junge Welt vom 30.12.2005
 
Inland

Wohlstand für wenige

WSI-Bericht über Verteilung der Einkommen 2005: Die Armen werden ärmer. Sie werden mehr und machen bereits ein Fünftel der Bevölkerung der BRD aus

Hubert Zaremba
 
Die Kunst der Haushaltsführung mit verknapptem Einkommen ist der Masse der bundesdeutschen Lohnempfänger inzwischen eine gewohnte Übung. Eher schon Überlebenskunst haben dabei die Erwerbslosen zu beweisen. Was diese Menschen mehr oder weniger individuell spüren, bestätigt ihnen nun Claus Schäfer vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der DGB-nahen Hans-Böckler-Stiftung im aktuellen Verteilungsbericht. Er belegt, daß der Anteil der Einkommen aus unselbständiger Arbeit am Volkseinkommen weiter sinkt.

Lohnquote sinkt

Als Volkseinkommen gilt die Summe aller Einkommen aus unselbständiger und selbständiger Arbeit sowie der Unternehmens- und Vermögenseinkommen. Der Anteil der Bruttolöhne abhängig Beschäftigter daran, die sogenannte Bruttolohnquote, sackte Schäfer zufolge 2004 auf 68,4 Prozent ab. Sie liegt damit wieder unter den vereinigungsbedingten Werten von etwas mehr als 70 Prozent nach 1990. Bereits in den 80er Jahren war es der Regierung Helmut Kohl – insbesondere durch Abstriche bei den Sozialleistungen und Steuererleichterung für die Unternehmen – gelungen, die Bruttolohnquote bis 1990 auf 69,8 Prozent zu senken. 1980 belief sie sich noch auf 75,2 Prozent.

In den vergangenen vier Jahren nahmen nur die Gewinn- und Vermögenseinkommen spürbar zu. »Konjunktur- und wachstumspolitisch fatal ist (...), daß die Kaufkraftpotentiale der beiden Einkommensquoten asymmetrisch wirksam werden. Die mikroökonomisch mit tendenziell hohen privaten Einkommen verbundenen Gewinn- und Vermögenseinkommen weisen auch große, nicht nachfragewirksame Sparneigungen auf; die hohe nachfragewirksame Konsumneigung, die tendenziell mit Lohneinkommen verbunden ist, kann sich jedoch wegen mikroökonomisch stagnierender, ja sinkender Einkommen nicht entfalten«, so Schäfers Analyse der Lage, die ein Schlaglicht auf die Binnemarktschwäche wirft.

Die vermutlich politisch gewollte Intransparenz bei der Erfassung der Nettogewinne der Kapitalgesellschaften verhindert ihre genaue Darstellung. Methodische Umwege erlauben nur Schätzungen der Gewinnquoten. Dennoch: Amtlich nachgewiesen schwangen sich die Bruttounternehmensgewinne seit 1994 von 218,16 Milliarden Euro auf die Größe von 368,77 Milliarden Euro im Jahre 2004. Forderte der Staat dafür 1994 einen direkten Steuerbetrag von 19,54 Milliarden Euro ein, begnügte er sich zehn Jahre später mit 20,81 Milliarden. Da ein steigender Investitionsbedarf in diesem Zeitraum nicht angesagt war, wuchsen statt dessen die betriebliche Geldvermögensbildung, die Dividendenausschüttungen an die Anteilseigner und nicht zuletzt die Vorstandsgehälter.

Keine Emanzipation

Trotz der Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse sind tariflich regulierte Vollzeitbeschäftigungsverhältnisse nach wie vor bestimmend für die Bruttolohnentwicklung. Im produzierenden Gewerbe konnten Vollzeitbeschäftigte im Westen mit einem durchschnittlichen Monatsverdienst von 3416 Euro rechnen, Frauen müssen sich noch immer mit bis zu 1000 Euro weniger begnügen.

Auch im Osten gibt es nichts Neues: Seit 1996 verharren die Löhne dort bei etwas weniger als 75 Prozent des Westniveaus. Hinsichtlich der Lohnhöhe und der Arbeitszeit ist das Gebiet der ehemaligen DDR längst eine real existierende Sonderwirtschaftszone der BRD.

Auch wenn tarifliche Lohnanpassungen nach oben um jährlich zwei Prozent quer durch die Branchen die feststellbare negative Lohndrift verzögern, sei der Sog geringerer Effektivlöhne nach unten durch Niedrigstlohnarbeit unverkennbar, schreibt Schäfer. Die lange vor dem Anschluß der DDR gezielt betriebene Einkommenspolarisierung seit der Endphase der SPD-FDP-Koalition um 1980 hat zwangsläufig die Strukturen der Klassengesellschaft deutlicher hervortreten lassen.

Asymmetrie

»Je mehr die Einkommensmitte der privaten Haushalte zugunsten der Einkommensränder ausgedünnt wird, d.h., je mehr es einerseits Einkommensarmut und Einkommensreichtum gibt, umso stärker wirkt der asymmetrische negative Effekt dieser ungleichen Verteilung von Einkommen, Konsum- und Sparquoten auf die private Nachfrage und das gesamtwirtschaftliche Wachstum. Dieser Effekt wird zusätzlich durch eine ungleiche Abgabenlast verstärkt«, stellt Schäfer fest. Eine solche Umverteilung – sprich: Steuersenkung zugunsten der Einkommensreichen – mache auch den Staat arm, verringere seinen Ausgabespielraum und erzwinge das, was jeder Politikdarsteller »Sparzwang« nennt.

Von Bundeskanzler Ludwig Erhards Losung »Wohlstand für alle« ist nicht viel geblieben. Schäfer verortet inzwischen 21,5 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsschwelle – die Millionen überschuldeten Haushalte eingeschlossen. Arm ist demnach, wer an oder unterhalb der Einkommenspfändungsgrenze einer alleinstehenden Person von 935 Euro lebt. Alles Klagen über eine als gesellschaftlich schädlich erkannte Verteilungsgewichtung darf sich jedoch nicht damit begnügen, im »Blick auf die gesamtwirtschaftliche Steuerlastfinanzierung bzw. Sozialstaatsfinanzierung in Deutschland« wieder »paritätische« Steuerlastverteilungen einzufordern, wie es Schäfer tut. Wer private Verfügung über Kapital und Grundeigentum nicht in Frage stellt, darf sich über Reichtumsakkumulation einer Minderheit nicht wundern.

 

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