Bloss nicht krank werden
Kasse praesentierte erste Belege fuer drastische Mehrbelastung der Patienten durch Gesundheits"reform"
                          Helga Schoenwald

Der Pharmamarkt faehrt Achterbahn. Dennoch haben sich die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung fuer Medikamente im Mittel der Monate Dezember 2003 und Januar 2004 nicht erhoeht zumindest bei der Gmuender Ersatzkasse (GEK), die am Mittwoch abend in Berlin entsprechende Zahlen praesentierte. Waehrend die Ausgaben im Dezember bei 32 Millionen Euro lagen, waren es im Januar nur 17 Millionen. Und Professor Gerd Glaeske, vom Gesundheitsministerium berufenes Mitglied im Sachverstaendigenrat Gesundheitswesen, glaubt, mit der Gesundheits"reform" sei es moeglich, "die Arzneimittelausgaben 2004 in Grenzen zu halten".



Fuer die Kranken sind diese Grenzen aber laengst gesprengt: Allein die GEK-Versicherten zahlten zu den Medikamenten auf Rezept im Januar mit ueber 2,5 Millionen Euro eine halbe Million mehr zu als im Januar 2003 und das, obwohl sie von ihren Aerzten wesentlich weniger verordnet bekamen. Denn zum einen besuchten sie die Aerzte wegen der Praxisgebuehr seltener, zum anderen verschrieben die ihnen auch noch weniger. Denn nicht rezeptpflichtige Medikamente muessen von den Patienten jetzt zu hundert Prozent bezahlt werden. Dennoch stiegen die Zuzahlungen im Februar noch weiter, waehrend sie im selben Zeitraum vor einem Jahr unter zwei Millionen gesunken waren.



Was die Stabilitaet der Kassenausgaben betrifft, schien sich Glaeske derweil doch nicht so sicher zu sein. Nur wenn es gelinge, den einseitigen Werbebotschaften der 15 000 taeglich von Arztpraxis zu Arztpraxis ziehenden Referenten der Pharmaindustrie "richtige Informationen fuer die Aerzte" entgegenzusetzen, seien therapeutisch und wirtschaftlich sinnvolle Verordnungen moeglich, betonte der Arzneimittelexperte und forderte eine "alternative Arnzeimittelinformation". Diese muesse auch von den Krankenkassen zur Verfuegung gestellt werden. Gleichzeitig aeusserte Glaeske Zweifel, ob diese "Gegenmacht" angesichts von durchschnittlich sieben Besuchen von Pharmareferenten pro Arzt und Tag gross genug sei.



GEK-Vorstandschef Dieter Hebel betonte, auch die Patienten muessten besser ueber die Wirkung von Medikamenten informiert werden. Die GEK habe im vergangenen Jahr erstmals 177 000 bei ihr versicherte Frauen mit einem Brief ueber Hormonbehandlungen informiert. Auch in der aktuellen Ausgabe der Mitgliederzeitschrift wird vor den Gefahren einer jahrelangen Hormoneinnahme in den Wechseljahren gewarnt.



Die unabhaengige Information von Aerzten und Patienten wird um so dringlicher, als manche Pharmahersteller im Kontext der Gesundheits"reform" "zweifelhafte Empfehlungen" gaben, wie Glaeske hervorhob. Gezielt wuerden den Aerzten verschreibungspflichtige Praeparate genannt, die man anstelle nicht mehr verordnungsfaehiger Mittel verschreiben koenne, was teilweise auch therapeutisch "hoechst zweifelhaft" sei. Einige Firmen, darunter Ratiopharm, haetten den Aerzten ganze Uebersichten mit verschreibungspflichtigen Substituten fuer nicht mehr rezeptfaehige Medikamente zugeleitet. Da wurde an Stelle des fiebersenkenden Wirkstoffs Paracetamol nun Novaminsulfon empfohlen und tatsaechlich vermehrt verordnet. Der Wirkstoff ist nach Angaben von Glaeske wegen schwerer Nebenwirkungen seit Jahren umstritten. In anderen Laendern wurde er gar nicht erst zugelassen oder wie in Schweden wieder vom Markt genommen. In der Bundesrepublik dagegen hat sich der Umsatz fuer Praeparate mit diesem Wirkstoff im Vergleich zum Vorjahr me

hr als verdoppelt: Waehrend er im Januar 2003 bei rund 25 000 Euro lag, erreichte er im Januar 2004 satte 57 000 Euro.



Ab dem 1. April wird es nun eine vom Gemeinsamen Bundesausschuss der Akteure im Gesundheitswesen festgelegte Liste von Medikamenten geben, die bei schweren Erkrankungen weiter auf Kosten der Krankenkassen verschrieben werden duerfen, obwohl sie nicht rezeptpflichtig sind. Auf ihr fehlen Glaeske zufolge die pflanzlichen Schlaf- und Beruhigungsmittel.


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