"Der Dschungelkapitalismus bricht mit den Werten der Aufklärung"

Stuttgarter Zeitung vom 28.02.2003
 
Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler beklagt eine nie da gewesene Monopolisierung des weltweiten Reichtums und hofft auf die neue planetarische Zivilgesellschaft
 
Jean Ziegler ist Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung. In seinem soeben erschienenen Buch "Die neuen Herrscher der Welt" geißelt er die Auswüchse der Globalisierung und den zunehmenden Hunger in der Welt. Mit dem 64-jährigen Schweizer Soziologen sprachen Michael Weißenborn und Christopher Ziedler.

Herr Ziegler, in Ihrem neuen Buch geht es hauptsächlich um Kritik an der Globalisierung. Sehen Sie denn gar nichts Positives?

Die Globalisierung an sich ist ein neutraler Begriff. Positiv ist sicher die Globalisierung der Kommunikation. Ein einheitlicher Cyberspace ist entstanden, der nicht nur die neue Herrschaftsstruktur, sondern auch die planetarische Zivilgesellschaft erst ermöglicht hat.

Für und Wider der Globalisierung sind bekannt. Warum also ein neues Buch?

Ich habe als UN-Sonderberichterstatter so viel gesehen und auch die Apparate der internationalen Organisationen von innen kennen gelernt. Da schien es mir wichtig, mein Wissen über die neuen Herrschaftsstrukturen und darüber, wie die Oligarchien des Finanzkapitals funktionieren, aufzuschreiben. Der Kampf um Transparenz ist entscheidend: Wer sind die Herrscher, wer die Opfer der neuen Weltwirtschaftsordnung?

Sie reden von der Macht der Multis, die die Armut in der Welt noch verstärken: Aber fehlt es nicht auch an "good governance", am vernünftigen Regierungshandeln in den Entwicklungsländern selbst?

Die Globalisierung funktioniert ja. Seit 1991 hat sich das Weltbruttosozialprodukt mehr als verdoppelt. Im selben Zeitraum hat sich der Welthandel verdreifacht - unglaublicher Reichtum in den Händen ganz weniger ist entstanden. Die 225 größten Privatvermögen sind höher als das Jahreseinkommen von 2,7 Milliarden Menschen - eine nie da gewesene Monopolisierung des Reichtums.

Aber was davon ist hausgemacht?

Ich habe in dem Buch ein ganzes Kapital der Korruption gewidmet. Ich ignoriere das nicht, weil es unentschuldbar ist. Es ist aber ein Sekundärphänomen. Die Weltordnung ist ja nicht nur mörderisch, sondern auch absurd, weil die Weltagrarproduktion ohne Probleme zwölf Milliarden Menschen ernähren könnte. Es gibt keine nicht menschengemachten Gründe für das furchtbare Massenelend: Täglich sterben 100 000 Menschen an Hunger, alle sieben Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. 826 Millionen Menschen sind schwerstens unterernährt.

Das Wirtschaftswunder in Asien hat doch gezeigt, dass sich Staaten durch gute Politik aus der Armutsfalle befreien können.

Das war zu Zeiten, als es keine Welthandelsorganisation gab. Thailand etwa hatte einst Schutzzölle erhoben und dahinter eine nationale Industrie aufgebaut. Das ist seit 1995 nicht mehr möglich. Weil die WTO die totale Liberalisierung anstrebt, können Entwicklungsländer kaum noch selbstständig agieren. Nehmen wir den Niger. Das Viehzüchterland ist zusammengebrochen, weil bei der Privatisierung des Veterinäramtes weltmarktgerechte Preise für Impfstoffe oder Vitaminpräparate verordnet wurden. Südkorea gäbe es heute nicht in dieser beeindruckenden Form, wäre die WTO eher gegründet worden.

Wie müsste man die WTO umgestalten?

Die müsste man auflösen. Dort herrscht die Tyrannei der multinationalen Konzerne, die in Brüssel mit am Tisch sitzen und die Verhandlungsposition der Europäischen Union diktieren. Das heißt aber nicht, dass die Globalisierungskritiker alle Protektionisten sind. Es muss Welthandel geben, aber wir brauchen fairen Handel.

Den könnte die WTO doch überwachen.

Das kann sie nicht. Eine Handelsorganisation der Vereinten Nationen müsste es geben.

Sie glauben also nicht daran, dass auch Entwicklungsländer einmal vom wachsenden Wohlstand profitieren - an den so genannten "Trickle-down"-Effekt?

Die These stammt ja von Adam Smith: Er glaubte an den Moment, in dem selbst der reichste Mensch an eine Grenze stoße, in dem er nicht mehr als 50 Kilo Kaviar am Tag essen kann. Dann profitiere auch das Umfeld. Rein empirisch ist aber das Gegenteil der Fall. Die Zahl der extrem Armen, die von weniger als einem Dollar am Tag leben müssen, ist in den vergangenen sechs Jahren von 2,7 Milliarden auf 2,81 Milliarden gestiegen. Das Elend nimmt rasant zu. Der "Trickle-down"-Effekt findet nicht statt.

Warum nicht?

Der Denkfehler bei Smith liegt darin, dass der Dschungelkapitalismus nichts mehr mit einem Gebrauchswert zu tun hat, weil Gier und Macht keine objektive Grenze kennen.

Wie sieht dann Ihre Alternative zur gegenwärtigen Weltwirtschaftsordnung aus?

Ob es nun Hoffnung auf ein neues System gibt oder nicht: Die jetzige Weltordnung ist unannehmbar.

Aber die Antiglobalisierungsbewegung ist doch eine völlig heterogene Gruppe ohne gemeinsame Ziele.

Es ist ein Aufstand des Gewissens. Die neue Zivilgesellschaft hat vergangenes Jahr bereits den Metallarbeiter Lula, der ja aus ärmsten Verhältnissen stammt, in der zehntgrößten Wirtschaftsnation der Welt an die Macht gebracht - in Brasilien. Der Widerstand ist groß. Noch vor ein paar Jahren galten doch alle als Spinner, die den Neoliberalismus mit seinen behaupteten wirtschaftlichen Naturgesetzen hinterfragten. Das Dogma der Herrschenden ist heute in Frage gestellt.

Sind Sie ein Revolutionär?

Wir brauchen eine 180-Grad-Kehrtwende, weil wir - wie Kant gesagt hat - an der Abbruchkante der Zeit stehen. Die Diffamierung des Gesetzes, die Agonie des Nationalstaates, der Dschungelkapitalismus allgemein bricht mit den Werten der Aufklärung.

Sie sprechen von der Agonie des Nationalstaates. Aber hat nicht der 11. September zu dessen Renaissance geführt? Die Regierungen sind doch mächtiger als gedacht?

Das Vokabular ist staatlich. Im Hintergrund stehen aber die Interessen der Konzerne. Beim morgendlichen Blick auf die Börsenkurse sehen die Staatschefs, wie groß ihr politischer Spielraum ist. Das Finanzkapital hat den Nationalstaat völlig instrumentalisiert. Das gilt meiner Meinung nach auch für den bevorstehenden Irak-Krieg. Die Logik hinter diesem drohenden Massenmord sind die 280 Milliarden Barrel Erdölreserven, auf denen Saddam Hussein sitzt. Das wird dann von Seiten der Junta in Washington in staatskonformes Vokabular verpackt.