junge Welt vom 02.03.2004
 
Interview

Globaler Standortwettbewerb: Weltwirtschaft auf Crashkurs?

jW sprach mit Horst Afheldt, Wirtschaftswissenschaftler und Autor des Buches »Wirtschaft, die arm macht – Vom Sozialstaat zur gespaltenen Gesellschaft«.

Interview: Leif Allendorf
 
F: Der deutsche Sozialstaat wird mit der Verheißung neuer Arbeitsplätze abgebaut. Tatsächlich stagniert die Arbeitslosigkeit auf hohem Niveau, und die Zahl der Beschäftigten nimmt ab. Werden die Politiker diesen Widersinn irgendwann bemerken?

Ob sie es merken, ist eine Frage – ob sie den Kurs ändern, eine ganz andere. Selbst wenn man erkennt, daß es so nicht geht, wird es lange Zeit dauern, bis sich eine neue Politik abzeichnet.

F: Einstweilen werden die Nettoeinkommen gesenkt und weitere Lohnkürzungen gefordert.

Durch den technischen Fortschritt verlagert sich der Schwerpunkt von der Arbeit zum Kapital. Je rascher der technische Fortschritt vorangeht, desto schneller wird die Arbeit entwertet. Zudem wirkt sich die sogenannte Globalisierung aus. Wenn der Weltmarkt von Zöllen befreit wird, stellt sich ein Gleichgewicht der Löhne ein. Das heißt konkret, Löhne für eine bestimmte Arbeit können in Deutschland nicht höher sein als in Indien oder China.

F: Mit der Folge einer weltweiten Lohnangleichung auf unterstem Niveau?

 

Das liegt am Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Wir haben weltweit Milliarden Arbeitsuchende, denen Millionen neugeschaffene Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Das Überangebot entwertet die abhängige Beschäftigung.

F: Arbeit wird also verramscht. Ist das unausweichlich?

»Arbeit wird billig wie Dreck«, habe ich in einem früheren Buch geschrieben.

F: Und die Staatsregierungen unterbieten sich gegenseitig im Wettbewerb um die günstigsten Standortbedingungen?

Da Kapital immer wichtiger und Arbeit immer unwichtiger wird, müssen die Staaten darum buhlen, daß Unternehmen sich bei ihnen niederlassen. Früher konnten Wirtschaftsminister dafür Bedingungen stellen – heute sind sie nur noch Wirtschaftsministranten, die im Konkurrenzkampf die Konzerne zu bedienen versuchen, indem sie Subventionen zahlen und auf Steuern verzichten. Ein Gutachten des Internationalen Währungsfonds kommt zu dem Ergebnis, daß von den Unternehmen eines Tages überhaupt keine Steuern mehr verlangt werden können.

 

F: Wenn die Staatskassen eines »schönen« Tages leergeräumt sind und die Kaufkraft durch Lohndrückerei am Boden liegt, droht dann nicht auch der Wirtschaft ein böses Erwachen?

Wir haben ein System, das uns in die Armut führt, obwohl alle Beteiligten aus ihrer Sicht richtig handeln. Der Unternehmer ersetzt durch eine Maschine den Arbeiter, der ihn das Dreifache kosten würde. Andernfalls ginge sein Unternehmen pleite. Auch der Bürgermeister oder der Staatschef, der um ein Unternehmen wirbt, handelt aus seiner Sicht richtig. Wann und womit das endet, ist nach meiner Ansicht nicht vorherzusagen.

F: Mit einem Kollaps?

Das wäre furchtbar. Wenn in der Gesellschaft eine Funktion zusammenbricht, hätte das ungeheure Folgen.

F: Zwischen den Parteien gibt es keine Unterschiede mehr, alle treten für den Neoliberalismus ein. Wozu dann Politik? Wozu überhaupt wählen?

Im bestehenden System hat der Staat seine Einflußmöglichkeit verloren. Der Staat ist kein Regler mehr, er ist zum Mitspieler im Markt geworden und dessen Regeln unterworfen, das gilt für alle Parteien in Regierungsverantwortung. Die einen versuchen, den Absturz zu verzögern, die anderen, wie die FDP, wollen Gas geben. Was schneller in den Abgrund führt – Bremsen oder Gas geben –, darüber läßt sich streiten.

F: Welche Handlungsmöglichkeiten bestehen dann überhaupt noch?

Wir müssen darüber nachdenken, was wir mit den Menschen machen, die nichts anderes anzubieten haben als ihre Arbeit. Wenn der freie Weltmark keine Lösung bietet, dann müssen wir eben zu regionalen Märkten zurückkehren. Ein Markt Europa, ein Markt Nordamerika, ein Markt Südamerika, ein Markt Ostasien. Und wenn in diesen Regionen vergleichbare Bedingungen herrschen, dann können wir wieder über eine Öffnung der Märkte nachdenken.

 

* Horst Afheldt: Wirtschaft, die arm macht – Vom Sozialstaat zur gespaltenen Gesellschaft. Antje Kunstmann Verlag, München 2003. 256 Seiten, 19,90 Euro