Junge Welt 08.04.2008 / Titel / Seite 1
 

Hungerrevolten weltweit

Von Arnold Schölzel
Bereits am Sonntag (Foto) setzte ägyptische Polizei in Mahalla T
Bereits am Sonntag (Foto) setzte ägyptische Polizei in Mahalla Tränengas ein. Am Montag fielen Schüsse

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) in Rom rief am Montag die internationale Gemeinschaft »dringend« dazu auf, Gelder für akut erforderliche Hilfen in Haiti bereitzustellen, dem ärmsten Land der westlichen Hemisphäre. Dort hatten Unruhen wegen steigender Preise für Nahrungsmittel Ende vergangener Woche in zwei Tagen vier Menschenleben gefordert. WFP-Exekutivdirektorin Josette Sheeran erklärte: »In dieser entscheidenden Zeit müssen wir den Menschen in Haiti und in anderen Ländern beistehen, die von den steigenden Preisen am stärksten betroffen sind.« Die Organisation wies darauf hin, daß Haiti nur eines von mehreren Ländern ist, in denen es wegen der Teuerung bei Lebensmitteln und Treibstoff in letzter Zeit zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kam. WFP nannte Ägypten, Burkina Faso, Indonesien, Elfenbeinküste, Mauretanien, Moçambique und Senegal. Regionale Medien berichten auch von Unruhen in Kamerun, Marokko, Guinea und Guinea-Bissau. Die weltweit gestiegenen Preise für Grundnahrungsmittel verbreiten jedoch in allen Ländern der »Dritten Welt« derzeit Furcht vor Hunger.

Unbeachtet von den Leitmedien des Westens, die seit Wochen vorrangig mit China und Protest gegen Olympische Spiele in Peking befaßt sind, kam es in den letzten Monaten vor allem in den Großstädten der genannten westafrikanischen Länder wiederholt zu Hungerrevolten, Protestmärschen und bei deren Auflösung zu brutaler Gewaltanwendung von Polizei und Militär. In Burkina Faso, wo für den heutigen Dienstag ein Generalstreik angekündigt ist, gab es im Februar gewaltsame Proteste. Am Regierungssitz der Elfenbeinküste Abidjan wurde bei Demonstrationen im März ein 25jähriger getötet. Die senegalesische Polizei zerschlug am 30. März gewaltsam eine Demonstration in der Hauptstadt Dakar, wo es seit November zu Protesten gegen die Teuerung kam, und griff Journalisten an, die über den Protest berichten wollten. Filmmaterial wurde beschlagnahmt. Das dürfte das Modell sein, nach dem in allen genannten Staaten derzeit gehandelt wird. Die westlichen Medien fungieren als Fortsetzung der Zensur mit anderen Mitteln.

Nicht mehr zu umgehen waren offenbar nach tagelangem Ignorieren am Montag Berichte über die jüngsten Ereignisse in Ägypten. Der für Sonntag angekündigte und mit brutalen Mitteln unterdrückte Generalstreik mündete in schwere Zusammenstöße. In der nord­ägyptischen Industriestadt Mahalla el Kobra kam es zu Gefechten zwischen Textilarbeitern und Sicherheitskräften. Rund 100 Menschen erlitten Verletzungen, etwa 200 wurden festgenommen. Die Streikenden behinderten den Zugverkehr und warfen Ziegelsteine auf die Polizei, die Tränengas und Gummigeschosse einsetzte. Nach einigen Berichten gab es vier Tote. In Ägypten hatten sich die Preise für Grundnahrungsmittel in den letzten Monaten fast verdoppelt. Ähnliches gilt für Westafrika, dessen Kollektivwährung CFA fest an den Euro gekoppelt ist.

In seiner Erklärung vom Montag wies WFP darauf hin, daß die steigenden Preise zu weiteren Unruhen führen können. Sheeran erklärte: »Wir begegnen einem neuen Gesicht des Hungers: Selbst wenn Nahrungsmittel in den Regalen stehen, gibt es jetzt immer mehr Menschen, die sie sich einfach nicht mehr leisten können.« Hinzuzufügen wäre: In der Bundesrepublik leben nach jüngsten Berichten etwa 800000 Menschen von den Angeboten der sogenannten »Tafeln« in Großstädten, d. h. von Rest-Lebensmitteln aus Supermärkten.