ein mann mit prinzipien von RALF SOTSCHECK
Nichts geht über prinzipientreue Menschen. Gordon Brown ist so einer. Der britische Schatzkanzler hat den Steuerflüchtlingen den Kampf angesagt. Er will unterbinden, dass sie ihre Firmen in Steueroasen wie Bermuda ansiedeln und die britischen Abgaben umgehen. Schließlich braucht Brown jeden Penny, um den maroden Gesundheitsdienst über Wasser zu halten.
Um ein bisschen Geld in die Kasse zu bringen, hat die Steuerbehörde im vorigen Jahr ihre sämtlichen Immobilien verkauft - immerhin 600 Gebäude. Das brachte 220 Millionen Pfund ein. Seitdem wohnt man zur Miete, was nicht gerade billig ist. In den letzten neun Monaten des vergangenen Jahres musste man an die Firma Mapely Steps Contractors Limited, die für die Wartung der Immobilien zuständig ist, 136 Millionen Pfund zahlen. Ein Teil davon würde ja wieder als Steuer hereinkommen, glaubte Brown. Das war ein Irrtum.
Vor anderthalb Jahren, als der Deal abgeschlossen wurde, verkündete Browns Ministerium, dass die Gebäude in die Hände einer angesehenen britischen Firma gehen würden. Das war nur die halbe Wahrheit. Zwar sind Mapely Steps Contractors tatsächlich britisch, aber Mapely Steps Limited sitzen auf den Bermudas - und diese Firma hat die Immobilien erworben. Beide Firmen gehören Mapely Holdings. Einer der Eigentümer ist der Milliardär George Soros. Bei der Erwähnung seines Namens läuft es den Geschäftsleuten in der Londoner City noch heute kalt den Rücken herunter. Vor zehn Jahren, als Großbritannien aus der Europäischen Währungsschlange ausscherte, spekulierte Soros mit einer Milliarde Pfund gegen Sterling und brachte das britische Währungssystem erheblich ins Wanken. Nun wohnt die britische Steuerbehörde bei ihm.
Die Behörde musste einräumen, dass man sich im vorigen Jahr geirrt hat, als man behauptete, die neue Eigentümerin der Immobilien sei eine britische Firma. Aber das mache ja nichts, sagte eine Sprecherin, man habe den Steuerzahlern eine Menge Geld gespart. Es sei preisgünstiger, die Gebäude von einer Fremdfirma warten zu lassen. "Wir hätten niemals ein Geschäft abgeschlossen, wenn es nicht sowohl im Geiste als auch den Buchstaben nach mit den Steuergesetzen des Vereinigten Königreichs übereinstimmte", sagte sie. Auf ihre Gewinne müssen Mapely Steps Contractors Steuern zahlen.
Welche Gewinne? Trotz der finanziellen Zuwendung durch die Steuerbehörde in Höhe von 136 Millionen Pfund schrieb das Unternehmen im vorigen Jahr Verluste von zwölf Millionen Pfund. Das lag daran, dass man dem Schwesterunternehmen 81 Millionen Pfund überwiesen hat - nach Bermuda. Der Geschäftsführer der Firma, Robin Priest, erklärte, dass dem britischen Volk kein Schaden entstehen würde: Man werde der Steuerbehörde die Miete ein wenig nachlassen.
Es wird die Briten freuen, dass ihre Steuereintreiber ein bisschen billiger wohnen dürfen. Dafür lohnt es sich, dass der Schatzkanzler günstige Deals mit ebenjenen Steuerflüchtlingen abschließt, die er zu jagen versprochen hat.
taz Nr. 6866 vom 30.9.2002, Seite 20, 105 Zeilen (Kommentar), RALF SOTSCHECK , Kolumne

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