junge Welt vom 18.04.2005
 
Kommentar

Schuldigkeit getan

Zerschlagung von DaimlerChrysler?

Winfried Wolf
 
Nach zunächst abenteuerlich erscheinenden Meldungen der letzten Tage sollen internationale Investoren bei den Großaktionären von DaimlerChrysler mit Übernahmeangeboten vorstellig geworden sein. Es gibt derzeit drei bekannte Großaktionäre: die Deutsche Bank mit einem Grundkapital-Anteil von 10,4 Prozent, das Emirat Kuwait mit 7,2 Prozent und das Emirat Dubai mit rund 2,2 Prozent. Der Anteil der Deutschen Bank, die Daimler-Benz in den Jahren 1925 bis 1945 und 1975 bis 1998 kontrollierte, wurde in den letzten Jahren deutlich heruntergefahren. Bisher war bei DaimlerChrysler der Einfluß der größten deutschen Bank, bestimmend, was auch durch die Person des Aufsichtsratsvorsitzenden, Hilmar Kopper, des ehemaligen Chefs der Deutschen Bank dokumentiert wurde. Das wird sich jedoch ändern, zumal der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, mehrmals erklärte, man werde sich »aus allen industriellen Beteiligungen« verabschieden.

Es sind drei Aspekte, die eine Übernahme von DaimlerChrysler und damit auch eine Zerschlagung des Konzerns nicht völlig absurd erscheinen lassen. Da ist zum einen die beschriebene jetzige Struktur des Konzerns. Angesichts von gut 80 Prozent anonymen Anlegern kann der Konzern leicht zum Spielball von spekulativen Engagements werden.

Zweitens haben alle Anleger bei DaimlerChrysler ein Interesse an größeren Gewinnen, einem höheren Aktienkurs und steigenden Ausschüttungen. Unisono äußerten alle Redner, die Investoren vertraten, auf der letzten Hauptversammlung Kritik an der zu niedrigen Profitabilität. Als im Januar der Investor Dubai einstieg, sagte der Geschäftsführer der Dubai-Holding, es gehe jetzt darum, »die Früchte aus der Fusion mit Chrysler zu ernten«.

Vor allem aber ist Daimler nur so lange ein strategisches Instrument zur Realisierung deutscher imperialistischer Interessen, wie der Konzern in diesem Sinn von Nutzen ist. Mit der Sammlung der deutschen Rüstungsindustrie 1982 bis 1998 (AEG, MTU, MBB, Dornier), mit dem Einbringen dieser Rüstungsunternehmen in den europäischen militärisch-industriellen Komplex (19992001) EADS und schließlich mit dem Verkauf des Triebwerkherstellers MTU Anfang 2005 hat der Mohr möglicherweise seine Schuldigkeit getan. Allerdings hieße das, daß bei einem Verkauf von DaimlerChrysler an solche Investoren zuvor der 31-Prozent-Anteil von DaimlerChrysler an EADS gekappt wird. Hier handelt es sich um strategische deutsche Interessen. Doch genauso wurde in den USA bei Chrysler verfahren: Erst nachdem bei Chrysler der Panzerbau und Anteile an der Luftfahrtindustrie (Gulfstream) abgegeben waren, durfte Daimler-Benz zuschlagen. Ebenso wurde bei Mannesmann verfahren: Erst nachdem dort die Anteile an der Rüstung abgegeben waren, durfte Vodafone Schmiergelder zahlen und übernehmen.

 

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Ausdruck erstellt am 17.04.2005 um 22:04:07 Uhr

 
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