Wirtschaft Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.11.2004, Nr. 46, S. 33


Die Wahlhelfer des Kanzlers
 
Schrempp, Pierer & Co. - die Konzernchefs springen Schröder bei. Im Wahljahr 2006 spendiert die Industrie eine Millionenkampagne.

VON WINAND VON PETERSDORFF

Am zweiten November, als die Kameras Berlins sämtlichst auf die pastellfarbenen Kostüme der Queen gerichtet waren, trafen sich 30 Vertreter der deutschen Wirtschaftselite diskret im Bundeskanzleramt. Allianz-Chef Michael Diekmann, die Spitzenvertreter der Energieindustrie von Wulf Bernotat (Eon) zu Utz Claassen (EnBW), Tui-Vorstand Michael Frenzel, Bahn-Lenker Hartmut Mehdorn, Karstadt-Quelle-Chef Christoph Achenbach und die Unternehmer und Kanzlerfreunde Jürgen Großmann (Georgsmarienhütte) und Carsten Maschmeyer (AWD) waren mit von der Partie.

Zweck der Veranstaltung: Die ganz große Deutschland-PR im WM- und Wahljahr 2006. Die Kosten werden auf 20 Millionen Euro kalkuliert. Mindestens. Zehn Millionen steuert die Regierung bei, mindestens zehn Millionen werden von der am Kanzlertisch vertretenen Wirtschaft erwartet. Es könnten auch 20 bis 30 Millionen werden, verrät ein Teilnehmer.

Eine Standortkampagne im Wahljahr - ein schöneres Geschenk hätte die Industrie dem Kanzler kaum machen können. Geboren wurde die Idee, Deutschland im Jahr der Fußball-Weltmeisterschaft als Gastgeberland gut aussehen zu lassen, zwar im Bundesverband der Deutschen Industrie. Doch im Kanzleramt war man sofort hellauf begeistert und bringt sich seitdem machtvoll ein.

An einen Regisseur für den Imagefilm als Teil der Kampagne ist auch schon gedacht. Schröder-Freund Sönke Wortmann wird nach dem "Wunder von Bern" nun das Wirtschaftswunder von Berlin abdrehen, so eine Idee. Im Dezember und Januar gibt es weitere Treffen. Die Zeit drängt. Denn die Kampagne soll längst gestartet sein, wenn die Kicker zum Eröffnungsspiel der Fußballweltmeisterschaft antreten. Vorbild sind PR-Kampagnen von Australien und Portugal zu den Olympischen Spielen und der Europameisterschaft.

Selten hat sich ein solch illustrer Kreis aus der Wirtschaft beim Kanzler gewärmt. Selten konnte sich Schröder, der zusammen mit BDI-Präsident Michael Rogowski zum Treffen unter dem Arbeitstitel "1. FC Deutschland 06" geladen hatte, so sehr als "Genosse der Bosse" fühlen.

Es fand einen Höhepunkt, was sich schon seit einigen Monaten andeutet: Schröder, der Meister der Inszenierung, hat die Wirtschaft wieder für sich gewonnen. Führende Industrievertreter stärken dem Regierungschef in auffälliger Weise den Rücken.

Im April dieses Jahres erschien das Buch "Made in Germany 21", herausgegeben vom Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier und dem früheren SPD-Wahlkampfmanager Matthias Machnig, in dem Industrievertreter wie Siemens-Chef Heinrich von Pierer, VW- Chef Bernd Pischetsrieder, Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke, Jürgen Großmann, die Ex-Vorstände Jochen Milberg und Tim Renner, Unternehmensberater und Wissenschaftler halfen, Deutschland als Land der Innovationen darzustellen. Das liegt nahe: Schließlich hatte Schröder 2004 zum Jahr der Innovationen erkoren.

In der "Süddeutschen Zeitung" erschien Anfang Oktober eine Anzeige, in der die 60 Unterzeichner die Arbeitsmarktreformen der Bundesregierung lobten, darunter Berater Roland Berger, WestLB-Chef Thomas Fischer, Tui-Boss-Frenzel, Hochtief Chef Hans- Peter Keitel und Wendelin Wiedeking von Porsche.

Siemens-Chef Heinrich von Pierer leitete einen Meinungsbeitrag für die "Financial Times Deutschland" Anfang Oktober mit dem Satz ein: "Mit der Agenda 2010 hat Kanzler Gerhard Schröder die Grundlage für den Wiederaufstieg Deutschlands geschaffen." Daimler-Chef Jürgen Schrempp lobte Ende Oktober in der Zeitschrift "Stern" die Konsequenz und den Reformwillen seines Duzfreundes Gerhard Schröder: "So viele von der Sorte haben wir nicht."

Schröder bekommt Lob aus Ecken, aus denen eigentlich Schimpfkanonaden zu erwarten waren. Gelegentlich springen ihm sogar Topmanager bei, um den Bundesverband der Deutschen Industrie in die Schranken zu weisen.

Als BDI-Präsident Michael Rogowski die Mitbestimmung als "Irrtum der Geschichte" bezeichnete, fühlten sich der Bahnchef Hartmut Mehdorn und EnBW-Chef Claassen bemüßigt, die Mitbestimmung zu loben. Auch Schrempp verriet, daß er eigentlich nur gute Erfahrungen mit der Mitbestimmung gemacht hat. Schröder-Freund Hilmar Kopper, ehemals Chef der Deutschen Bank, lobpreiste als Standortbeauftragter den Standort Deutschland gerne dann, wenn der frühere BDI-Chef Hans-Olaf Henkel gerade Steuersenkungen forderte. Alles Zufall?

Jeder Vorstand, jeder Manager hat seine eigenen Gründe, Schröder zu helfen. Beim Bahnchef dürfte neben persönlichen Überzeugungen tiefe Dankbarkeit für eine Vertragsverlängerung in schwerer Zeit eine Rolle spielen. Utz Claassen, so wird vermutet, hat neben seinen Grundüberzeugungen mittelfristig Ambitionen auf einen Vorstandsposten bei Volkswagen. Da kann des Kanzlers Wohlwollen nicht schaden.

Auf die Niedersachsen Großmann, Maschmeyer und Frenzel konnte sich der ehemalige Ministerpräsident des nördlichen Bundeslandes schon immer verlassen, gehören sie doch zu den "Frogs", den "Friends of Gerhard". Schröders gelegentlicher Tennisdoppelpartner Pierer und andere Vertreter der Exportwirtschaft zollen dem Regierungschef Respekt für seinen Einsatz auf Auslandsreisen zugunsten der Wirtschaft. "Da ist er brillant", sagt selbst Unternehmer Jürgen Heraeus, der ihn auf China- Reisen erlebt hat. Anerkannt wird aber auch, daß Schröder nicht umfiel, als ihm Parteifreunde und Gewerkschafter Hartz IV ausreden wollten.

Und schließlich kommt die neue Zuwendung aus Mangel an Alternativen, wie Union-Sympathisant Heraeus spitz bemerkt. Die CDU/CSU bietet aus der Sicht der Wirtschaft spätestens seit Friedrich Merz' Abgang ein Bild des Jammers. Laut einer Ende Oktober veröffentlichten Umfrage des Allensbach-Instituts für die Zeitschrift "Capital" unter Topmanagern hat CDU-Chefin Angela Merkel nicht das Format zur Kanzlerin. Das sagen zumindest 54 Prozent - obwohl die meisten der Befragten mit der Union sympathisieren.

Für Schröder läuft es rund wie selten. Da kann er sich sogar eine gewisse Generosität leisten. Die Deutschland-PR im WM-Jahr dürfe um Himmels willen nicht nach Wahlwerbung aussehen, haben besorgte Unternehmensvertreter im Kanzleramt vorgetragen. Dafür hat Schröder, ganz Staatsmann, großes Verständnis geäußert. 2006 könnte für ihn ein schönes Jahr werden.
 
 
Bildunterschrift: Die Galerie der Freunde (von oben nach unten): Michael Frenzel (Tui), Hartmut Mehdorn (Bahn), Utz Claassen (EnBW), Jürgen Großmann (GMH), Jürgen Schrempp (Daimler-Chrysler) und Heinrich von Pierer (Siemens).

Fotos Novum, Reuters, Jan Roeder,

Holde Schneider (2), Christian Thiel (2),

Rainer Wohlfahrt

 
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