13.08.2009 / Titel / Seite 1
 

Löhne auf Talfahrt

 

Ralf Wurzbacher
Die Reallöhne der abhängig Beschäftigten in Deutschland sind seit 2004 deutlich gesunken. So lautet das zentrale Ergebnis einer aktuellen Analyse, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) mit Sitz in Berlin am Mittwoch in seinem aktuellen Wochenbericht veröffentlicht hat. Im Gegensatz dazu seien die Einkommen aus selbständiger Tätigkeit und aus Kapitalvermögen im selben Zeitraum »kräftig gestiegen«, schreibt Karl Brenke, Autor der Studie und wissenschaftlicher Referent im DIW-Vorstand.

Den langjährigen Schwund bei den Arbeitsentgelten bezeichnet er als »eine in der Geschichte der Bundesrepublik einmalige Entwicklung«. Nie zuvor sei ein »durchaus kräftiges Wirtschaftswachstum mit einer Senkung der realen Nettolöhne über mehrere Jahre« einhergegangen. Gemäß DIW-Befunden sind die Reallöhne in den alten Bundesländern bereits seit Anfang der 1990er Jahre »tendenziell auf Talfahrt«, im gesamtdeutschen Mittel wären sie über Jahre »kaum gestiegen«. Zwischen 2004 und 2008 gingen sie dann sogar fünf Jahre in Folge zurück. Der Anteil der Löhne am sogenannten Volkseinkommen liegt mittlerweile auf einem Rekordtief von 61 Prozent.

Als Erklärung verweist Brenke unter anderem auf die Rolle der Gewerkschaften, deren Verhandlungsmacht »offensichtlich« nachgelassen habe. Möglicherweise falle es diesen auch schwerer, »die Arbeitnehmer für höhere Lohnabschlüsse zu mobilisieren«. Dabei spielten Faktoren wie der »Trend zu den Dienstleistungen und vielleicht die Abkehr von großen Teilen der Bevölkerung von Großorganisationen eine Rolle«. Auf die von den Gewerkschaften lange Zeit praktizierte Tarifpolitik der moderaten Lohnabschlüsse als Gegenleistung für Arbeitsplatzerhalt geht die Studie nicht ein.

Ein mögliche Mitschuld streitet man beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) allerdings ab. »Wir versuchen immer, den Rahmen auszuschöpfen, der möglich ist, und dabei sind auch der Erhalt oder die Schaffung von Arbeitsplätzen ein wichtiger Faktor«, äußerte sich gestern der DGB-Tarifexperte Reinhard Dombre gegenüber junge Welt. Der Gewerkschafter verwies zudem auf die »Reformen auf dem Arbeitsmarkt, die immer Menschen dazu zwingen, auch schlecht bezahlte Arbeit anzunehmen«.

Als »Teil der sozialdemokratischen Regierungsbilanz« brandmarkte auch die Linksfraktion im Bundestag die vorgelegten Zahlen. Der stellvertretende Fraktionschef Klaus Ernst kommentierte: »Das ist der Grund, warum die Menschen die Jobversprechen von Frank-Walter Steinmeier nicht glauben. Mit der Regierungszeit der SPD verbinden sie Lohnkürzungen und Sozialabbau.« Die Handschrift der SPD-Regenten zeigt sich insbesondere bei den sogenannten Lohnnebenkosten. Laut DIW stagnieren die von den Unternehmen gezahlten Sozialabgaben seit 2003, während die Steuer- und Abgabenlast auf seiten der Beschäftigten stetig zunahm.

Im europäischen Maßstab ist Deutschland sogar Schlußlicht bei der Lohnentwicklung. Nach Berechnungen des europäischen Statistikamtes Eurostat sind die realen Entgelte pro Beschäftigtem hierzulande um neun Prozent eingebrochen. Dagegen legten Länder wie Großbritannien, Dänemark und Finnland im zweistelligen Bereich zu, an der Spitze Irland mit fast 24 Prozent, dicht gefolgt von Griechenland. Im Kreis der EU-Staaten gehören nur noch die Beschäftigten in Österreich, Portugal, Italien und Spanien zu den Verlierern im Verteilungskampf.

 

 
      Pressemitteilung des DIW Berlin vom 12.08.2009
 
       
      Reallöhne seit 2004 rückläufig, Lohnquote erreicht Rekordtief
       
      Die Reallöhne der Arbeitnehmer sind seit 2004 gesunken - eine Entwicklung, die es in diesem Ausmaß nie zuvor in der Bundesrepublik gegeben hat. Die Verteilung hat sich deutlich verschoben hin zu Kapital- und Selbständigeneinkünften. Im Gegensatz zur Lohnentwicklung sind die Einkommen aus selbständiger Tätigkeit und aus Kapitalvermögen kräftig gestiegen. Die Arbeitnehmerentgelte machen folglich einen immer geringeren Teil des Volkseinkommens aus. Die bereinigte Lohnquote erreichte 2007und 2008 mit rund 61 Prozent ein Rekordtief. Dies sind die zentralen Ergebnisse einer aktuellen Studie des DIW Berlin.
       
      „Im internationalen Vergleich ist die Lohnentwicklung außerordentlich schwach“, sagte DIW-Experte Karl Brenke. „Dies ist umso bemerkenswerter, als sich die Qualifikation der Arbeitnehmer erhöht hat: Dies hätte eigentlich einen Anstieg der Verdienste erwarten lassen“. Eine Ursache dieser Entwicklung sieht DIW-Experte Brenke in der geringeren Verhandlungsmacht der Gewerkschaften.

Reguläre Jobs überdurchschnittlich belastet

Auch bei der Belastung durch Lohnnebenkosten hat sich das Gewicht zuungunsten der Arbeitnehmer verschoben. Seit 2003 stagnieren die von den Arbeitgebern gezahlten Sozialabgaben, während die Sozialabgaben der Arbeitnehmer und die Lohnsteuer weiter gestiegen sind. Da Beamte und geringfügig Beschäftigte vergleichsweise wenige Abgaben leisten, werden die regulär sozialversicherungspflichtig Beschäftigten überdurchschnittlich zur Kasse gebeten. Im letzten Jahr belief sich das durchschnittliche Arbeitnehmerentgelt pro Stunde auf gut 25 Euro, der durchschnittliche Nettolohn lediglich auf gut 13 Euro. 48 Prozent des Arbeitnehmerentgelts entfallen somit im Schnitt auf Steuern und Sozialbeiträge. Bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten beträgt der Anteil der Abgaben jedoch bereits mehr als die Hälfte des gesamten Arbeitsentgelts.

Lohnquote auf Rekordtief

Anders als in früheren Aufschwungphasen haben die Arbeitnehmer bei ihren Einkünften aus abhängiger Beschäftigung im jüngsten konjunkturellen Aufschwung der Jahre 2004 bis 2008 nicht von der wirtschaftlichen Entwicklung profitiert. Bis zum letzten Jahr mussten sie Reallohnverluste hinnehmen. Der Anteil der Löhne am gesamten Volkseinkommen liegt mittlerweile auf einem Rekordtief von 61 Prozent, da der Anteil der Einkommen aus selbständiger Tätigkeit und Kapitalvermögen gestiegen ist. Dass die Arbeitnehmer die Verteilungsspielräume aus dem wirtschaftlichen Aufschwung nicht nutzen konnten, führt das DIW Berlin auf den fortschreitenden Strukturwandel und den damit verbundenen Machtverlust der Gewerkschaften zurück.
Allerdings: Die aktuelle Rezession könnte die Negativ-Entwicklung der Lohnquote zumindest etwas dämpfen. „Wie in früheren Rezessionen werden auch dieses Mal die Kapitaleinkünfte stärker als die Löhne unter Druck geraten,“ so Karl Brenke.

Qualifizierte Tätigkeiten auf dem Vormarsch

Die Struktur der Beschäftigten hat sich zu den qualifizierten Tätigkeiten hin verlagert. Einfache Berufe, insbesondere solche mit manuellen Tätigkeiten, verlieren an Bedeutung. Nicht-manuelle Berufe mit mittlerer Qualifikation sind dagegen stark auf dem Vormarsch. Dieser Trend weg vom produzierenden Gewerbe hat die Gewerkschaften und ihre Verhandlungsposition im Tarifstreit offenbar geschwächt.


Reallöhne in Deutschland seit Jahren rückläufig. Von Karl Brenke. In: Wochenbericht 33-2009