Junge Welt

27.06.2008 / Schwerpunkt / Seite 3

Leben in der Blechkiste

Phänomen »Car Dweller«: US-Immobilienkrise bedroht immer mehr Angehörige der Mittelschicht. Rasante Zunahme der Obdachlosigkeit

Rainer Rupp
Wegen der Hypothekenkrise wächst die Obdachlosigkeit in den USA. Und sie trifft zunehmend die Mittelschicht des Landes, die mit großer Sorge diese Entwicklung verfolgt. Insbesondere in den kleineren Provinzzeitungen ist das vorher unbeachtete Phänomen inzwischen zum Thema geworden. So erinnerte kürzlich The Arizona Republic ihre Leser in deren klimatisierten Heimen mit Swimmingpool »an unsere weniger begünstigten Nachbarn«. Denn »allein in unserem Tal gibt es 7000 bis 10000 Menschen, Kinder mit eingeschlossen, die obdachlos sind«, so das Blatt weiter. Diese Menschen kampierten über das ganze Tal verstreut »unter Brücken, in notdürftigen Hütten hinter den Müllhalden, in behelfsmäßigen Camps, in Autos und sogar Erdlöchern«. Dort seien sie der extremen Sommerhitze ausgesetzt, und sie suchten verzweifelt nach sauberem Wasser, Essen, Kleidung und Transportmöglichkeiten.

Insbesondere nimmt die Anzahl ehemaliger Hausbesitzer unter den Obdachlosen rasant zu. So ist auch der Kalifornier Guy Trevor auf diesem Weg. Als sogenannter Car Dweller (im Auto Wohnender) ist er knapp vor dem unteren Ende der schiefen Ebene angekommen, die das soziale System darstellt. Car Dweller sind Menschen, die alles außer ihr Automobil verloren haben. Letzterer dient nicht mehr in erster Linie der Fortbewegung, sondern als Wohn- und Schlafzimmer. Bei den »Cars« handelt es sich meist um ganz normale Personenwagen, nicht etwa um komfortable Wohnmobile. Noch unlängst war Trevor ein erfolgreicher Innenarchitekt gewesen. Dann kam die Immobilienkrise. Er verlor seinen Job, konnte die Hypothek seines Hauses nicht mehr bezahlen. Es folgten Zwangsversteigerung und Trennung von der Ehefrau.

Wie meist in solchen Fällen, finden die Betroffenen nach der Enteignung zuerst Unterkunft bei Freunden. Das geht eine Zeit lang gut. Staatliche Unterstützung für ein Dach über dem Kopf gibt es nicht. Wenn sie keinen neuen Job und eine bezahlbare Mietwohnung finden, bleibt nur die Obdachlosigkeit. Viele versuchen, diesen Absturz zu verzögern, indem sie als Car Dweller in ihren Autos »wohnen«, wie Guy Trevor. Aber die hohen Benzinpreise schränken die Beweglichkeit merklich ein, und falls eine Autoreparatur ansteht, fehlt dafür das Geld. Das Resultat ist auch da Obdachlosigkeit.

Wie viele Menschen aus der Mittelschicht inzwischen das Schicksal von Guy Trevor teilen, weiß niemand genau. Statistiken gibt es noch nicht. Aber die steigende Zahl von Car Dwellern macht deutlich, daß die sozialen Auswirkungen der Immobilienkrise tiefgreifend sind. Bundesweit liegt die Zahl der Zwangsversteigerungen in den USA derzeit bei 8000 pro Tag.

Nun sind in Kalifornien, wo die Hypothekenkrise besonders viele Menschen getroffen hat, auf Tourismus bedachte Gemeinden bereits über die Dauerbenutzer der Parkplätze durch die Car Dweller genervt, zumal diese für den Andrang sanitär nicht eingerichtet sind. Daher wird versucht, die ungeliebten Dauerparker mit hohen Strafen – bei Nichtbezahlung wird das Auto abgeschleppt und in Verwahrung genommen – zu vertrieben. Wohltätige Organisationen sind dazu übergegangen, landesweit große Parkplätze anzumieten, auf denen die Car Dweller temporär Zuflucht finden.

Laut Michael Stoops, Direktor der Nationalen Koalition für Obdachlose, ist die Zahl der Betroffenen in den zurückliegenden sieben Jahren (seit dem Start der Bush-Administration) kontinuierlich gestiegen. Vor allem die Kombination von Zwangsversteigerungen, wirtschaftlicher Stagnation und hohen Preissteigerungen für Lebensmittel und Energie, habe in jüngster Zeit zu einem starken Anstieg der Obdachlosigkeit geführt. Bei Hilfsorganisationen, wie beispielsweise der Heilsarmee, herrscht daher Hochbetrieb. Deren lokale Unterkünfte, die sich zur Sommerzeit traditionell leeren, sind derzeit so voll, daß Zusatzbetten in die Schlafsäle gestellt werden müssen.

Mark Jones, der für die Öffentlichkeitsarbeit der Heilsarmee in Louisiana, Mississippi und Alabama zuständig ist, bestätigt ebenfalls, daß zunehmend Menschen aus der Mittelschicht betroffen sind: »Immer mehr Leute, die früher der Heilsarmee Geld gespendet haben, benötigen jetzt selbst unsere Hilfe für Unterkunft, Kleidung und Essen«, sagte er in einem Interview mit der Mississippi-Lokalzeitung Daily Journal aus Tupelo.

Den meisten Menschen »da draußen« sei gar nicht bewußt, »daß sie nur drei bis vier Monatslöhne von diesem Schicksal entfernt« seien, warnt der obdachlose Forrest Davis, der das gemeinsame mit der Lebensgefährtin gekaufte Haus verloren hat. Der einzige Besitz, der Davis geblieben ist, war sein Jeep Grand Cherokee, in dem er dann einige Monate lebte, herumfuhr und Arbeit suchte. Dann konnte der ehemals in der Baubranche angestellte Mann das Benzin nicht mehr bezahlen, saß nur noch in seinem Auto herum und verdreckte. Schließlich suchte er bei der Heilsarmee Zuflucht. »Nicht in einer Million Jahren hätte ich mir vorstellen können, daß das mein Leben sein würde«, sagte der 25 Jahre alte Davis.
27.06.2008 / Schwerpunkt / Seite 3

Aktionismus soll Hilflosigkeit verdecken

US-Kongreß bereitet Gesetzespaket zur »Rettung« bedrängter Hypothekennehmer vor

Rainer Rupp
Der US-Kongreß will noch vor der Sommerpause ein riesiges Gesetzespaket mit neuen Rechtsvorschriften für den US-Immobilienmarkt verabschieden. Insbesondere soll dieses Paket ein Refinanzierungsprogramm zur Rettung Hunderttausender Hausbesitzer, die von einer Zwangsversteigerung bedroht sind, enthalten. Gleichzeitig steht offenbar eine radikale Überholung der Rechtsvorschriften zur Finanzierung von Hypotheken an. Eine solche Umwälzung habe es laut New York Times vom Mittwoch seit den Tagen des »New Deal« in den 30er Jahren, als Präsident Franklin D. Roosevelt das Land aus der damaligen Weltwirtschaftskrise führte, nicht mehr gegeben.

Anfang der Woche war bekannt geworden, daß im April die Häuserpreise in den 20 wichtigsten Regionen der USA im Vergleich zum Vorjahr um fast 17 Prozent gefallen sind und ein Ende des Abwärtstrends nicht in Sicht ist. Mit seinen Maßnahmen zielt der Kongreß darauf ab, in Verzug geratenen Hausbesitzern die Möglichkeit zu geben, ihre Hypothekenkredite in bezahlbarere Kredite mit einer Laufzeit von 30 Jahren zu einem festen Zinssatz mit einer Garantie des Staates umzuwandeln. Die sogenannten Subprime Hypotheken, ein wichtiger Auslöser der Krise, basieren ebenso wie viele andere, die die US-Hausbesitzer in Schwierigkeit gebracht haben, auf variablen Zinsen. Zudem sind sie so ausgestaltet, daß sich die anfänglich niedrigen Zinsraten nach einigen Jahren verdoppeln und verdreifachen.

Um in den Genuß des Refinanzierungsplans des Kongresses zu kommen, muß der Hypothekenschuldner sich verpflichten, in seinem Haus zu bleiben. Im Gegenzug wird von den Banken gefordert, daß sie den ursprünglichen Hypothekenkredit auf 85 Prozent des aktuellen Wertes der Immobilie kürzen. Dennoch ist der Plan für die Banken attraktiv, denn bei einer Zwangsversteigerung verlieren sie erfahrungsgemäß 40 bis 60 Prozent ihres Kapitals. Kritiker geben jedoch zu bedenken, daß durch die neuen Maßnahmen all jene Hausbesitzer »bestraft« werden, die bisher ihre Hypothekenzinsen regelmäßig bezahlt haben, während die Säumigen für ihr Nichtbezahlen mit einem kräftigen Abschlag auf den zurückzuzahlenden Kredit belohnt werden. Zugleich wird dem Kongreß vorgeworfen, unverantwortlichen Kreditnehmern und Banken ein teures Geschenk auf Kosten des Staates zu machen. Insbesondere die Finanzinstitute würden die neuen Maßnahmen ausnutzen, um ihre schlechtesten Kredite loszuwerden und im Rahmen der staatlichen Garantie für die Ramschhypotheken den Steuerzahler mit zig Milliarden Dollar belasten.

Dennoch gibt es in beiden Häusern des Kongresses parteiübergreifend eine große Mehrheit für das Maßnahmenpaket. Offenbar soll vor den Wahlen mit Aktionismus über die eigene Hilflosigkeit hinweggetäuscht werden. Barney Frank, der für die Demokraten im Repräsentantenhaus sitzt und einer der Hauptförderer des Gesetzespakets ist, betonte gegenüber den Medien, daß der Kongreß nicht weiter tatenlos zusehen könne, »wie jeden Tag Tausende Amerikaner ihr Haus verlieren und in den Abgrund stürzen«.