23.12.2003
Außenansicht  Arbeitskraft des Menschen ohne Zukunft  Von Jeremy Rifkin

Jahrelang war von einigen deutschen Politikern und Gewerkschaftern der
Vorwurf zu hören, ausländische Zuwanderer nähmen deutschen Fabrikarbeitern
die Stellen weg. Nachdem nun deutsche Unternehmen ihre Produktionsstätten
zunehmend ins Ausland verlagern, wird seit neuem China beschuldigt, den
Deutschen die Arbeitsplätze in der Industrieproduktion zu stehlen. Wahr ist,
dass in Deutschland während der letzten sieben Jahre acht Prozent der
gesamten Fabrikjobs wegfielen. Gleichzeitig boomt Chinas
Fertigungsindustrie. Lässt sich daraus eine simple Gleichung ableiten? Nein.

Zwar produziert und exportiert China einen wesentlich höheren Prozentsatz an
Industriegütern, doch laut einer neuen Studie von Alliance Capital
Management werden dort die Stellen in der industriellen Fertigung noch
rascher abgebaut als in irgend einem anderen Land. Zwischen 1995 und 2001
gingen in Chinas Fabriken mehr als fünfzehn Millionen Arbeitsplätze
verloren. Dies entspricht 15 Prozent der gesamten chinesischen
Arbeiterschaft in diesem Sektor.

Doch nicht genug der schlechten Nachrichten. Die gleiche Studie kommt zu dem
Ergebnis, dass in den zwanzig größten Volkswirtschaften der Welt zwischen
1995 und 2002 etwa 31 Millionen Fabrikjobs eliminiert wurden. Die
Beschäftigung in der industriellen Fertigung nahm während der letzten sieben
Jahre jährlich ab, und zwar in jeder Region der Welt. Dieser Stellenabbau
fällt in eine Zeit, in der die Industrieproduktion weltweit um über 30
Prozent gestiegen ist. Die Arbeitsplätze in der Produktion gingen indes um
elf Prozent zurück.

Hält dieser Trend an – und er wird sich wahrscheinlich noch beschleunigen –
so werden die derzeit 164 Millionen Fabrikjobs in der Produktion bis 2040
auf ein paar Millionen zusammenschrumpfen. Damit wäre das Zeitalter der
weltweiten industriellen Massenbeschäftigung zu Ende.

Im Dienstleistungssektor und bei den Schreibtischjobs findet ein ähnlicher
Stellenabbau statt, seit intelligente Technologien immer öfter Arbeitskräfte
ersetzen. Bei Banken und Versicherungen, im Groß- und im Einzelhandel werden
überall smarte Technologien eingeführt und machen Hilfspersonal überflüssig.
Marktbeobachter erwarten während der nächsten vier Jahrzehnte einen
ähnlichen Stellenschwund wie bei den Fabrikjobs, nachdem Unternehmen, ja
ganze Industrien und die Weltwirtschaft sich global vernetzen.

Warum verschwinden so viele Arbeitsplätze? Dramatische
Produktivitätszuwächse ermöglichen es Unternehmen, mit erheblich weniger
Mitarbeitern immer mehr Güter zu produzieren und Dienstleistungen zu
erbringen. Dass durch Technologievorteile und Produktivitätszuwachs zwar
Jobs vernichtet werden, dafür aber genauso viele neu entstehen – diese
frühere Logik hat ausgedient. Die Vereinigten Staaten erleben derzeit den
steilsten Produktivitätsanstieg seit 1950. Im letzten Quartal nahm die
Produktivität des Landes um schwindelerregende 9,4 Prozent zu, allein die
Arbeitslosigkeit bleibt hoch.

Die Produktivität galt immer als Motor für Beschäftigung und Wohlstand.
Wirtschaftsexperten argumentierten lange so: Eine hohe Produktivität
ermöglicht es Firmen, mehr Güter und Dienstleistungen zu niedrigeren Preisen
anzubieten. Durch diese günstigeren Angebote werde die Nachfrage stimuliert
und Arbeitskräfte müssten neu eingestellt werden, um die gestiegene
Nachfrage befriedigen zu können. Dies sei ein Kreislauf, der durch eine
stetig wachsende Produktivität in Gang gehalten werde.

Die Crux ist, dass dieser lange für unumstößlich gehaltene Grundsatz
kapitalistischer Wirtschaftstheorie nicht länger zu gelten scheint. Trotz
rasch zunehmender Produktivität nimmt auch die Zahl der entlassenen Arbeiter
in den USA und in der übrigen Welt weiter zu. Laut einem kürzlich
veröffentlichten Bericht über die Produktivität in Amerikas hundert größten
Unternehmen produzieren heute neun Arbeiter die gleiche Menge wie zehn
Arbeiter im März 2001. Richard D. Rippe, leitender Wirtschaftsberater bei
Prudential Securities, zieht daraus das Fazit: „Wir können heute das Output
steigern, ohne dafür das Personal nennenswert aufzustocken.“

Die enorme Bedeutung dieses Wandels lässt sich am besten anhand eines
einzelnen Industriezweiges begreifen. Die Stahlindustrie in den Vereinigten
Staaten von Amerika ist typisch für den aktuellen Prozess. Während der
vergangenen zwanzig Jahre stieg die Stahlproduktion in den USA von jährlich
75 Millionen Tonnen auf 102 Millionen Tonnen. Im gleichen Zeitraum, also von
1982 bis 2002, ging die Zahl der Stahlarbeiter von 289 000 auf 74 000
zurück. „Selbst wenn der prozentuale Anteil des Produktionsvolumens am
Bruttoinlandsprodukt unverändert bleibt, werden wir wegen des
Produktivitätszuwachses wohl trotzdem weiterhin Jobs verlieren“, erklärt
Donald Grimes, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität von Michigan.
Professor Grimes bedauert, dass diese Entwicklung kaum aufzuhalten sein
wird: „Es ist wie der Kampf gegen heftigen Gegenwind.“

Hier liegt der Hase im Pfeffer: Woher soll wohl in Zukunft die
Verbraucher-Nachfrage kommen, wenn die menschliche Arbeitskraft zunehmend
ersetzbar wird? Wenn immer mehr Beschäftigte entlassen werden, weil die
drastischen Produktivitätszuwächse allein durch effektivere und Lohnkosten
sparende Technologien sowie verbesserte Methoden der Arbeitsorganisation zu
erzielen sind? Wer soll all die neuen Produkte kaufen und Dienstleistungen
in Anspruch nehmen, die bei steigender Produktivität verfügbar werden? Wir
sind gezwungen, uns hier einem Widerspruch zu stellen, der in der Natur
unserer Marktwirtschaft liegt. Er bestand von Anfang an, gerät jedoch erst
jetzt zu einem unvereinbaren Gegensatz.

Die kapitalistische Marktwirtschaft baut zum Teil auf der Logik auf,
zugunsten möglichst hoher Gewinnspannen seien die Produktionskosten
einschließlich der Lohnkosten niedrig zu halten. Es wird ständig nach Wegen
gesucht, durch noch billigere und effizientere Technologien Lohnkosten zu
drücken oder menschliche Arbeitskraft gänzlich überflüssig zu machen. Die
neuen intelligenten Technologien können heute weitgehend menschliche
Arbeitskraft – sowohl körperliche wie auch geistige – ersetzen. Die Zunahme
der Produktivität durch die Einführung dieser Technologien hat jedoch ihren
Preis: Immer mehr Arbeiter werden in Teilzeit-Jobs abgedrängt oder
entlassen. Eine schrumpfende Arbeiterschaft bedeutet jedoch geringeres
Einkommen, reduzierten Konsum und eine stagnierende Wirtschaft. Dies ist die
neue strukturelle Realität, die Regierung, Unternehmensführer und viele
Wirtschaftsexperten nur widerwillig zur Kenntnis nehmen.

Jeremy Rifkin, 58, US-Wirtschaftswissenschaftler und Gesellschaftskritiker,
ist Autor des Buches „Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft“. Foto: dpa


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