Aus der FTD vom 26.8.2004
Deutsche unterstützen Hartz-IV-Protest
Von Florian Güßgen, Hamburg

 

Montagsdemonstrationen im ganzen Land, wütende Proteste gegen Bundeskanzler Gerhard Schröder - die Deutschen gehen gegen die Arbeitsmarktreformen der Regierung auf die Straße, und die Mehrheit der Bevölkerung unterstützt diese Proteste. Das ist das Ergebnis der August-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos im Auftrag der FTD.

 


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ZoomBevorzugte Protestmittel
Demnach halten mehr als zwei Drittel der Befragten die Demonstrationen der vergangenen Wochen für gerechtfertigt (67 Prozent). Besonders ausgeprägt ist die Unterstützung in den neuen Bundesländern - mehr als vier von fünf befragten Ostdeutschen (85 Prozent) unterstützen die Aktionen. Vor allem Frauen (74 Prozent) und Menschen mit geringem Einkommen oder nur teilweiser Berufstätigkeit (85 Prozent) symphatisieren mit den Hartz-IV-Kritikern.

 

Der Protest kann viele Formen annehmen - von stiller Verweigerung bis zu gewaltsamen Demonstrationen. Die meisten Deutschen jedoch können sich lediglich vorstellen, zu verhältnismäßig moderaten Mitteln zu greifen. So sind 83 Prozent der Befragten dazu bereit, an einer Unterschriftensammlung teilzunehmen. In einer Bürgerinitiative würden sich drei Viertel der Deutschen (75 Prozent) engagieren. Die Teilnahme an einer genehmigten politischen Demonstration erwägen noch mehr als sechs von zehn der Befragten (62 Prozent), einen Brief an den Abgeordneten aus dem eigenen Wahlkreis will dagegen nur jeder Zweite verfassen. Immerhin 44 Prozent der Befragten würden ihrem Unmut dadurch Luft machen, dass sie eine Partei wählen, die sie sonst nicht wählen würden.

 

 

Ostdeutsche eher zu unorthodoxen Protestaktionen bereit

 

Die Teilnahme an unorthodoxen Protestaktionen wie der Besetzung von Ämtern und anderen öffentlichen Gebäuden kann sich nur noch etwa jeder Zwölfte vorstellen (acht Prozent). Auffällig ist jedoch, dass in Ostdeutschland die Bereitschaft höher ist als im Westen des Landes, zu unorthodoxen Mitteln zu greifen. Zwölf Prozent der befragten Ostdeutschen sind bereit, ein Amtsgebäude zu besetzen, während nur sieben Prozent der Westdeutschen dazu bereit sind.

 

Die Proteste dokumentieren auch die wachsende Kluft zwischen Wählern und Gewählten: 40 Prozent der Befragten sagten, die Politik sei so kompliziert, dass sie nicht mehr verstünden, was vor sich ginge - 2002 waren dies noch 35 Prozent und 2003 noch 37 Prozent der Befragten gewesen. Zwar traut sich eine relative Mehrheit der Bevölkerung noch zu, die Politik zu verstehen, aber im Vergleich zu 2002 ist dieser Anteil von 50 Prozent auf 47 Prozent gesunken. Auch hier ist im Osten der Anteil derjenigen, die sich von der Politik isoliert fühlen, mit 46 Prozent höher als im Westen (38 Prozent).

 

Noch größer als das Unverständnis der Bürger ist ihr Ohnmachtsgefühl gegenüber der Politik. Mehr als die Hälfte der Befragten (55 Prozent) gab an, sie hätten ohnehin keinen Einfluss darauf, was die Regierung unternehme. Dies ist allerdings kein neuer Trend - bereits 2003 vertraten 57 Prozent der Deutschen diese Ansicht.

 

© 2004 Financial Times Deutschland , © Illustration:  FTD: Quelle: Ipsos

 

URL des Artikels:     http://www.ftd.de/pw/de/1093076510590.html