Land Baden-Württemberg
   Meldung vom 01.03.2001


Leitbild Zukunftsfähige Trinkwasserversorgung

Experten beleuchten die wesentlichsten Aspekte für die Sicherung der Wasserversorgung

 

„Die Kommunen sollen auch in Zukunft die Verantwortung für die Sicherstellung der Trinkwasserversorgung in Baden-Württemberg tragen. Die bestehenden Wasserversorgungsstrukturen müssen jedoch optimiert werden, um auch zukünftig wettbewerbsfähig zu bleiben“, erklärte Umwelt- und Verkehrsminister Ulrich Müller bei der Vorstellung des Leitbilds „Zukunftsfähige Trinkwasserversorgung Baden-Württemberg“ am Donnerstag (1. März 2001) vor der Presse in Stuttgart. Der Hauptgeschäftsführer des Städtetags, Dr. Erhard Klotz, begrüßte die vom Umwelt- und Verkehrsministerium angestoßene Initiative, gemeinsam mit Experten aus den von der Wasserversorgung berührten Bereichen die wesentlichsten Aspekte für die Sicherung der Wasserversorgung zu beleuchten. “Die erarbeiteten Grundsätze werden von den beteiligten Experten gemeinsam getragen. Das Leitbild stellt deshalb eine wichtige Grundlage für die Argumentation der Kommunen in der aktuellen Diskussion über die Liberalisierung des Wassermarktes dar.“ Besonders betroffen von dieser Diskussion seien die vielen kleinen Wasserversorgungsunternehmen des Landes. „Das Leitbild ist auch eine gute Grundlage für die Weiterentwicklung der Wasserversorgungsstrukturen in Baden-Württemberg und für die weitere Optimierung unserer kommunalen Wasserversorgungsbetriebe“, lautete das Fazit des Hauptgeschäftsführers des Gemeindetags, Dr. Christian Steger.

Die gemeinsame Vorstellung des Leitbildes durch Umwelt- und Verkehrsministerium, Städtetag und Gemeindetag dokumentiert den Schulterschluss zwischen Land und Kommunen. „Die Weichen für die Sicherung der öffentlichen Wasserversorgung wollen rechtzeitig und richtig gestellt sein. Es ist erforderlich, dass wir auf der Basis des Leitbilds und ausgehend von den bewährten Strukturen in Baden-Württemberg gemeinsam mit den Kommunen Strategien und Handlungsempfehlungen für eine strukturelle Optimierung der Trinkwasserversorgung entwickeln. Nur so können wir die Qualität, die Zuverlässigkeit und die Wirtschaftlichkeit der Trinkwasserversorgung in Baden-Württemberg auch in der Zukunft sichern“, erklärte Minister Müller.

Zur Erarbeitung des Leitbildes hatte das Ministerium für Umwelt und Verkehr Experten aus allen mit der Trinkwasserversorgung berührten Bereichen zu einem Dialog über die Weiterentwicklung der Wasserversorgungsstrukturen in Baden-Württemberg eingeladen. In dem folgenden Dialogprozess wurden die wesentlichen Aspekte für die Sicherung der Wasserversorgung in Baden-Württemberg aus Sicht der maßgeblich betroffenen Akteure beleuchtet und diskutiert. Das vorliegende Leitbild fasst – so der Minister - in sechs Leitsätzen die wichtigsten Eckpunkte zusammen, die aus Sicht der Fachleute für die Sicherung der Trinkwasserversorgung in Baden-Württemberg wichtig sind:
 Qualität und Sicherheit stehen bei der Versorgung der Bevölkerung an erster Stelle.
 Der vorsorgende Schutz und der nachhaltige Umgang mit der Ressource Wasser ist Voraussetzung für die Sicherstellung der Trinkwasserversorgung zukünftiger Generationen.
 Die optimale Versorgung der Kunden mit einwandfreiem Trinkwasser zu angemessenen Preisen hat Vorrang vor der Gewinnerzielung.
 Die sichere Trinkwasserversorgung ist ein wesentlicher Teil der Daseinsvorsorge, die Kommunen in Baden-Württemberg sollen hierfür auch in Zukunft die Verantwortung tragen.
 Örtliche Wasserversorgungen, Gruppenwasserversorgungen und Fernwasserversorgungen sind die drei Säulen der öffentlichen Trinkwasserversorgung in Baden-Württemberg. Ihre Funktionsfähigkeit und ihr Verbund untereinander gewährleisten die sichere Trinkwasserversorgung.
 Weitere Effizienzsteigerungen können die Wasserversorgungsunternehmen mit internen Maßnahmen und durch die Bündelung der Kräfte erreichen. Möglichkeiten dazu sind nach den Empfehlungen des Leitbilds Kooperationen oder Zusammenschlüsse, regionale Verbünde und Netzwerke sowie die gemeinsame Erledigung von Aufgaben und die Einschaltung privater Dienstleister.

Die Trinkwasserversorgung in Baden-Württemberg wird derzeit von mehr als 1370 überwiegend kommunal geführten Wasserversorgungsunternehmen wahrgenommen. Diese historisch gewachsene Versorgungsstruktur der öffentlichen Wasserversorgung im Land mit der Nutzung ortsnaher Wasservorkommen und der Ergänzung durch Gruppenwasserversorgungen und Fernwasserversorgungen vor allem in Wassermangelgebieten hat sich nach Darstellung des Ministers gut bewährt. Die durchgreifenden Veränderungen auf dem Energie- und Telekommunikationsmarkt gäben jedoch Anlass, die Effizienz bei der Erbringung von Leistungen der Daseinsvorsorge noch stärker als bisher unter die Lupe zu nehmen. Dies gelte besonders für die vielen kleinen kommunalen Wasserversorgungen in unserem Land, die mit einem Anteil von 50% an der Deckung des Wasserbedarfs eine wesentliche Säule der Trinkwasserversorgung bilden. Diese könnten durch die öffentliche Diskussion um die Liberalisierung des Wassermarktes sowie durch gestiegene Anforderungen an Qualität und Versorgungssicherheit unter zunehmenden Druck zu strukturellen Veränderungen geraten.

Die strukturellen Veränderungen würden aber nicht zwangsläufig bedeuten, dass kommunale Wasserversorgungen zukünftig nicht mehr konkurrenzfähig sind. „Modernes Management und kundenorientiertes Kostenbewusstsein sind Leistungsgrundlagen der öffentlichen Versorgungswirtschaft, deren Kunden vom kommunalen Dienstleistungsverbund aus Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung, Abfallentsorgung, Energie und Nahverkehrsleistungen sowie den daraus entstehenden Synergieeffekten in den Bereichen Versorgungsnetze, Instandhaltung, technische Betreuung und Kundenbeziehung profitieren,“ stellte Dr. Klotz heraus. Nach Einschätzung von Dr. Steger können sinnvolle betriebliche Kooperationen die Leistungsfähigkeit der kleineren Unternehmen stärken, die Betriebsabläufe rationalisieren und somit Kosten sparen und die Wirtschaftlichkeit verbessern. „Leistungsfähige Einheiten orientieren sich nicht an Gemeindegrenzen. Hier müssen vor allem die kleineren Wasserversorger beraten und Zusammenschlüsse unterstützt werden. Leistungsfähige Wasserversorgungsunternehmen haben als Dienstleister für die kleineren Versorger eine besondere unternehmerische Chance, aber auch eine Verpflichtung der Daseinsvorsorge“, betonte Dr. Steger.

Die Kommunalen Landesverbände und das Ministerium für Umwelt und Verkehr wollen es deshalb nicht mit dem Leitbild bewenden lassen. Jetzt würden konkrete Empfehlungen und Hilfestellungen zur Verbesserung der Strukturen in der Wasserversorgung erarbeitet und zur Verfügung gestellt. Gemeinsam mit den kommunalen Landesverbänden wolle man nun die Erarbeitung eines Leitfadens in Angriff nehmen. In diesen Leitfaden sollen neben der Darstellung der grundsätzlich möglichen Formen der Zusammenarbeit auch Hilfestellungen für die praktische Umsetzung sowie bereits erfolgreich in Baden-Württemberg praktizierte Kooperationen und Zusammenschlüsse aufgenommen werden. „Die kommunalen Wasserversorgungsunternehmen im Land stellen die Versorgung der Bürgerinnen und Bürger mit Trinkwasser sicher. Sie leisten damit einen wesentlichen Beitrag zur Gesundheitsvorsorge und zum vorsorgenden Schutz und nachhaltigen Umgang mit der Ressource Wasser. Es kommt jetzt vor allem darauf an, die vielen kleinen Wasserversorger im Land für die Zukunft fit zu machen. Dabei können auch privates Kapital und Know-how eingesetzt werden und zur Steigerung der Leistungsfähigkeit beitragen. Wichtig dabei ist, dass die Kommunen auch zukünftig die Verantwortung für die Sicherstellung der Trinkwasserversorgung tragen und den dazu notwendigen Einfluss auf die Aufgabenerledigung sicherstellen“, erklärte Minister Müller.

„Vorbildliche Beispiele für diese Aufgabenerledigung gibt es in Baden-Württemberg genug“, stellte Minister Müller fest. „Wir werden einige dieser von den Kommunen ausgeführten Beispiele dokumentieren und entsprechende Handlungsempfehlungen vorlegen. Diese Empfehlungen sollen Kommunen, Wasserversorgungsunternehmen und Fachverwaltungen über die Möglichkeiten zur Kosteneinsparung durch innovative Problemlösungen anhand konkreter ausgeführter Beispiele informieren und zur Nachahmung anregen."

 

Quelle: Ministerium für Umwelt und Verkehr