SPIEGEL ONLINE - 28. April 2004, 16:35

Lohndebatte
 
Deutschland ist schon Billiglohnland

Stundenlohn drei Euro: Was Arbeitgeber fordern und Gewerkschafter verdammen, ist längst Realität. SPIEGEL ONLINE zeigt in einer Übersicht, wer in Deutschland am wenigsten verdient.

 

Auf eine kleine Anfrage der CDU-Bundestagsfraktion Ende März hin versandte das Bundesministerium für Arbeit und Wirtschaft eine Liste mit den Berufsgruppen, die laut Tarifvertrag Stundenlöhne unter sechs Euro verdienen. Aus der Liste ergibt sich, dass in mehr als 130 von insgesamt rund 2800 gültigen Verbands-Tarifverträgen Stundenlöhne unterhalb diesen Betrages gezahlt werden.

Auf der Ministeriums-Liste finden sich allerdings in der Mehrzahl Jobs für ungelernte Arbeitnehmer unter 18, teilweise sogar unter 16 Jahren, die einfache Tätigkeiten verrichten. Häufig sind die niedrigen Stundensätze Einstiegsgehälter im ersten Berufsjahr; viele Niedriglohn-Arbeiter sind auch in der Landwirtschaft als Erntehelfer und Saisonkräfte beschäftigt.

Doch es gibt auch Arbeitnehmer mit abgeschlossener Berufsausbildung sowie Ungelernte über 18 Jahre, die weniger als 6 Euro Stundenlohn bekommen - nicht nur im Osten. Die Gesamtzahl der Arbeitnehmer, die in diese unterste Tarifklasse fallen, beläuft sich nach Angaben von Oktober 2001 auf knapp 2,8 Millionen Menschen. Das sind knapp 7,5 Prozent aller Erwerbstätigen Bevölkerung.


Positivere Zahlen gab dagegen das Statistische Bundesamt bekannt: Die durchschnittlichen Brutto-Stundenlöhne in Deutschland sind demnach seit 1970 kontinuierlich gestiegen, während die durchschnittliche Arbeitszeit immer weiter gesunken ist. Den Berechnungen zufolge arbeiteten die Deutschen 1970 noch durchschnittlich 1879 Stunden jährlich, 2003 waren es nur noch 1362 Stunden. Der Brutto-Verdienst verfünffachte sich in derselben Zeit und stieg von vier auf zwanzig Euro.

In den vierzehn Jahren seit der Wiedervereinigung verlangsamten sich beide Entwicklungen allerdings. Für den Anstieg der Löhne ist nach Angaben der Statistiker fast ausschließlich die Angleichung der Ost- an die West-Tarife verantwortlich gewesen. Der langsame Rückgang der Arbeitszeit sei vor allem auf die starke Ausweitung der Teilzeitbeschäftigung zurückzuführen.

Berufe mit weniger als 6 Euro Stundelohn
Beruf
Stundenlohn
Bundesland
Kaufmännischer Angestellter im Gartenbau (ohne Ausbildung)
2,74 Euro
Sachsen
Wachmann bei Objekten der Bundeswehr
3,91 Euro
Sachsen-Anhalt
Fahrkartenkontrolleur
4,49 Euro
Thüringen
Angestellter im Gartenbau mit Fachkenntnissen, selbständige Tätigkeit
4,80 Euro
Thüringen
Wachmann
4,84 Euro
Brandenburg
Kaufmännische Angestellte mit schwierigen Arbeiten und Berufsausbildung
4,86 Euro
Sachsen
Verkäufer in einer Bäckerei
4,98 Euro
Brandenburg
Hoteldiener
5,12 Euro
Mecklenburg-Vorpommern
Facharbeiter (Erwerbsgartenbau)
5,28 Euro
Brandenburg
Kaufmann mit Berufsausbildung in der Lederwaren- und Kofferindustrie
5,34 Euro
Rheinland-Pfalz
Friseur
5,47 Euro
Berlin
Friseurmeister mit 10 Angestellten
5,56 Euro
Sachsen
Technischer Angestellter mit Berufsausbildung
5,64 Euro
Sachsen
Haushaltshilfe
5,65 Euro
Nordrhein-Westfalen
Hotelpage
5,95 Euro
Saarland
Kaufmännischer Angestellter im Gartenbau (ohne Ausbildung)
5,73 Euro
Ostdeutschland
Ungelernter Arbeitnehmer im Blumeneinzelhandel
5,78 Euro
Bremen
Angestellter im Elektrohandwerk (ohne Ausbildung)
5,80 Euro
Schleswig-Holstein
Angestellter im Gartenbau
5,83 Euro
Brandenburg
Angestellter in der Forstwirtschaft mit Facharbeiterabschluss
5,93 Euro
Thüringen
Büro- und Verwaltungsangestellter im Fleischerhandwerk
5,93 Euro
Sachsen-Anhalt
Erntehelfer für schwere Arbeiten
5,28 Euro-6,00 Euro
alle Bundesländer
Quelle: Bundesministerium für Arbeit und Wirtschaft

 

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