SPIEGEL ONLINE - 12. Dezember 2005, 10:45
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Nobelpreisträger Stiglitz zu WTO-Gipfel
 
"Die USA und Europa tragen gleichermaßen Schuld"

Von Matthias Streitz

Der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz erwartet ein Scheitern des Welthandelsgipfels, der morgen in Hongkong beginnt. Den USA und der EU - aber auch Brasilien - wirft er vor, die Interessen ärmerer Länder zu missachten. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt er, wie eine fairere Lösung aussehen könnte.

Hamburg - Stiglitz selbst ist bereits am Samstag nach Hongkong abgeflogen, wo morgen die sechstägige Konferenz der Welthandelsorganisation WTO startet. Während im Kongresszentrum der Stadt Minister aus den 149 WTO-Mitgliedstaaten über die Senkung von Subventionen und Zöllen feilschen, wird der prominente Globalisierungskritiker eine Reihe von Vorträgen in Unis und im Presseclub halten.

Er fürchte, dass die "Verdrehungs-Maschinen" der USA und der EU in Hongkong gut funktionieren würden, sagte Stiglitz in einem Telefongespräch mit SPIEGEL ONLINE. Durch seine persönlichen Auftritte wolle er dagegenhalten und aufklären.

Die Chancen, dass sich die angereisten Politiker tatsächlich auf einen weiteren Abbau von Handelsbarrieren einigen, liegen aus Stiglitz' Sicht nahe Null. "Es ist sehr unwahrscheinlich, dass es in Hongkong eine Abmachung geben wird. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die reichen Staaten bei Themen wie der Agrarpolitik zu weiteren Zugeständnissen bereit sind", sagte er.

"Die andere Seite anschwärzen"

Für ähnlich unwahrscheinlich hält er, dass die Verhandlungen "wirklich der Entwicklung der ärmeren Länder dienen" würden. Dabei hatten sich die Staaten eben dies zum Ziel genommen, als sie die laufende WTO-Gesprächsrunde vor vier Jahren im arabischen Doha anschoben. Die Vorschläge, über die in Hongkong diskutiert werden solle, böten den meisten Entwicklungsländern "sehr wenig Gewinn und große Risiken", kritisierte der New Yorker Professor, der 2001 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften gewonnen hatte.


Den Unterhändlern der USA und der EU warf Stiglitz vor, nicht ernsthaft an einer Lösung interessiert zu sein - sie seien vor allem damit befasst, "die andere Seite anzuschwärzen" und sich selbst zu rechtfertigen. "Wenn sie all diese Energie und Klugheit in die Verhandlungen investiert hätten, könnten wir schon viel mehr Fortschritte haben", sagte er.

Es sei zwar richtig, dass die EU ihren Bauern höhere Subventionen zahle als die Vereinigten Staaten und dass EU-Handelskommissar Peter Mandelson vor seiner Abreise nach Hongkong nur ein "Gerippe" eines Verhandlungsvorschlages vorgelegt habe. Die Subventionspolitik der USA sei aber fast ebenso handelsverzerrend und schädlich, so Stiglitz. So halte Washington starr an der Förderung heimischer Baumwoll-Produktion fest, "die nur 25.000 sehr, sehr reichen amerikanischen Farmern nützt, aber zehn Millionen Bauern in Schwarzafrika und rund um die Welt schadet". Faktisch trügen die USA und Europa "gleichermaßen Schuld", wenn es in Hongkong kein Ergebnis gebe.

Joseph Stiglitz, Jahrgang 1943, lehrt derzeit Wirtschaftswissenschaften an der Columbia University in New York. Er war von 1995 bis 1997 Wirtschaftsberater des damaligen US- Präsidenten Bill Clinton und von 1997 bis 1999 Chefökonom der Weltbank - seine Erfahrungen aus dieser Zeit beschreibt er im Bestseller "Schatten der Globalisierung". Sein neues Buch "Fair Trade for All: How Trade Can Promote Development" erschien soeben in der Oxford University Press. 2001 erhielt Stiglitz zusammen mit George Akerlof und Michael Spence den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.
Seine Kritik richtet Stiglitz aber auch gegen größere Schwellenländer wie Brasilien, die sich in der sogenannten G20-Gruppe zusammengeschlossen haben. Brasilien als mächtiger Agrarexporteur konzentriere sich einseitig darauf, Märkte in den USA und Europa für eigene Produkte weiter zu öffnen. Dies liege nicht unbedingt im Interesse noch ärmerer Staaten, die vom Nahrungsmittelimport abhängig seien. "Eine weitere Liberalisierung des Handels wird sich auf Länder wie Brasilien, Indien, China und Staaten in Afrika sehr unterschiedlich auswirken", hob er hervor. Die Verlierer müssten dann mit mehr Entwicklungshilfe entschädigt werden.

"Einwanderung erleichtern"

Zu einer wirklich fairen Welthandelsordnung gehöre auch, dass die Wanderung von Zeit-Arbeitskräften aus armen in reiche Staaten erleichtert werde, verlangte Stiglitz. "Die globalen Effizienzgewinne, die eine solche Migration bringen würde, übersteigen die möglichen positiven Effekte einer Liberalisierung etwa bei den Finanzdienstleistungen bei weitem", sagte er - wohl wissend, dass viele Bürger der EU und Amerikas einem weiteren Zuzug von Wanderarbeitern aus dem Süden mit Angst und Abwehr begegnen.

Stiglitz hält es für unwahrscheinlich, dass es in den kommenden Tagen zu ähnlich gewalttätigen und medienwirksamen Massenproteste kommen wird wie bei vorherigen WTO-Tagungen in Cancún 2003 und Seattle 1999. Das habe aber mit dem Tagungsstandort China zu tun und nicht damit, dass die globale Protestbewegung gegen die Schattenseiten der Globalisierung an Schwung verloren habe.

Stiglitz sagte: "Wenn diese Tagung in Berlin stattfände, würden doch bestimmt eine Million Menschen auf die Straßen gehen."