Die Welt   8.2.05                  

Generationen-Los: arbeitslos

In Hamburg stehen die Chancen für Arbeitslose schlecht, wieder einen Job zu finden. Besonders junge und ältere Menschen sind schwer vermittelbar. Die Agentur für Arbeit gibt Hilfestellung, doch nun ist die Wirtschaft gefordert

von Martina Goy

Die Zahlen sind brutal: Offiziell waren im Januar 2005 in Hamburg 153 410 Arbeitssuchende gemeldet, davon sind 90 021 arbeitslos - drei Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Schlimmer noch: Die tatsächlichen Zahlen nach der Umstellung auf die neue Hartz-Berechnung in den kommenden drei Monaten werden vermutlich noch höher sein. Schon jetzt ist klar, daß die Situation am Arbeitsmarkt für zwei Gruppen besonders brisant ist: Zum einen stieg die Zahl der jungen Arbeitslosen unter 25 Jahren von Dezember 2004 nach der aktuellen Erfassungsmethode besorgniserregend von 6981 auf 9183 in diesem Monat. Und bei den über 50jährigen, die 23,5 Prozent der Arbeitslosen stellen, ist das Problem latent, da sie keine neue Arbeit finden. Die meisten Unternehmen wollen derzeit keine älteren Arbeitnehmer beschäftigen. Tendenz auch hier steigend.

Dennoch feiert die Bundesagentur für Arbeit die neuen, schlechten Zahlen quasi als Erfolg: Je mehr Transparenz, so die Devise, desto mehr Effektivität bei der Vermittlung. Trugschluß oder Hoffnungsstreif? Wie es in der Hamburger Wirklichkeit aussieht, hat die WELT mit dem Chef der Agentur für Arbeit, Rolf Steil, diskutiert. Er bezieht Stellung zu zehn Kernthesen, die das Problem der Arbeitslosigkeit in der Hansestadt darstellen.

1. Der steigende Anteil der unter 25jährigen Ihre Chance beziffert der Agenturchef als schwierig. "Sie sind zu einem sehr großen Teil sehr bildungsfern", sagt Rolf Steil. Soll heißen: Viele von ihnen haben keinen Berufsabschluß und häufig Sprach- sowie Schreib-Defizite. Sie zu vermitteln ist fast unmöglich. Hier habe man "den alten pädagogischen Grundsatz, daß man auch etwas fordern muß, ist in der Vergangenheit eindeutig zu wenig beachtet", so Steil. Insofern sei es "richtig, daß diese jungen Arbeitslosen jetzt deutlich besser angefaßt werden". Ein Teil würde nun hoffentlich vermehrt Hilfen und Praktika annehmen, der andere allerdings schneller abdriften. Sozialer Sprengstoff. "Wer sich unserer fürsorglichen Belagerung entzieht", so Steil, "dem wird irgendwann die Barauszahlung verweigert." Steils positiver Ansatz: die Ausstattung seiner Behörde mit Geld. Für 2005 kann er 284 Millionen Euro für sogenannte aktivierende Maßnahmen ausgeben. Die Ein-Euro-Jobs wiederum werden an die Jungen nur in Verbindung mit Ausbildungsangeboten wie Block-Unterricht abgegeben.

2. Die über 50jährigen Hier sieht Steil ein noch größeres Problem. "Entgegen der Lippenbekenntnisse der Wirtschaft", so sein Vorwurf, "haben die Älteren, und da besonders die minder qualifizierten, derzeit keine Möglichkeit, wieder in den Arbeitsprozeß einzuscheren." Insofern ist auch in Hamburg wie im gesamten Bundesgebiet deutlich weniger als die Hälfte dieser Altersgruppe nicht mehr in Arbeit. Steils Fazit: "Der Staat hat jahrelang die Frühverrentung subventioniert. Das Problem: Auch hier sind wir noch nicht auf dem neuesten Datenstand, da die Frühverrentung erst noch ausläuft." Da sich die Unternehmen frühestens mittelfristig auf die zunehmende Überalterung der Gesellschaft einstellen, ist hier derzeit "keine Integration möglich", sagt Steil. Ein geschlossener Arbeitsmarkt.

3. Frauen

Ein Hoffnungsschimmer für Steil. "Auf der langen Achse", sagt er, "sind in Hamburg Frauen die Gewinner. Die gut ausgebildeten drängen in immer mehr Berufssparten wie Beratung und Personalabteilungen. Hier liegen wir bundesweit klar über dem Trend." Für die ungelernten allerdings bestehe das gleiche Problem wie bei den Männern: In einer sich immer mehr zur Dienstleistungsgesellschaft ändernden Gemeinschaft geht die Handarbeit zurück.

4. Statistische Veränderung durch Hartz IV Hierzu sagt der Agenturchef: "Die stille Reserve gab es immer schon. Alle wußten, daß die tatsächlichen Arbeitslosenzahlen höher sind. An den Problemen ändern sie nichts. Allerdings besteht nun die Chance, mehr Aktivität in den Markt zu bekommen."

5. Quote der Selbständigen in Hamburg ist zu niedrig

Das sieht Rolf Steil anders. "Auch hier muß man langfristig schauen", sagt er, "unser Eindruck ist, daß gerade die jungen Leute die Selbständigkeit positiv sehen." 8000 Menschen nahmen im vergangenen Jahr die Chance wahr, sich mit einer Ich-AG beziehungsweise einem Übergangsgeld in die Selbstständigkeit zu retten. Steil: "Wir sollten mehr nach dem amerikanischen Prinzip handeln: Hinfallen und wieder aufstehen."

6. Entwicklung der Schwarzarbeit Wie im Bundestrend scheint auch in Hamburg offiziell die Schwarzarbeit zurückzugehen. Folge der leichteren Legalisierungsmöglichkeiten für Geringverdiener. Beispiel: vereinfachte Buchführung. Allerdings: "Der Trend dazu bleibt bestehen", sagt Steil, "immer mehr Menschen arbeiten in mehr als einem Job."

7. Fehlende Qualifikation der Jugendlichen Dazu Steil: "Wir bemühen uns, die Fehler der Vergangenheit zu beheben und den Jugendlichen Bildung zukommen zu lassen. Aber die Wirtschaft muß mithelfen, diesen jungen Menschen dann auch einen Einstieg zu ermöglichen. Hier wird man in einigen Monaten sehen, ob der nationale Pakt für Ausbildung tatsächlich greift. Ich hoffe, die Unternehmen sehen sich die Leute wenigstens an."

8. Bedürfnisse des Arbeitsmarktes entwickeln sich anders als die Vorstellungen vieler Jugendlichen Hier sieht Steil besonders ein Problem bei den Migranten. In Italien würden die jungen Leute nach der Schule einem Handwerker an die Hand gegeben und lernen so mit. Im formalisierten Deutschland gehe das nicht. Bei den Türken wiederum stünden Anspruch und Wirklichkeit im Widerspruch. "Denen muß man sehr vorsichtig erst einmal klar machen, daß man mit mittlerer Reife nicht Rechtsanwalt werden kann."

9. Junge Menschen finden arbeitslos-sein normal Steil: "Unsere gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe. Das darf nicht sein."

10. Viele Ausländer sind arbeitslos Mit 21 Prozent ist der Anteil der Ausländer in Hamburg erheblich höher ist als im Bundesdurchschnitt. "Hier gilt es vor allem eines zu vermitteln", sagt Steil: "Ohne Schulabschluß und Sprachkenntnisse wird sich dieses Problem vergrößern."

Artikel erschienen am Die, 8. Februar 2005