. Man kann das auch anders sehen. Die Abgeordneten haben schließlich ganze Arbeit geleistet: Ab 2004 drohen Zwangsarbeit und Massenarmut, genau wie Industrie- und »Arbeitgeber«verbände sich das gewünscht haben. Ein noch steilerer Abstieg war bis jetzt einfach nicht drin. Deshalb gibt’s auch nur die kleine Prämie. Aber im nächsten Jahr geht’s weiter mit der »Teamarbeit für Deutschland« – das ist schon versprochen. Zum Auslöffeln der noch schärfer werdenden Suppe werden wie gehabt die Lohnabhängigen, Arbeitslosen, Rentner und Sozialhilfeempfänger bestellt.

 

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Ausdruck erstellt am 24.12.2003 um 16:20:58 Uhr