Kinderarmut -  Stern 21.4.06


"Hartz IV hat das Problem verschärft"


Eine Frau holt sich mit ihrer Tochter Essen aus einer Suppenküche für Bedürftige


Bettelnde Straßenkinder in Bombay oder Rio de Janeiro - das ist das Bild, das die meisten beim Stichwort Kinderarmut vor Augen haben. Aber auch deutsche Kinder werden immer schlechter versorgt.

Kinderarmut galt lange als Problem der Dritten Welt. Doch es gibt sie auch im reichen Deutschland - und hier wächst sie laut einer Unicef-Studie seit 1990 schneller als in anderen Industriestaaten. Zudem warnt der Politikwissenschaftler und Armutsforscher Christoph Butterwegge davor, dass sich wegen der Sozialreformen das ohnehin seit der Wiedervereinigung gewachsene Problem noch verschärfen wird. Denn anders, als in den 50er und frühen 60er Jahren, als hauptsächlich ältere Frauen mit sehr kleinen Renten unter Armut litten, sind zunehmend Kinder und Jugendliche die Hauptbetroffenengruppe. Als relativ arm gilt laut Unicef, wessen Einkommen weniger als 50 Prozent des Durchschnittseinkommens in einem Land beträgt - in Deutschland waren dies im Jahr 2001 genau 725 Euro netto monatlich.

Jedes sechste Kind ist arm
Auch die Sozialverbände schlagen deshalb Alarm: Mehr als 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche sind hier zu Lande arm - die Dunkelziffer liegt sogar bei mehr als drei Millionen. Dabei gilt als offizielle Messlatte der Politik für Armut das Sozialhilfeniveau. Nach den neuesten Zahlen leben allein 1,798 Millionen der knapp 12 Millionen Kinder bis 15 Jahre in ALG-II-Haushalten, also auf Sozialhilfeniveau. Dazu kommt noch eine geringe Zahl Kinder in Sozialhilfehaushalten. Demnach wäre mindestens jedes sechste Kind arm. Die EU-Armutsschwelle liegt bei 60 Prozent des gewichteten durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens. In Deutschland sind das 938 Euro für den Haushaltsvorstand. Legt man diese Messlatte an, gibt es mehr Betroffene. Dabei fallen alle jene aus dieser Statistik, die weder ALG II noch Sozialhilfe beantragen, obwohl sie eine Leistung bekommen würden.
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Doch gerade Armut wird als Thema verdrängt, weil es stigmatisiert. "Niemand möchte mit Armut konfrontiert sein und sich mit den Armen auseinander setzen," erklärt Butterwegge. In seinem Buch "Kinderarmut in Ost- und Westdeutschland" hat er Ursachen und Folgen von Kinderarmut untersucht. Dabei mussten seine Mitarbeiter bei Befragungen in Schulen feststellen, dass offiziell Kinderarmut immer nur anderswo existiert: "Schulleiter, Lehrer und Eltern sagten immer wieder: 'Gehen Sie mal in den sozialen Brennpunkt einen Stadtteil weiter, bei uns in der Schule gibt es keine Armut'."

Hartz IV ist mit Schuld
Bei der rasanten Zunahme spielt sicher auch die Wiedervereinigung eine Rolle. Im Osten gibt es eine höhere Arbeitslosigkeit und mehr Alleinerziehende als im Westen, wodurch die Armut in Gesamtdeutschland relativ stark gestiegen ist. Doch laut Butterwegge liegt der Hauptgrund dafür im massiv betriebenen Um- und Abbau des Sozialstaates. "Vor allem Hartz IV hat das Problem verschärft, aber auch die Gesundheitsreform und andere Kürzungsmaßnahmen haben Verarmungsprozesse bis in die Mitte unserer Gesellschaft hinein ausgelöst," so der Armutsforscher.
 

 © Theo Heimann/DDP
Verloren hockt ein kleiner Junge auf dem Berliner Alexanderplatz

Von 1990 bis 2001 ist Kinderarmut in Deutschland um 2,7 Prozentpunkte gestiegen und sie steigt schneller als die durchschnittliche Armutsrate: Kinder sind inzwischen deutlich häufiger arm als Erwachsene. Im Westen hat sich Kinderarmut seit 1989 von 4,5 Prozent auf 9,8 Prozent im Jahr 2001 mehr als verdoppelt, im Osten waren im selben Jahr 12,6 Prozent der Kinder arm. In diese Zahlen sind noch nicht die Auswirkungen der Arbeitsmarktreformen eingeflossen. Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat dazu im vergangenen August eine Expertise "Kinder und Hartz IV" vorgelegt. Nach diesen Modellrechnungen lag die Kinderarmutsquote in Westdeutschland bei 12,4 Prozent, im Osten sogar bei 23,7 Prozent. In Städten wie Görlitz, Halle oder Schwerin leben dieser Expertise zufolge bis zu 35 Prozent der Kinder von Sozialgeld.

Vom Alltag Gleichaltriger ausgeschlossen
Argumente, dass Kinderarmut in Kalkutta etwas anderes sei als Kinderarmut in Köln, Kiel oder Konstanz lässt Butterwegge aber nur eingeschränkt gelten. "Es wäre falsch zu sagen, dass hier auf hohem Niveau gejammert wird. Denn Kinderarmut in einem reichen Land wie dem unseren kann sehr viel bedrückender sein als in einem armen Land, wo sich die Betroffenen eher solidarisieren." In einem reichen Land ist Armut viel eher ein Stigma, wodurch die Betroffenen ausgegrenzt und zum Teil sogar kriminalisiert werden. Arme in einem reichen Land stehen unter einem massiven Konsumdruck, dem gerade Kinder ausgesetzt sind.
 
Doch Armut ist mehr, als nur wenig Geld zu haben. Arme Kinder leben auf einem Einkommensniveau, das sie vom Alltag Gleichaltriger ausschließt: Es gibt keinen Musikunterricht, kein Sportverein, kein Kino- oder Schwimmbadbesuch, kein Nachhilfeunterricht. Da sie nicht mit anderen Kindern mithalten können, sind sie oft sozial isoliert, sie sind öfter krank, leben in beengten Wohnverhältnissen in vernachlässigten Stadtteilen mit schlechten Schulen und mangelnden sozialen Angeboten. Heute sei es überhaupt noch nicht abzusehen, was es für ein Gemeinwesen bedeutet, wenn ein Drittel seiner Kinder so leben müsse, erklärte Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. "Wir können es uns nicht leisten, diese ungeheuer große Zahl von Kindern Monate, wenn nicht Jahre auf einem Einkommensniveau zu belassen, das ihnen schlicht Zukunftschancen nimmt."

Arme Kinder bleiben oft arm
Wegen schlechterer Bildungschancen kommen Kinder aus armen Familien nur schwer aus dem Armutskreislauf heraus, wie eine Längsschnitt-Studie des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik und der Arbeiterwohlfahrt (AWO) zeigt. Sie haben nicht nur größere Schulprobleme, sondern werden zum Teil schon später eingeschult. Bereits im Vorschulalter zeigen viele Entwicklungsdefizite, die die Schule oft nicht ausgleicht, sondern noch vergrößert. "Aufwachsen in Armut hat lebenslange Folgen, die ohne Erhöhung der finanziellen Aufwendungen des Staates nicht aufgefangen werden", erklärte Studien-Mitautorin Gerda Holz in einem Beitrag für die Bundeszentrale für politische Bildung.
 
Andere Staaten mit geringerem Anteil armer Kinder stecken der Unicef-Studie zufolge mehr Geld in die Vermeidung von Kinderarmut, und auch wie sie dies tun, wirkt besser als die staatlichen Maßnahmen in Deutschland. Denn hier flossen die zusätzlichen Sozialleistungen meist in Ausgaben für Altersrenten und Gesundheitssysteme, während die Ausgaben für Kinder und Familien zurückgingen. Experten fordern deshalb unter anderem eine gezieltere Förderung benachteiligter Kinder und eine bessere Unterstützung Alleinerziehender - denn deren Kinder sind in Deutschland deutlich häufiger arm als Kinder, die mit beiden Eltern aufwachsen - und eine stärkere einkommensabhängige Kinder- und Familienförderung. Oder wie es der AWO zusammefasst: "Was heute Millionen kostet, spart morgen Milliarden."
 
spi mit AP