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http://de.wikipedia.org/wiki/WIR_Bank

http://www.zeit-fragen.ch/ausgaben/2008/nr37-vom-892008/wir-bank/

WIR-Bank

Antworten auf die Finanzkrise: Genossenschaftsprinzip und Komplementärwährung

von Dr. rer. publ. W. Wüthrich, Zürich

zf. Zeit-Fragen wird in den kommenden Wochen eine Reihe von Artikeln zum Thema «Finanzkrise» publizieren. Hintergründe im globalen Rahmen sollen ausgeleuchtet werden. Dabei soll nicht im Vordergrund stehen, «wie schlimm alles ist». Es sollen Antworten und Wege zur Bewältigung der Krise aufgezeigt werden. Die Geschichte der «Bauernhülfskasse» im Kanton Zürich (Zeit-Fragen Nr. 35/36) hat hier einen Anfang gemacht. Das Beispiel der WIR-Bank soll hier nun folgen. Viel Platz soll der geschichtlichen Aufarbeitung der Raiffeisen-Idee zukommen.

Am 16. Oktober 1934 ist eine Genossenschaft gegründet worden, die heute in ihrer Art und Entwicklung etwas Einmaliges ist: Die WIR Wirtschaftsring-Genossenschaft. Sie hat vor wenigen Jahren ihren Namen in WIR-Bank geändert. Wir lesen in den Statuten: «Die WIR-Genossenschaft ist eine Selbsthilfe-Organisation von Handels-, Gewerbe- und Dienstleistungsbetrieben. Sie bezweckt die angeschlossenen Teilnehmer zu fördern, ihre Kaufkraft durch das WIR-System einander dienstbar zu machen und in den eigenen Reihen zu halten, um damit den Teilnehmern zusätzlichen Umsatz zu verschaffen.»1

Grundidee

Die WIR-Genossenschaft ist eine Gemeinschaft mit einem Komplementärwährungssystem. Sie schafft – ähnlich wie eine Notenbank – selber Geld, das unter den Mitgliedern als Zahlungsmittel dient und mit dem sie Kredite gewährt. Der Wert des WIR ist an den Schweizer Franken gebunden (1 WIR = 1 CHF). Ein Hauptmerkmal ist die Zinsfreiheit. Die Guthaben auf den Konten werden nicht verzinst. Dies ist ein Anreiz, das Geld schnell wieder auszugeben und unter den Teilnehmern für Umsatz zu sorgen. In den Anfangszeiten wurde auf den Guthaben nicht nur kein Zins bezahlt, sondern eine Rückhaltegebühr verlangt. Diese sollte den Anreiz noch zusätzlich verstärken, das Geld schnell wieder in Umlauf zu bringen.

Ein Beispiel

Die Kreditkommission der WIR-Genossenschaft gewährt einen Hypothekarkredit von 100 000 WIR-Franken gegen bankübliche Sicherheiten. Sie leiht jedoch nicht Kundengeld aus – wie andere Banken –, sondern sie schafft das Geld selber – heute elektronisch mit einem «Mouse-Click» am Computer. Im Unterschied zur Notenbank entsteht das Geld nicht kraft Gesetz, sondern mit einem Vertrag und der Bereitschaft einer Gemeinschaft, das Genossenschaftsgeld zu akzeptieren: Der Kreditnehmer verwendet das neue Geld zum Beispiel für den Bau eines Hauses. Er bezahlt Bauhandwerker, die er als Mitglieder der Genossenschaft kennt. Diese begleichen damit Rechnungen für Materiallieferungen bei andern Genossenschaftern, die damit wiederum Zahlungen ausführen usw. Die Rechnungen werden in der Regel zu etwa dreissig bis vierzig Prozent in WIR bezahlt. Der Rest wird in Schweizer Franken beglichen, weil die teilnehmenden Unternehmen ihren Mitarbeitern den Lohn in Franken bezahlen und noch viele andere Kosten anfallen, die nicht in WIR bezahlt werden können, wie zum Beispiel die Steuern. – Der Hypothekarkredit aus neu geschaffenem Geld schafft so innerhalb der Genossenschaft Umsatz über viele Jahre – bis der Kredit wieder zurückbezahlt wird.
Die «Zinsgebühr» beträgt heute nur 1 Prozent. Sie entspricht ungefähr der Zinsmarge2 der Geschäftsbanken und ist im langjährigen Durchschnitt etwa ein Drittel so hoch wie normale Bankzinsen. Sie genügt, um die Kosten zu decken und genügend Reserven zu bilden. Dies ist möglich, weil die Genossenschaft das Geld wie eine Notenbank selber herstellt. Eine normale Bank nimmt Spargelder entgegen, zahlt dafür Zinsen und leiht das Geld wieder aus. Auch für das Geld der Notenbank muss eine Bank Zins bezahlen.
Die WIR-Genossenschaft hat seit 1936 den Status einer Bank und unterliegt den strengen Vorschriften der eidgenössischen Bankenkommission. Das Bankengesetz schreibt vor, dass zwischen den Aktiven und dem Eigenkapital ein bestimmtes Verhältnis bestehen muss. Das Kreditvolumen ist deshalb nicht unbegrenzt. Das WIR-Geld ist gütergedeckt. Hinter jeder Zahlung mit WIR-Geld steht ein Austausch von Gütern und Dienstleistungen.
Die Genossenschaft bietet ihren Mitgliedern eine Plattform, um ihre Waren und Dienstleistungen untereinander anzubieten. Dazu gehören neben dem Verzeichnis der Teilnehmer – heute «online» – Broschüren, Messen, spezielle Zustelldienste und vieles mehr. Über 90 000 Besucherinnen und Besucher aus allen Landesteilen fanden sich im letzten Jahr an den vier grossen Messen in Zürich, Luzern, Wettingen und Bern ein, um andere Genossenschafter und ihre Angebote kennenzulernen. Daneben organisieren regionale WIR-Gruppen auch Treffen zu politischen und kulturellen Fragen. Im Jahr 2007 fanden 53 Veranstaltungen statt, die von 1600 Interessierten besucht wurden.
Das System verlangt, dass die Teilnehmer ihren Bedarf an WIR-Franken planen und ein Budget erstellen. Schweizer Franken können jederzeit in WIR gewechselt werden. WIR-Franken dagegen können nur bei andern Genossenschaftern gegen Waren oder Dienstleistungen ausgegeben werden. Oder sie können zur Rückzahlung eines Kredites verwendet werden. Ein Rückumtausch in Schweizer Franken ist nicht möglich.

Komplementärwährungssystem

In der Geldtheorie ist WIR eine Komplementärwährung. Darunter versteht man eine Abmachung innerhalb einer Gemeinschaft, eine Währung als Tauschmittel zu akzeptieren, die keine Landeswährung ist. Die Komplementärwährung ersetzt die Landeswährung nicht. Sie übt jedoch eine soziale Funktion aus, für die die Landeswährung nicht geschaffen ist. In der WIR-Genossenschaft unterstützen sich die Mitglieder gegenseitig, indem sie mit ihrer eigenen Währung beieinander einkaufen und dafür in der Zentrale so günstig wie nirgends Kredite aufnehmen können. Dies ist insbesondere in wirtschaftlich schlechten Zeiten oder bei steigenden Zinsen von grosser Bedeutung. Wohlstand wird geschaffen und Arbeitslosigkeit verhindert.

Gründung der WIR-Genossenschaft

Die WIR-Genossenschaft wurde 1934 als Selbsthilfeorganisation von Werner Zimmermann, Paul Enz und 14 weiteren Personen gegründet – alle Anhänger der Freigeldtheorie von Silvio Gesell. Die Klein- und Mittelbetriebe wurden damals von der Wirtschaftsdepression hart getroffen. Die Umsätze waren massiv eingebrochen, und viele Mitarbeiter konnten nicht mehr beschäftigt werden. Anzeichen einer Besserung gab es nicht. Aus der Sicht der Freiwirtschaftslehre lag die Ursache dieses Desasters in der unzureichenden Geldversorgung sowie im gestörten Geldumlauf zufolge Geldhortung. – Wie kam es dazu? Zahlreiche Banken waren zusammengebrochen. Allein in Europa waren es weit über tausend. Dazu gehörten auch Grossbanken wie die Kreditanstalt in Österreich. Viele Leute hatten das Vertrauen in die Geldinstitute verloren und bewahrten ihr Geld lieber zu Hause auf. In der Schweiz wird geschätzt, dass etwa 20 Prozent der im Umlauf befindlichen Banknoten ausserhalb des Bankensystems gehortet wurde. In andern Ländern dürfte dieser Prozentsatz noch deutlich höher gewesen sein. Den Banken stand so weniger Geld zur Verfügung, um Kredite zu gewähren (was die Wirtschaft lähmte). Wegen der Goldbindung der Währungen konnten die Notenbanken – im Unterschied zu heute – nicht beliebig neues Geld in Umlauf bringen.

Was tun?

Eine Selbsthilfeorganisation sollte Abhilfe schaffen. Die WIR-Genossenschaft startete mit 16 Mitgliedern und einem Anfangskapital von 42 000 Franken. Der Name WIR ist nicht nur eine Abkürzung für Wirtschaftsring-Genossenschaft, sondern wurde von Werner Zimmermann als Gegenpol zu «ICH» definiert. In einer Gemeinschaft könne man die Interessen des Einzelnen besser schützen. Die WIR-Gründer waren damals nicht allein. Es gab weltweit viele ähnliche Organisationen. Ganze Dörfer und Vereinigungen von Menschen verschiedenster Art versuchten mit bargeldlosen Tauschringen und mit selbst geschaffenem Geld aktiv etwas gegen die lähmende Stimmung der grossen Wirtschaftsdepression zu unternehmen. Ihnen war folgendes Vorgehen gemeinsam:
1.    Sie schufen als Ausgleich zur knappen Landeswährung in einem begrenzten, überblickbaren Rahmen eine Komplementärwährung.
2.    Sie versahen das neue Tauschmittel mit einem Anreiz, das Geld nicht zu behalten oder gar zu horten, sondern schnell wieder auszugeben. So wurde auf den Guthaben in der Regel nicht nur kein Zins bezahlt, sondern eine Rückhaltegebühr verlangt – im Sinne: Wer das Geld nicht ausgibt, bezahlt eine Gebühr. Dies sollte verhindern, dass das Geld aus Angst vor der Zukunft gehortet wurde. Lähmende Denk- und Handlungsblockaden – die auch zum psychiatrischen Krankheitsbild der Depression gehören – sollten so durchbrochen werden.

Ähnliche Organisationen

Besonders verbreitet waren Selbsthilfeorganisationen in den USA, wo die Arbeitslosenquote zeitweise 25 Prozent erreichte (in der Schweiz 10 Prozent). Sie waren eine Antwort der Zivilgesellschaft auf die drückenden Probleme des Alltags. In den USA hatten Komplementärwährungen zudem eine lange Tradition.
In Deutschland schufen in der grossen Inflation der 20er Jahre viele Gemeinden ihr eigenes Währungssystem. Als 1929 die Weltwirtschaftskrise begann, wurde in Erfurt die Wära-Tauschgesellschaft gegründet. Sie verstand sich als Vereinigung, die privat und mit Eigeninitiative etwas gegen Krise und Arbeitslosigkeit unternehmen wollte.

Wörgl

In Österreich zog Wörgl, eine Gemeinde mit etwa 5000 Einwohnern bei Innsbruck, die Aufmerksamkeit auf sich.3 In der kleinen Stadt und in ihrer unmittelbaren Umgebung gab es 1500 Arbeitslose. Der Bürgermeister bezahlte dringende Gemeindeaufgaben und zum Teil auch den Lohn der Angestellten mit «Arbeitswertscheinen». Dieses Gemeindegeld war zu 100 Prozent gedeckt mit Landeswährung. Es konnte innerhalb der Gemeinde im Dorf zum Kauf von Waren und Dienstleistungen verwendet werden. Das neue Geld hatte jedoch etwas Besonderes an sich: Am Monatsende musste jeder die Geldscheine, die er gerade besass, abstempeln und dafür eine Gebühr von 1 Prozent bezahlen. Auf das Jahr gerechnet machte dies 12 Prozent. Diese Ausgabe liess sich vermeiden, wenn die Bürgerinnen und Bürger das neue Geld vor Monatsende wieder ausgaben. Das Nicht-Ausgeben von Geld wurde so «bestraft».
Ein Umtausch in Landeswährung war möglich, aber nur gegen eine Gebühr von 2 Prozent.
Die Teilnahme an diesem Geld-Experiment war für die Bevölkerung in Wörgl grundsätzlich freiwillig. Sie liess sich jedoch von ihrem Bürgermeister überzeugen und akzeptierte das neue Zahlungsmittel. Der Geldumlauf nahm – verständlicherweise – unweigerlich zu. Die Arbeitslosigkeit sank innerhalb eines Jahres um einen Viertel, und die finanzielle Situation der Gemeinde verbesserte sich markant. Die zusätzlichen Einnahmen (aus den Abgaben und Steuern) konnten für dringende Sozialausgaben verwendet werden.
Die Nachricht vom Erfolg des Geld-­Experiments in Wörgl verbreitete sich schnell: Ein ergänzendes, überblickbares Zahlungssystem innerhalb einer lokalen oder regionalen Gemeinschaft sichert den Geldumlauf, senkt die Arbeitslosigkeit und festigt den Zusammenhalt. Andere Gemeinden, vor allem in Österreich, aber auch in Liechtenstein (Triesen), folgten dem Beispiel. Das gut dokumentierte Experiment fand Beachtung in Politik und Wissenschaft sowohl im In- wie auch im Ausland. Der damals bekannteste Wirtschaftswissenschafter, der Engländer John Maynard Keynes, äusserte sich positiv dazu. Der französische Premierminister Daladier war einer von zahlreichen Politikern, die Wörgl besuchten. Alles sprach dafür, das erfolgreiche Experiment auszuweiten. – Es sollte anders kommen.

Abgewürgte Selbsthilfe

Das Alternativgeld von Wörgl wurde verboten – mit der Begründung, nur die Notenbank habe das Recht, Geldzeichen auszugeben. Die Behörden standen den Selbsthilfeorganisationen mit ihren Notwährungen überhaupt skeptisch gegenüber. In Deutschland und in Österreich wurden sie noch vor der Machtübernahme von Hitler verboten. In der politischen Debatte wurde das Experiment von Wörgl zunächst als «Unfug» gebrandmarkt. Dann wurde es als kommunistische Idee und nach dem Zweiten Weltkrieg als faschistisch verunglimpft.
Ähnliches ist auch aus den Vereinigten Staaten zu berichten, wo Komplementärwährungen die grösste Verbreitung gefunden und die längste Tradition haben. 1933 wurde J. D. Roosevelt als amerikanischer Präsident gewählt. Bereits in seiner Antrittsrede kündigte er ein Programm an, das als New Deal in die Geschichte eingehen sollte. Die Wirtschaftsdepression mit ihrer hohen Arbeitslosigkeit sollten bekämpft werden. Er kündigte staatliche Unterstützungsmassnahmen für die Banken und umfangreiche zentral geleitete Arbeitsbeschaffungsprogramme an. Da die Kassen leer waren, sollte sich der Staat verschulden. – Gleichzeitig kündigte Roosevelt an, die «Notwährungen» der vielen Selbsthilfeorganisationen zu verbieten.
Hat Roosevelt mit seinem New Deal Erfolg gehabt? Die Beschäftigungsprogramme waren zweifellos besser als nichts. Zahlreiche Personen leisteten in den Programmen nützliche Arbeit. Die Arbeitslosigkeit blieb jedoch hoch. Die Mehrheit der Wirtschaftshistoriker stimmt heute überein, dass das Gespenst der Depression in den USA wie in Deutschland erst durch die Umstellung auf die Kriegswirtschaft verschwand. Die dezentral von der Zivilgesellschaft eingeschlagenen Wege hätten die Wirkung der staatlichen Programme zweifellos nachhaltig verbessern können.4
In der Schweiz ergriffen die Behörden nicht so rigorose Massnahmen gegen die Selbsthilfeorganisationen wie in Deutschland und in den USA. Es wurde zwischen privat- und öffentlichrechtlichen Organisationen unterschieden. Die WIR-Genossenschaft als private Organisation wurde zugelassen. Sie wurde 1936 dem Bankengesetz unterstellt. Gesuche von Gemeinden dagegen wurden mit der gleichen Begründung wie in Österreich abgelehnt. Grosse Gemeinden wie Biel und Brienz hatten geplant, ein ähnliches Experiment wie Wörgl durchzuführen.

WIR – einzig überlebendes Komple­mentärwährungssystem nach dem Krieg

In den skandinavischen Ländern konnten sich zahlreiche Selbsthilfeorganisationen mit ihren Komplementärwährungen bis in die Zeit des Zweiten Weltkrieges halten. Sie lösten sich aber alle wieder auf. Die Gründe lagen teils in internen Schwierigkeiten und teils in den Wirren des Krieges. – Auch die WIR-Genossenschaft kam in Schwierigkeiten. Sie nahm jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg einen neuen Anlauf, und ihre Mitgliederzahl stieg in der Hochkonjunktur schnell an. Dies zeigt, dass die Grundidee der Komplementärwährung nicht nur in Wirtschaftskrisen Vorteile hat. Der Mechanismus, das WIR-Geld mit einer Rückhaltegebühr zu belasten, wurde nach dem Krieg jedoch ganz aufgegeben. Die Genossenschaft distanzierte sich damit auch ein Stück weit von der Freigeldtheorie von Silvio Gesell. – An der Zinsfreiheit wurde jedoch festgehalten. Die WIR-Guthaben werden bis heute nicht verzinst.
Diese Korrektur hatte auch ganz praktische Gründe: Ein so massiver Anreiz, das Geld schnell wieder auszugeben, hatte sich in Wörgl als segensreich erwiesen. Er hätte aber schlecht in die Hochkonjunktur gepasst. Im Unterschied zur Depression der 1930er Jahre war es in den Nachkriegsjahrzehnten nicht notwendig, die Wirtschaft zu beleben. Es herrschte Vollbeschäftigung und die Behörden in der Schweiz waren damit beschäftigt, die Hochkonjunktur zu dämpfen.

Wechselvolle Geschichte

Heute hat die WIR-Genossenschaft eine lange Entwicklung hinter sich. In der Mitte der sechziger bis in die siebziger Jahre erlebte sie eine schwere Krise. Etliche Teilnehmer sahen im WIR-System eine willkommene Gelegenheit, Waren von minderer Qualität zu überhöhten Preisen abzusetzen. Oder WIR-Geld wurde in Zeitungsinseraten mit einem Einschlag von 20 Prozent angeboten. Die Genossenschaft drohte in Verruf zu geraten und zu scheitern. Rigoroses Vorgehen gegen die Missbräuche war notwendig. Der Handel mit WIR-Guthaben wurde von der Genossenschaft verboten. So werden auch heute noch jedes Jahr konsequent Mitglieder ausgeschlossen, die gegen die Statuten verstossen. Die Rückbesinnung auf den Selbsthilfegedanken führte die Genossenschaft wieder auf den Pfad des Erfolges zurück.
Am WIR-System sind heute etwa 62 000 Mitglieder beteiligt – ausschliesslich Klein- und Mittelbetriebe. Sie wickeln untereinander Zahlungen im Umfang von etwa 1,65 Milliarden WIR-Franken pro Jahr ab. Wenn man berücksichtigt, dass eine Zahlung im Durchschnitt nur zu 30 bis 40 Prozent in WIR abgewickelt und der Rest in Schweizer Franken bezahlt wird, dann ist die Summe der in der Genossenschaft umgesetzten Güter und Dienstleistungen mehr als doppelt so hoch. Die in WIR-Franken gewährten Geschäfts- und Hypothekarkredite betragen etwa 850 Millionen.
Die WIR-Genossenschaft verfügt heute über ein voll ausgereiftes Komplementärwährungssystem. Beim 50-Jahr-Jubiläum im Jahr 1984 stellte der Direktor des Schweizerischen Bankvereins Basel fest: «WIR ist von einer krisenbedingten Selbsthilfeorganisation zu einer finanziell gesunden, straff organisierten und ausgezeichnet geführten Institution des gewerblichen Mittelstandes herangewachsen. Sie ergänzt die Tätigkeit der Banken und ist keine Konkurrenz.» – Das hat sich seit einigen Jahren geändert.

WIR-Bank

1998 änderte die Genossenschaft ihren Namen in WIR-Bank. Sie bot ihren Mitgliedern attraktiv verzinste Anlagekonten in Schweizer Franken an – ohne die WIR-Tätigkeit aufzugeben. Im Jahr 2000 öffnete sich die WIR-Bank der Allgemeinheit. Nicht nur Unternehmen, sondern auch Privatpersonen können heute die Dienstleistungen der Bank in Anspruch nehmen und Genossenschafter werden. Heute kann jedermann seine Bankgeschäfte bei der WIR-Bank in Schweizer Franken tätigen. Wer heute die Zentrale in Basel betritt, kommt in ein modernes Gebäude aus Glas, Stahl und Beton, das den üblichen Bankgebäuden in nichts nachsteht. Spar-, Geschäfts- und Anlagekonten in Schweizer Franken gehören zum Angebot – im Aktivgeschäft Hypothekar- und Geschäftskredite in Schweizer Franken, in WIR oder kombiniert.
Die gesamtschweizerisch tätige Bank hat heute eine Bilanzsumme von mehr als drei Milliarden Franken. Sie beschäftigt in ihrem Hauptsitz in Basel und in 8 Filialen – verteilt auf die ganze Schweiz – etwas mehr als zweihundert Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und bildet Lehrlinge aus. Vor kurzem hat sie das Internet-Banking eingeführt.
Die WIR-Bank ist in der Welt der KMU verankert und hat ihren Platz im vielfältigen Netz von Selbsthilfemassnahmen des kleinen und mittleren Gewerbes. Sie hat sich in den letzten Jahren sehr gut behauptet. Die Kundengelder in Schweizer Franken nehmen Jahr für Jahr zu und haben die Milliardengrenze längst überschritten. Die Zahl der «normalen» Bankkunden (die nicht am WIR-System teilnehmen) wächst ständig. Konsumentenorganisationen vergleichen oft ihre Konditionen mit denen anderer Banken. Die WIR-Bank schneidet meistens am besten ab. Dies verwundert nicht – verfügt sie doch über schlanke Strukturen und muss als Genossenschaft nicht eine möglichst hohe Rendite erzielen.
Die Beziehung zu ihren neuen Kunden gestaltet die Bank nach wie vor «genossenschaftlich». Sie organisiert Workshops: In diesen Arbeitszusammenkünften in kleineren Gruppen geht es nicht nur um Information und Beratung, sondern auch um Erfahrungsaustausch und um die gemeinsame Erarbeitung von Gesamtlösungen.

Fit für die Zukunft

Die Genossenschaftsversammlung der WIR-Bank hat ihr Kapital inzwischen auf 17 Millionen Franken erhöht. Die Integration eines Komplementärwährungssystems in eine «normale Bank» ist damit abgeschlossen. Aus der Nothilfeorganisation von 1934 ist nach bald fünfundsiebzig Jahren eine Geschäftsbank geworden, die nach wie vor auf genossenschaftlicher Basis steht. Sie hat das ambitiöse Ziel, eine gesamtschweizerische Bank für den Mittelstand zu werden. Die WIR-Bank will jedoch keine Universalbank5 sein, sondern ihr Angebot «mit Bedacht» ausweiten. Vermögensverwaltung und Börsengeschäfte gehören nach wie vor nicht dazu. Dagegen bietet sie seit 2006 den Öko-Kredit zu 1% Zins für Investitionen in Heizsysteme auf Basis erneuerbarer Energien an. Ihre Hauptgebiet bleiben weiterhin zinsgünstige Kredite in WIR, in CHF oder gemischt.
In der Finanzwelt dürfte die WIR-Bank heute weltweit die einzige Geschäftsbank sein, die ähnlich wie eine Notenbank eigenes Geld schafft, damit innerhalb ihrer Genossenschaft Kredite gewährt und Zahlungen abwickelt. Die 62 000 Klein- und Mittelbetriebe wissen es zu schätzen. Die Skepsis gegenüber der einzigartigen Komplementärwährung WIR ist längst verflogen. Das Genossenschaftsgeld erhielt von der British Standards Institution in London – mit Zustimmung der Weltbank – den nach ISO 4217 geformten dreistelligen Buchstabencode CHW und hat damit seinen Platz im elektronischen Finanzsystem.
In Kürze kann die WIR-Bank ihr 75jähriges Jubiläum feiern. Der innovativen Bank, die in keiner Weise von der Finanzkrise betroffen ist, ist weiterhin viel Erfolg zu wünschen! •