Aufsichtsräte

Die Deutschland AG lebt

Von Joachim Jahn, Frankfurt

Zahlreiche Verbindungen: Manfred Schneider18. August 2006 Die großen Dax-Konzerne in Deutschland sind über ihre Aufsichtsräte weiterhin eng miteinander verflochten. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), die deren Hauptgeschäftsführer Ulrich Hocker am Freitag vorstellte. Die vielfachtotgesagte “Deutschland AG³ ist also noch lange nicht aufgelöst. Den größten Einfluß auf der Seite der Anteilseigner hat demnach Manfred Schneider. Der ehemalige Vorstandschef des Chemiekonzerns Bayer sitzt in den Kontrollgremien von sieben Dax-Gesellschaften. Bei Bayer und dem Technologieunternehmen Linde steht er dem Aufsichtsorgan vor. Zudem ist er in elf der entscheidenden Ausschüsse vertreten; viermal ist er deren Vorsitzender - etwa im Prüfungsausschuß des Versicherungskonzerns Allianz oder im Personalausschuß von Bayer. Drei Spitzenreiter in 14 der 30 Dax-KonzernenEine symbolische Silbermedaille verlieh DSW-Chef Hocker an den Aufsichtsratschef des Stahlkonzerns Thyssen-Krupp, Gerhard Cromme. Bei vierweiteren Unternehmen sitzt er im Kontrollgremium und ist in sieben ihrer wichtigen Ausschüsse vertreten. Unter seiner Leitung tagen de rPrüfungsausschuß des Elektrokonzerns Siemens sowie der Präsidial- und der Personalausschuß von Thyssen-Krupp. Cromme ist überdies Vorsitzender der Kommission, die im Auftrag der Bundesregierung einen freiwilligen Verhaltenskatalog für Manager (Deutscher Corporate Governance  Kodex)aufstellt und jährlich überarbeitet. Knapp dahinter folgt Ulrich Hartmann, Oberkontrolleur des Energiekonzerns Eon. Auch er ist in vier weiteren Aktiengesellschaften Aufsichtsratsmitglied. Hartmann sitzt in vier wichtigen Ausschüsse; dem Präsidialausschuß von Eon sitzt er auch vor. Insgesamt gehören diese drei Spitzenreiter den Aufsichtsräten von 14 der 30 Dax-Konzerne an. Viermalstellen sie den Vorsitzenden, achtmal sind sie zudem in wichtigen Ausschüssen vertreten .“Vorstände sind zeitlich extrem belastet³“Die Top-Ten der Rangliste haben Mandate in den Kontrollgremien von 22Dax-Unternehmen³, sagte Geschäftsführer Hocker. Bei acht dieser Konzerne säßen sogar mindestens drei von ihnen nebeneinander auf der Bank der Kapitalseite. Sie träfen sich also - wenn auch in unterschiedlicher Zusammensetzung - immer wieder. “Hieran wird sehr deutlich, wie vernetzt die Top-Kontrolleure sind.³Frauen fand die Schutzvereinigung auf den vorderen Plätzen nur in zwei Fällen, nämlich die Meinungsforscherin Renate Köcher vom Allensbach-Institut (Allianz, BASF, Infineon und MAN) sowie Susanne Klatten (Altana und BMW). Auch Ausländer seien nur relativ selten vertreten, bedauerte Hocker. Unterden zehn ersten Kontrolleuren fand sich zudem kein einziger aktiver Vorstand. “Für uns ist dies durchaus ein Grund zur Freude³, sagte der Anlegerlobbyist: “Vorstände sind durch ihre Arbeit zeitlich extrembelastet.³ Beschränkung auf fünf Aufsichtsratsmandate? Insgesamt beherrschten folglich Berufsaufsichtsräte die Liste. Hocker lobte die Kodex-Vorschrift, die Zahl der Aufsichtsratsmandate auf höchstens fünf zu beschränken; ein Posten als Vorsitzender zählt doppelt. Weniger erfreulich nannte der Geschäftsführer, daß neun der wichtigsten zehn Kontrolleure direkt aus der Position des Vorstandschefs an die Spitze des Aufsichtsorgans gewechselt seien. Die Vereinigung fordert zwei Ergänzungen zum Corporate-Governance-Kodex. Anderenfalls müsse der Gesetzgeber handeln, sagte Hocker. So müsse ein Anforderungskatalog für die Position des Aufsichtsratschefs aufgestellt werden. Mindestanforderung solle der “Nachweis einer langjährigen und erfolgreichen Managementerfahrung³ sein. Er nannte es erstaunlich, daß bei einem so wichtigen Posten bislang auf jeglichen Befähigungsnachweisverzichtet werde. “Aufsichtsratschef kann dagegen jeder werden³“Dabei setzt eine solch zentrale Aufgabe einiges an Kenntnissen voraus.³Schließlich sei kaum verständlich, daß dem Kodex zufolge zwar dem Prüfungsausschuß ein Finanzexperte mit besonderen Kenntnissen vorsitzen müsse - “Aufsichtsratschef kann dagegen jeder werden³.Zudem müßten für ein Aufsichtsrat fünf Jahre lang hervorgehobene Kontrollämter tabu sein, wenn die Aktionäre ihm die Entlastung verweigerten. Auch solle er nicht mehr zur Wiederwahl aufgestellt werden können, folgerte der DSW-Chef daraus, daß die Abfuhr für den Verdi-Vorsitzenden Frank Bsirske bei der Deutschen Lufthansa keine Konsequenzen hatte.

Text: F.A.Z., 19.08.2006, Nr. 192 / Seite 9