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02.01.2010 / Fotoreportage / Seite 4 (Beilage)Inhalt

02.01.2010

Jede Flasche zählt

Weil Hartz IV und Rente nicht mehr zum Leben reichen, müssen immer mehr Menschen Leergut sammeln. Fotoreportage von Jakob Huber

Von Benjamin Wuttke
 
Zuschauer bei einem Fußballspiel am 30. Oktober an der »Alten Försterei« in Berlin. In den Einkaufswagen sollen die leeren Bierpullen der Fans
 

Micha ist erst 36 Jahre alt, doch kaum einer kennt die Berliner Reviere für Flaschensammler so gut wie er. Seit seinem 16. Lebensjahr sammelt er Pfandflaschen. Aber so eine Konkurrenz wie derzeit hat er noch nie erlebt. Vor wenigen Jahren, sagt Micha, habe es sich noch gelohnt, auf U-Bahnhöfen und Straßen zu sammeln. Doch diese Zeiten seien vorbei. »Zu viele alte Menschen, die dort die Mülleimer durchsuchen«, sagt er.

Micha hat sich deshalb auf Fußballspiele und Konzerte spezialisiert. Doch selbst da wird es schwieriger. Bei Heimspielen des 1. FC Union Berlin etwa tummeln sich jedesmal 40 bis 60 Sammler rund um das Stadion – selbst dann, wenn Union abends spielt und weggeworfene Flaschen in der Dunkelheit nur schwer zu finden sind.

Micha postiert sich mit einer Sackkarre, die er als Depot nutzt, gewöhnlich auf dem Waldweg, der von der Fankneipe »Abseitsfalle« bis zum Stadion führt. Es ist ein schmaler Pfad. Tausende laufen dort eng gedrängt. Von seinem Depot aus späht Micha nach den Flaschen, die weggeworfen werden. Sieht er eine, dann sprintet er los. Seine Karre voller Flaschen wird ihm zehn Euro bringen.

Direkt zu den Kassenhäuschen vor der »Alten Försterei« traut sich Micha nicht. Dort müssen die Fans aus Sicherheitsgründen ihre Bierflaschen abgeben, das Sammeln wäre einfacher. Aber das ist das Revier von »Platzhirschen«. Respektiert man das nicht, sagt Micha, könnte es Streß geben.

Jörg ist Frührentner und hat vor zwei Jahren mit dem Sammeln angefangen. Das Geld reicht ihm nicht mehr. Drei- bis viermal pro Woche geht Jörg auf »Spaziergang«, wie er das nennt. Es sei doch gut, an der Luft zu sein. Wenn bloß nicht der Dreck überall wäre. Im Gebüsch entledigen sich die Fans nicht nur ihrer Flaschen. Viele pinkeln auch dahin, wo der nächste seine Flasche hinwirft. Jörg hat Angst, irgendwann richtig krank zu werden. Vor zwei Jahren, da reichte seine Flaschentour vor den Union-Spielen sogar noch für den Eintritt. Jetzt ist das vorbei. Zu viele Sammler sind mittlerweile unterwegs.