FAKT vom 22.09.2003  (MDR)
Landleben lohnt sich
Manuskript des Beitrags
Die Sozialfahnder sind wieder unterwegs. Denn immer noch zocken viele Bürger auf Kosten der Allgemeinheit ab.
Landleben lohnt sich
Norderfriedrichkoogs Bürgermeister Hinrich Thiesen hat gut lachen. Erst in diesem Sommer hat der Bundesfinanzminister wieder einmal per Gesetz versucht, ihm das Handwerk zu legen. Doch wieder hat der pfiffige Nordfriese es geschafft, seine Steueroase am Leben zu erhalten. Unternehmen zahlen hier immer noch keinen Cent Gewerbesteuer.
 
O-Ton: Hinrich Thiesen, Bürgermeister
"Sieben - also da hab ich vermietet und da hab ich auch vermietet und dann noch bei mir im Haus, aber was die - wie viele Firmen die gebildet haben - das entzieht sich meiner Kenntnis, das weiß ich nicht."

13 Höfe, 47 Einwohner. Und: 500 Unternehmen. In Ställen und Häusern werden Milliardenumsätze gemacht.
 
Quelle: MDR-Garten
O-Ton: Hans Kremer
"Seit ihr alles zu Fuß gegangen? Durch den ganzen Koog?"

Auch Nachbar Hans Kremer vermietet. Hinter unscheinbaren Namen verbergen sich Töchter von Grosskonzernen. E-on, Daimler-Chrysler oder Lufthansa etwa.
 
O-Ton: Hans Kremer
"Ich kann Ihnen ja mal mein Büro zeigen."

Die Flucht aufs platte Land hat nur einen Grund: Wie gesagt Norderfriedrichskoog erlässt den Konzernen die Gewerbesteuer. Und so werden auf den 13 Höfen mehr Gewinne eingefahren, als in so mancher Großstadt.
 
O-Ton: Hans Kremer
"Wir kriegen ja diese Berechnungen vom Finanzamt. Die müssen immer veröffentlicht werden. Daraufhin haben wir eine Rückrechnung gemacht, dass also ein Gewinn gemacht werden musste von fünf Milliarden."

Frage: "Wie viel Gewerbesteuer wäre das gewesen?"

 
O-Ton: Hans Kremer
"Das wären 235 Millionen gewesen."

235 Millionen Euro Steuergelder, die heute Städten wie Stuttgart oder Frankfurt für Schulen und Kindergärten fehlen, weil es das Steuerparadies in Schleswig-Holstein gibt. Bürgermeister Hinrich Thiesen findet das nicht ehrenrührig.
 
O-Ton: Hinrich Thiesen, Bürgermeister
"Das man mehr abgeben muss, als man einnimmt. Das kann doch kein gerechtes Gesetz sein, nach meiner Einstellung."

Der Mann hat gut reden: Denn Norderfriedrichkoog hat weder Kindergarten noch Schule. Einzig der Unterhalt der beiden Dorfstrassen kostet Geld. Und das bringen Bewohner wie Karin Hönecke direkt auf. Kein Problem: Schließlich hat die Steueroase die Koogbewohner reich gemacht.
 
O-Ton: Karin Hönecke
"Also das ist dann einfach für Besprechungen und so was. Wenn mehrere Leute hier sitzen."

Milliardenschwere Konzernzentrale auf zehn Quadratmetern im Hühnerstall. Die Miete ist teurer als in der Münchener Innenstadt. Dennoch ist kaum einer der Mieter je hier.
 
O-Ton: Karin Hönecke
"Weil die Geschäftsführer ja eigentlich nur hier sein müssen, um Entscheidungen zu treffen und um ihre Sachen zu bearbeiten, die ich nicht machen kann, wo ich eben keine Befugnis für habe und manchmal sind sie dreimal in der Woche hier und manchmal müssen sie drei Monate eben nicht kommen. Das ist wirklich sehr unterschiedlich."

Für die Konzerne lohnt sich der Aufwand - der fehlenden Gewerbesteuer wegen. Alles nur Steuertrickserei, die verboten gehört, meint hingegen der Bundesfinanzminister. Seit erstem Juli sagt deshalb ein neues Gesetz: Die Konzerntöchter hier müssen künftig am Sitz ihrer Mütter Gewerbesteuer zahlen.
 
O-Ton: Hinrich Thiesen, Bürgermeister
"Natürlich werden die Firmen probieren, das anders zu strukturieren, dass sie hier bleiben können. Denk ich mal."

Und das tun sie bereits. In dem sie etwa den Sitz der Konzernmutter ebenfalls hierher verlegen. Noch mehr Gewerbesteuer geht verloren. Das neue Gesetz ging nach hinten los.
 
O-Ton: Hans Kremer
"Na das wird ja ein Gerede hier im Dorf geben."

Die Zahl der Firmen hier stieg seit Juli um fast zwanzig Prozent. Bürgermeister Hinrich Thiesen ist deshalb optimistisch, dass sein gewerbesteuerfreies Schlupfloch auch künftig offen bleibt.
 
O-Ton: Hinrich Thiesen, Bürgermeister
"Der Bürgermeister ist ein Sturkopf aus Nordfriesland. Damit kann ich leben."

Nur das seine Sturheit die Allgemeinheit jedes Jahr 235 Millionen Euro kostet.
 
zuletzt aktualisiert: 22. September 2003 | 20:56