Glaubwürdige Alternativen zum globalisierten Kapitalismus

 

Von Francois Houtart (Bibliothèque du Forum social mondial)*

 

Bevor man über Alternativen spricht, braucht man gute Analysen über die gegenwärtige Globalisierung der kapitalistischen Wirtschaft. Diese ist nämlich viel mehr als das Ergebnis der Technologie; als solche wird sie uns öfter präsentiert, um deren Unvermeidbarkeit zu unterstreichen. In Wirklichkeit ist sie in den Umgestaltungsprozess der Kapitalakkumulation einzuordnen, den wir unter dem Begriff ”Washin-gton-Konsens” kennen.

Auf der Ebene des Mechanismus ist diese neue Phase durch die weltweite Integration der verschiedenen Stufen der Produktion und der Distribution an unterschiedlichen geografischen Orten, vor allem dank der neuen Kommunikations- und Informationstechniken, charakterisiert. (Robert Reich, 1993). Dies hat - um Michel Beaud zu zitieren (GEMDEV, 1999, 11)- aus der Globalisierung eine organische einschließende Bewegung gemacht. Diese führt zu einer riesigen Konzentration der wirtschaftlichen Macht und ebenfalls zu einem Anwachsen der ”Finanzblase”, die durch die Aufgabe der Goldparität begünstigt wird. 

 Was ihre Funktion betrifft, handelte es sich darum, den Anteil des Privatkapitals an den produzierten Ressourcen gegenüber den Anteilen der Arbeit und des Staates zu verstärken, nach mehr als 30 Jahren einer keynesianischen oder fordistischen Politik in den westlichen Gesellschaften und nach der Verfolgung einer nationalen und populistischen Entwicklung in den meisten südlichen Ländern. Die Produktivitätssenkung im ersten Fall und die Kosten des Technologie- und Know-how-Transfers in zweiten Fall waren die entscheidenden Faktoren für einen Orientierungswechsel.

 Gewiss erlaubte diese Politik, ein bedeutendes wirtschaftliches Wachstum aufrechtzuerhalten, jedoch ein zerbrechliches, wie die verschiedenen Krisen gezeigt haben. Sie förderte ebenfalls eine beträchtliche technologische Entwicklung.  Aber sie führte auch zum Machtzuwachs einer Minderheit in der Welt, mit einem schwachen Mitnahmeeffekt für die Mittelschichten und dem Zurückwerfen von Millionen Menschen in die Armut oder in die extreme Armut. Denn angesichts der Produktivitätssenkung in den gesellschaftlichen entwickelten Wirtschaftsbereichen hat das Kapital, um seine Akkumulationsmöglichkeiten zu steigern, eine Offensive gegen die anderen Nutznießer des gesellschaftlichen Produkts geführt, also gegen Arbeit und Staat, mit den wohlbekannten sozialen Folgen, vor allem im Süden. Es handelt sich also nicht um irgendeine Globalisierung.

 Eine der ideologischen Grundlagen des kapitalistischen Wirtschaftssystems besteht darin, zu behaupten und einzureden, dass es keine Alternativen gebe, dass die Liberalisierung forciert werden müsse, um die bestehenden Probleme zu lösen und dass der Markt die wahre regulierende Kraft der Gesellschaft ist. Die offeneren seiner Verfechter erklären in Übereinstimmung mit den neoklassizistischen Positionen, dass die Gesetze der Konkurrenz wieder in Kraft gesetzt werden sollen, um die Monopole zu bekämpfen. Einige fügen sogar hinzu, dass wichtige Bereiche der menschlichen Aktivitäten dem Markt nicht überlassen werden dürfen und dass ein Minimum an Staat unabdingbar sei, um die gesetzlichen Rahmenbedingungen des Marktes festzulegen, die Bildungs- und Gesundheitsaufgaben wahrzunehmen, kollektive Infrastrukturen zu verwirklichen und die öffentliche Ordnung zu gewährleisten. Und schließlich wollen alle übereinstimmend dem besorgniserregend verbreiteten Elend durch Armutsbekämpfungsprogramme und die Mobilisierung der freiwilligen - insbesondere religiösen - Organisationen Abhilfe schaffen.

 In diesen Kreisen wird aber die Tatsache nicht eingesehen, dass der Markt eine gesellschaftliche Beziehung ist, die im Rahmen des bestehenden Wirtschaftssystems Ungleichheiten schafft und diese auch braucht, um sich zu reproduzieren. Das alles gehört zu seiner eigenen Logik: Konkurrenz, Wettbewerb, „der Stärkere gewinnt“, Profitmaximierung, Senkung der Produktionskosten, Flexibilisierung der Arbeit, Privatisierungen... In einer solchen Perspektive tendieren die gesellschaftlichen Beziehungen zwischen Partnern zwangsläufig zur Ungleichheit, hauptsächlich die Beziehung Kapital/Arbeit. Mehr noch, die Marktbeziehung hat die Tendenz, die Norm für alle kollektiven Handlungen der Menschheit zu werden, Bildung, Gesundheit, soziale Sicherung, Renten, öffentliche Dienste, Gefängnisse....

 Wie sollten wir uns also mit den Alternativen befassen?

  

I. Die theoretische Frage der Alternativen

 Die Grundfrage ist, ob es tatsächlich Alternativen zum jetzigen Wirtschaftssystem gibt, das faktisch den ganzen Planeten beherrscht, inklusiv einigen sozialistischen Ländern, die sich im Übergang zur Marktwirtschaft befinden.  Wäre es nicht berechtigt, gemäß Adam Smith einzuwerfen, dass der Kapitalismus den Mensch so nimmt wie er ist, während die Alternativen ihn so sehen wie er sein sollte? Anders ausgedrückt, sind die Alternativen angesichts der neuesten Erfahrungen nichts als Utopien?

 In der Tat erscheint die Geschichte des Sowjetblocks für viele als der Beweis des Scheiterns von Lösungen für einen Wechsel. Der Realsozialismus ist kein glaubwürdiger Bezug mehr. Daher die ideologische Leere, die dem „Einheitsdenken” den Platz überlässt. Man fängt obendrein erst jetzt an, die vielfältigen inneren und äußeren Gründe für den Niedergang der Ostregimes zu untersuchen (Eric J. Hobsbawn, 1999, S. 483-517). Andererseits nimmt die zerstörerische Schöpfung, die den Kapitalismus gekennzeichnet, globale Dimensionen an und die Widersprüche, die er auf der ökologischen und sozialen Ebene hervorruft, werden im wahrsten Sinne des Wortes immer unerträglicher. In verschiedenen Kreisen, auf vielen Ebenen und in der ganzen Welt sind immer mehr Widerstände zu verzeichnen, die nach Alternativen suchen. Niemand glaubt jedoch, dass eine Änderung in kurzer Zeit einfach durch eine politische Revolution stattfinden kann. Durch das Scheitern des Realsozialismus ist zumindest bewusst geworden, dass jeglicher Übergang langen Atem erfordert.

 Es ist selbstverständlich viel zu früh für eine Synthese der Alternativvorschläge, ihrer Denkansätze wie ihrer Praxis. Die Faszination des Marktes ist allgegenwärtig. Man braucht nur einen Blick auf China oder auf Vietnam zu werfen, um festzustellen, dass der Markt die letzte Direktive der Kommunistischen Partei geworden ist und dass die Integration in den Globalisierungsprozess als nationales Ziel hingestellt wird. Selbst wenn in diesen Ländern einige eigentümliche Lösungen gefunden werden, um den Markt mit dem Sozialismus zu vereinbaren, das Integrieren dieser Perspektiven in die Politik wird durch die Logik des Kapitalismus überrannt, die wenig Spielraum lässt. Immerhin stellen sich heute gegen die neoliberale Option zwei alternative Strömungen: Der Neokeynesianismus und der Post-Kapitalismus.


1.  Der Neokeynesianismus

 Diese Orientierung befürwortet in ihrer Theorie die Hinnahme der Marktlogik als Motor der Wirtschaft, jedoch unter der Bedingung, dass das System reguliert wird, seine perversen Auswirkungen begrenzt werden und Missbräuche verhindert werden. Dies scheint für viele eine vernünftige und realistische Lösung zu sein.

 Als Bezugsmodell dient in diesem Fall die europäische Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg, mit ihren sozialen Abkommen zwischen Kapital und Arbeit, und in welcher der Staat die Verteilung der Reichtümer überwacht und schlichtet. In einem gewissen Maße war es auch das Merkmal des Bandung-Modells  - ein Begriff von Samir Amin - , d.h. ein nationales und populistisches Entwicklungsprojekt, das die kurz davor unabhängig gewordenen Länder Asiens und Afrikas wie auch Lateinamerika („desarrollismo”) formuliert haben. In diesen Regionen schmiedete sich die Allianz zwischen einer aufkommenden Bourgeoisie und dem organisierten Sektor der Werktätigen in der formellen Wirtschaft um ein Entwicklungsprojekt, wonach die Importe durch eigene Produkte zu ersetzen sind.

 Die Idee besteht also darin, die Prinzipien des Keynesianismus weltweit umzusetzen, d.h. das kapitalistische Wirtschaftssystem zu regulieren. Nach dem Ultraliberalismus, der zu einer Deregulierung der Märkte, der Geldflüsse und der Organisation der Arbeit führte und Strukturanpassungsprogramme hervorbrachte, wodurch die Staatsaufgaben demontiert wurden, schlägt das Pendel in die entgegen gesetzte Rich-tung. Die Rahmenbedingungen der Konkurrenz sollen wieder eingesetzt werden und parallel dazu soll man versuchen, die Umweltzerstörung und die soziale Ungerechtigkeit zu reduzieren. Da heutzutage das Problem sich nicht mehr auf der Ebene der einzelnen Staaten stellt, muss man Mittel für eine weltweite Regulierung finden und zu diesem Zweck die passenden Instrumente aufbauen. Auf dieser Ebene stellt sich nach dem Neokeynesianismus das Problem der Alternativen.

 Diese Strömung hat viele Varianten, je nachdem ob die Protagonisten den Akzent auf die Regulierungen mit dem Ziel, den Kapitalismus zu retten, legen, oder ob es darum geht, Schranken zu setzen, deren Aufgabe es wäre, sowohl ein Vorsichtsprinzip

(Ökologie) zu respektieren als auch elementare Rechte (die Arbeiter, die Souveränität der Staaten) zu schützen. Zu der ersten Kategorie zählen einige Sprecher des internationalen Wirtschaftsforums, das jährlich in Davos stattfindet, oder auch Georges Soros, genialer Spekulant und Wirtschaftsphilosoph;  ebenfalls einige führenden Köpfe der Weltbank und des IWF. In der zweiten Kategorie gibt es auch eine große Bandbreite - vom Dritten Weg von Tony Blair und Bill Clinton, in Wirklichkeit sehr nah an der ersten Orientierung , bis zu der Sozialdemokratie und den Christdemokraten, die beide eine „soziale Marktwirtschaft“ befürworten.

 Alle diese verschiedenen Positionen sind dadurch gekennzeichnet, dass sie die Logik des Kapitalismus nicht in Frage stellen, sondern versuchen, seinen Missbräuchen und Übertreibungen abzuhelfen. Der wilde Kapitalismus wird abgelehnt, sei es, weil er das System selbst in Gefahr bringt, sei es weil seine ökologischen und sozialen Ko-sten zu hoch sind. Im ersten Fall stützt man sich auf eine dem System immanente

Ethik: Die Spielregeln müssen respektiert werden, aber damit das System besser funktioniert. Im zweiten Fall verurteilt man mehr oder weniger streng die perversen Aus-wirkungen des Systems, die vor allem dem Verhalten der Wirtschaftsakteure zugeschrieben werden, denen Regeln vorzuschreiben sind und die besser kontrolliert werden sollen. Die Ethik besteht dann darin, an das Gewissen der Akteure zu appellieren und ein Regelwerk für das Funktionieren der Wirtschaft einzusetzen. Die soziale Doktrin der Kirche reiht sich offensichtlich da ein.

2.  Der Postkapitalismus

 Hier stellt man sich die Organisation der Wirtschaft auf anderen Grundlagen als auf denen des Kapitalismus vor, bzw. der Marktwirtschaft, wie es heute genannt wird, weil es zivilisierter klingt (nach Milton Friedmann, Nobelpreisträger für Wirtschaft, ist es das Gleiche). Also wird die Logik des Kapitalismus in Frage gestellt, d.h. einer Wirtschaft, die sich auf sich selbst bezieht bzw. eine Aktivität ist, die durch Profitmaximierung eine Akkumulation schaffen kann, die Quelle der produzierenden Aktivität und also des Wachstums ist. Dieser Vorstellung stellt der Postkapitalismus eine andere Definition der Wirtschaft entgegen: Es handelt sich um eine Aktivität, die die materiellen Grundlagen des physischen und kulturellen Wohlstands aller Menschen sichert.

 Während die erste Definition den Einsatz der Individuen hervorhebt, deren Summe - nach dieser Vorstellung - die Gesellschaft bildet, unterstreicht die zweite die Tatsache, dass die Wirtschaft eine kollektive Konstruktion ist und erinnert daran, dass der Markt eine gesellschaftliche Beziehung ist. Es handelt sich also um eine grundlegendere Kritik als die neokeynesianische Position; sie mündet zwangsläufig in radikalere Alternativvorschläge. Dies sollte genauer untersucht werden, bevor man sich der Frage der Glaubwürdigkeit widmet.

 Sicher gibt es unter den Protagonisten des Postkapitalismus viele Unterschiede. Man findet dort eine revolutionäre Linke, die der Meinung ist, dass die Machtübernahme der Schlüssel zu einem schnellen und radikalen Wechsel ist. Man findet dort auch diejenigen, die seltsamerweise „Konservative” genannt werden und die in den postsozialistischen oder noch offiziell sozialistischen Ländern eine Rückkehr zu den sow-jetischen Lösungen, gar zum Stalinismus befürworten, als Versuch, das mafiöse Chaos des entfesselten Marktes, wie es zum Beispiel in Russland erfahren wird,  zu beschwören oder zu vermeiden.  Die Mehrheit der anderen nimmt jedoch an, dass der Übergang zu einem alternativen Wirtschaftsmodell langen Atem erfordert.

 Heute werden ernsthafte theoretische Anstrengungen gemacht. Sie schließen in einem früher undenkbaren Dialog marxistische Denker aus verschiedenen Strömungen, Linksintellektuelle unterschiedlicher Herkunft, Freidenker und Gläubige ein. Die theoretische Recherche steht noch am Anfang, aber sie ist in Gang gesetzt. Das beweisen solche Ereignisse wie die Feierlichkeiten zum 150ten Jahrestag des Kommunistischen Manifests, an dem 1500 Intellektuelle aus den fünf Kontinenten teilnahmen, oder auch die Existenz mehrerer Zeitschriften, die diese Themen behandeln.

 Es ist selbstverständlich nicht möglich, alle angedachten Perspektiven darzustellen. Diesbezüglich hat Lucien Sève in seinem Werk ”Commencer par les fins” einen wichtigen Beitrag geliefert. Er untersucht unerbittlich die Niederlagen des Realsozialismus, aber er setzt sich auch für eine theoretische Reflexion ein, die nicht einfach mit der Vergangenheit bricht und die es ermöglicht, einen intellektuellen Prozess fortzusetzen, der es wagt, sich dem Kapitalismus von einer radikalen Perspektive aus entgegenzustellen. „Den Kapitalismus überwinden bleibt im eigentlichen und stärksten Sinne des Wortes eine Revolution, das heißt eine radikale Umwälzung der bestehenden Ordnung.” (Lu-cien Sève, 1999. S. 97). Er betont die Notwendigkeit einer theoretischen Reflexion für das Handeln.

 Einige werden sagen, es handelt sich um eine Utopie. Die Befürworter dieses Projek-tes nehmen sie beim Wort, geben jedoch diesem Wort eine andere Bedeutung: Wie Paul Ricoeur es entwickelt, ist es eine notwendige Utopie, d.h. ein Ziel, das zeitlich nicht definiert ist, aber die kollektiven Bestrebungen zusammenfasst. Unter dieser Bedingung ist Utopie nicht mit unausführbar gleichzusetzen. Aber die Theorie kann nicht da stehen bleiben. Sie muss sich auch mit den Ergebnissen der sozialen und

ökonomischen Analyse beschäftigen, so dass sie über die Erfahrungen der Vergangenheit berichten kann und die vielfältigen gegenwärtigen Widerstände gegen das kapitalistische System bewerten kann. Diese sind in der Tat nicht alle gegen das Sy-stem gerichtet und auch nicht unbedingt dazu geeignet, mögliche alternative Aktionen zu formulieren, was erneut auf die Notwendigkeit hinweist, Kriterien zu deren Einschätzung zu entwickeln.

 Eine konkrete Alternative wird nicht allein dadurch glaubwürdig, dass sie funktioniert. Sie muss sich in einen breiteren Zusammenhang einordnen können und eines der Elemente zum Aufbau des Endzieles bilden. Sonst wird sie rasch zu einem Element des bestehenden Systems, da dieses eine ungeheuere Fähigkeit besitzt, sich anzupassen und einzuverleiben. Daher die Bedeutung der Theorie für die Entwicklung von Alternativen.

 Für diese Denkrichtung ist es also ganz klar, dass die Alternativen Bestandteil der Überwindung des Kapitalismus, nicht seiner Umgestaltung sind. Ein solches Vorgehen setzt auch eine ethische Beurteilung voraus. Wie wir es schon ausgeführt haben, schreiben die Anhänger des Neoliberalismus ganz groß auf ihre Tafeln zum einen die Förderung der individuellen Initiative, die ihres Erachtens den Menschen aufwertet, zum anderen das Zusammenwirken von widersprüchlichen Interessen, die sich auf dem Markt neutralisieren, was seine selbst regulierende Rolle bestätigt. Einige gehen sogar noch weiter, wie Michael Novak, der in den USA die Vorstellung ver-teidigt, dass der Kapitalismus die Organisationsform des Marktes sei, die dem Evangelium am nächsten sei, da sie Respekt der Person mit Gemeinwohl verbinden würde, oder auch Michel Camdessus, der frühere Direktor des IWF, der eine Woche vor seinem Rücktritt auf dem Symposium von Pax Romana in Washington erklärte, der IWF würde eines der Elemente zur Schaffung des Reiches Gottes bilden.

 Die Notwendigkeit, den Kapitalismus zu überwinden, erfordert also ethische Grund-lagen für die Suche nach Alternativen. In dem Maße, wie man diesem seine Legitimation streitig machen kann, ist es möglich, eine öffentliche Meinung zu mobilisieren und Aktionen zusammenzuführen. In der postkapitalistischen Perspektive geht es um mehr als eine simple Verurteilung der Übertreibungen. Um langfristig zu bestehen, braucht jedes System und insbesondere das kapitalistische System kritische Instanzen, die es ihm ermöglichen, die Störungen in seinem Funktionieren zu beheben.  Darum sind selbst radikale Reaktionen, die seine theoretischen Grundlagen nicht in Frage stellen, schließlich dem System dienlich.

 Der Postkapitalismus spricht dem Kapitalismus jegliche Legitimation ab, nicht zuerst aus moralischen Gründen, sondern indem er auf dessen Unfähigkeit hinweist, die Mindestanforderungen der Wirtschaft zu erfüllen, die als ein Räderwerk der Gesellschaft definiert wird, das die materielle Sicherheit aller Individuen und aller Völker gewährleisten sollte. Dies zeigt glasklar die Verteilung der Einkommen in der Welt, die in der Graphik vom UNDP durch die Form einer Schale abgebildet wird. Karl Polanyi, ein amerikanischer Ökonom ungarischer Herkunft, hatte es wohl verstanden, als er erklärte, dass der Kapitalismus die Wirtschaft aus der Gesellschaft herausgezogen und daraus eine eigene Entität gemacht hatte. Darüber hinaus muss man hinzufügen, dass der Kapitalismus dazu tendiert, seine Gesetze allen gesellschaftlichen Aktivitäten der Menschheit aufzuzwingen. Das langfristige Projekt besteht also darin, die Wirtschaft in die Gesellschaft wieder zu integrieren und aus diesem Grund wagt dieser Autor sogar, die moralische Überlegenheit des Sozialismus über den Kapitalismus zu verkünden. (Karl Polanyi, 1995)

Für die postkapitalistische Strömung reiht sich also die ethische Reaktion angesichts der Übertreibungen in eine globalere Anschauung ein, denn diese sind weder einfach Störfälle in seinem Verlauf noch das Ergebnis von individuellen Perversionen.  Die postkapitalistische Analyse betrachtet sie als dem System zugehörig, was schon durch die Tatsache leicht bestätigt wird, dass die gleichen ökonomischen Akteure des „zivilisierten Kapitalismus”- inklusive die des so genannten Rheinischen Kapitalismus, die Verfechter eines wilden Kapitalismus im Süden oder auch in Osteuropa sind. Die Maximierung des Profits oder das Gesetz der Konkurrenz kennen nur die Grenzen, die ihnen durch die Kräfteverhältnisse auferlegt werden. In dem Maße wie der Kapitalismus auf organisierte Widerstände trifft, weicht er zurück, ohne jedoch auf den Einsatz von Unterdrückung, Gewalt, politischen Diktaturen oder sogar Krieg zu verzichten, um seine Interessen zu verteidigen.

 Gemäß dieser Sichtweise soll eine andere Globalisierung, die der Widerstände und der Kämpfe aufgebaut werden (F. Houtart und F. Polet, 1999).  Denn gegenüber der Globalisierung des Kapitals findet man eine Zersplitterung der Volksbewegungen

oder der Organisationen zur Verteidigung von verschiedenen Rechten, welche durch die Vielfalt der geographischen Orte und der gesellschaftliche Bereiche bedingt ist. Nur ein Zusammenkommen wird es ermöglichen, eine neue Kraft aufzubauen. Trotz ihrer Unzulänglichkeiten ist die Aktion gegen die WTO in Seattle ein Beginn gewesen.

 Die technologischen Fortschritte und die ökologischen Fragen haben auch ihren Platz in der postkapitalistischen Anschauung. Jene erscheinen nicht wie ein Selbstzweck, noch weniger als ein Mittel zur Profitmaximierung, sondern als ein Mittel, die Lage der Menschen auf dem gesamten Planeten zu verbessern. Daher werden die sozialen Bedingungen der Technologieentwicklung ( die menschlichen Kosten), ihre Rolle in dem ökonomischen System (Arbeit vernichten oder die Arbeitsbedingungen verbessern), die Verteilung ihrer Vorzüge in den Gesellschaften ( einer Minderheit vorbehalten oder allen zugänglich gemacht), die ethischen Merkmale ihrer Anwendung (Biotechnologie) und ihre Folgen für die natürliche Umwelt (CO2 usw.) in Betracht gezogen.

 Was die ökologischen Faktoren anbetrifft, richtet sich darauf besonders die Aufmerk-samkeit. Wenn schon vor anderthalb Jahrhunderten Marx gesagt hatte, dass der Kapitalismus die beiden Quellen seines Reichtums, die Natur und die Menschen zerstört, stellt man jetzt fest, dass die sozialistischen Regimes den Erfordernissen der

Ökologie wenig Beachtung geschenkt haben. Mehr denn je, sagen die Befürworter einer postkapitalistischen Lösung, verlangt das Vorsorgeprinzip, die Nutzung der Na-tur der Logik des Marktes zu entziehen und diese in einem Rahmen, der nur weltweit sein kann, einzubinden.

 Und weil schließlich der Markt eine gesellschaftliche Beziehung ist, setzt sich das Recht des Stärkeren in vielen Fällen durch. Selbst wenn in der jetzigen Konjunktur die Hauptzentren des Kapitalismus in den USA, Europa und Japan zu finden sind, die zusammen über viele ökonomische, wissenschaftliche und strategische Monopole verfügen, befindet sich die militärische Macht, die das System sichert, in den Händen der USA. Thomas Friedmann, Berater der Staatssekretärin Madeleine Albright, schrieb in dem New York Times Magazine vom 28.März 1999 einen Artikel mit der Überschrift.  Damit die Globalisierung funktioniert, darf Amerika nicht zögern, wie die unbesiegbare Supermacht, die sie in Wirklichkeit ist, zu handeln”. Er fügte hinzu: „Die unsichtbare Hand des Marktes wird niemals ohne eine unsichtbare Faust funktionieren. McDonald kann nur mit Hilfe von McDonald Douglas, dem Hersteller der F-15, expandieren. Und die unsichtbare Faust, die weltweit die Sicherheit der Technologien von Silicon Valley gewährleistet, heißt die Armee, die Luftwaffe, die Marine und der Marinecorps der USA.”  (Thomas Friedmann, 1999, 61)  Einer solchen Erklärung sollte man zumindest Ehrlichkeit attestieren.

 Die Gegnerschaft zu der amerikanischen Hegemonie und dabei insbesondere die Kritik an der NATO sind unter diesem Blickwinkel zu sehen (Samir Amin, 1999). Diese hat sich bezüglich des Kosovo-Krieges geäußert, als Ergebnis einer Analyse, die weiter als die unmittelbare Zeit geht und sich in der globalen Perspektive des Postkapitalismus einreiht. Der Beginn der Institutionalisierung der europäischen Verteidigung nach diesem Krieg zeugte ein gewisses Bewusstsein der Widersprüche innerhalb dieser Triade und weist auch auf die Möglichkeit einer Alternative hin.

  

II. Die konkreten Alternativen

 Beide eben vorgestellten Vorhaben schlagen Alternativen vor. Das erste – neokeyne-sianische Orientierung – hat dabei zum Ziel, den Kapitalismus zu humanisieren und das zweite will ihn überwinden. Von Alternativen zu sprechen ist also ambivalent, je nach dem, ob es sich um Alternativen innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft oder ob man für Alternativen zum kapitalistischen System eintritt. Beide haben eine Theorie, bauen eine Ethik auf, nähren Widerstände und schlagen konkrete Schritte vor. In vielen politischen Punkten treffen sie sich, treten für bestimmte Regulierungen ein, wie die der internationalen Finanzflüsse zum Beispiel, aber die Grundphilosophie ist sehr verschieden. Man darf sich nicht täuschen. Viele soziale und gar kulturelle Fak-toren tragen dazu bei, sie von einander zu trennen.

 Beide Anschauungen sprechen heute von Alternativen im Plural, aber in unterschiedlichem Sinne. Für die einen gibt es keine globalen Ziele mehr, diese bergen in sich nur die Gefahr einer Rückkehr zu einem „Einheitsdenken”, aber es gibt umgekehrt eine Reihe von konkreten Lösungen, die es ermöglichen, glaubwürdige Alternativen zu der gegenwärtigen Situation, die als unerträglich gilt, darzustellen. Diese Überlegungen stehen dem Neokeynesianismus am nächsten. Für die anderen sind die konkreten Alternativen nur glaubwürdig, wenn sie im Rahmen einer allmählichen Ersetzung des kapitalistischen Systems stattfinden, also als Etappen in einem unausweichlich langen Übergang. Hat der Kapitalismus denn nicht vier Jahrhunderte gebraucht, um die materiellen Grundlagen seiner Reproduktion zu schaffen - die Industrialisierung und die Arbeitsteilung? Es ist also ganz normal, dass eine andere Produktionsweise auch Zeit braucht, um sich aufzubauen. „Das Problem des Sozialismus”, sagte Maurice Godelier, „besteht darin, dass er das Laufen mit den Beinen des Kapitalismus lernen musste.” Die neue technologische Revolution könnte dazu beitragen die Lage zu verändern, aber selbstverständlich wird es nicht automatisch geschehen.

 Bevor wir auf die einzelnen Bereiche eingehen, für die zur Zeit glaubwürdige Alternativen entwickelt werden, möchten wir drei Anmerkungen machen:

Erstens können die Alternativen, die von gesellschaftlichen Akteuren entwickelt werden, nur daraus entspringen, dass der bestehenden Lage, also dem realen Kapitalismus, die Legitimation abgesprochen wird. Dieser Schritt ist unerlässlich. Mit anderen Worten muss man die Vorstellung zerstören, wonach es keine Alternativen gibt. In dem Maße, wo eine solche Überzeugung vorherrschend bleibt, wird keine andere Lösung als glaubwürdig gelten und das Spiel ist im Voraus entschieden. Daher die bedeutende Rolle der moralischen Instanzen sowohl für diejenigen, die das vorhandene ökonomische System reformieren wollen als auch für die, die es ersetzen wollen.

Zweitens ist daran zu erinnern, dass der Markt eine gesellschaftliche Beziehung ist und dass unter dem Vorzeichen der Globalisierung seine Veränderung nur im Rahmen eines neuen Gleichgewichts stattfinden wird, was ein Zusammenwirken der Wi-derstände und der Kämpfe auf der gleichen Ebene erfordert. Es sind nicht nur einfach Wirtschafts- oder Verwaltungstechniken einzusetzen, um das ökonomische Sys-tem und seine sozialen, politischen und kulturellen Auswirkungen zu verändern. Aktionen mit einer Reihe von sozialen und politischen Forderungen sind also notwendig, um die Alternativen in Gang zu setzen.

 Drittens ist anzumerken, dass ein System zu verändern ist (also anzupassen bzw. zu ersetzen, je nach der Perspektive); das Addieren von Alternativen, seien sie noch so vielfältig, wird zur Verwirklichung dieses Ziels nicht ausreichen. Es gibt jedoch viele Orte und eine Vielzahl an Akteuren, wahrscheinlich viel mehr als vor einem halben Jahrhundert. Heute sind alle Bevölkerungen der Welt direkt oder indirekt in die gesellschaftlichen Beziehungen des Kapitalismus einbezogen, sei es direkt durch das Verhältnis Kapital/Arbeit oder die Lohnarbeit, sei es indirekt durch eine große Zahl von anderen Mechanismen wie z.B. die Festlegung der Preise der Agrarprodukte für den Export und der Rohstoffe, die Mechanismen der Auslandsverschuldung, die Öffnung der Märkte, die Wechselkursfreigabe oder die Finanzspekulation. Wie kann man in der Tat nicht nur die Existenz von über 20 Millionen Arbeitslosen in Ost- und Südostasien erklären, Folge der Banken- und Finanzkrise, sondern auch die Tatsache, dass die dalits (Unberührbaren) in Indien sich auflehnen und es Kastenkämpfe, keine Klassenkämpfe gibt, gerade zu dem Zeitpunkt, wo das Land die Öffnung der Wirtschaft gemäß den Prinzipien des Liberalismus verordnet, was unter anderem die Abschaffung der Hilfsmittel zur Grundernährung bedeutet, oder auch die Revolte der Chiapas in Mexiko, gerade zum Zeitpunkt, wo der Freihandelsvertrag mit den USA - NAFTA - in Kraft tritt? Wie kann man die soziale Radikalisierung der femini-stischen Bewegungen im Süden verstehen, wenn man sie nicht in Beziehung zu der Feminisierung der Armut setzt? Man könnte noch viel mehr Beispiele anführen.

 Die konkreten Alternativen (in Plural) können also entweder als Geländer für das System , ohne dass dieses in seiner Grundlogik in Frage gestellt wird, betrachtet werden, oder als Meilensteine auf dem Weg zu dessen Überwindung. Es stimmt schon, dass konkrete Vorschläge manchmal bis auf Nuancen übereinstimmen und sogar identisch erscheinen. Die Regulierung der internationalen Finanzflüsse schlagen sowohl George Soros als auch ATTAC, die Bewegung französischer Herkunft für die Tobin-Tax, vor. Aber zwischen diesen beiden Polen, einerseits der amerikanische Finanzier, andererseits die Initiative von Le Monde Diplomatique, gibt es mehr als Nuancen. Die Endziele sind entgegengesetzt. Der erste will den Kapitalismus retten und erklärt es sehr offen, der zweite, selbst wenn in ihm verschiedenen Strömungen vertreten sind, will ihn überwinden.

 Um das Problem der glaubwürdigen Alternativen anzugehen, muss man drei Ebenen berücksichtigen: die der Utopie, die der mittelfristigen Ziele und die der konkreten Maßnahmen. Auf diesen drei Ebenen sind heute viele Ideen, Vorschläge und Versuche zu verzeichnen.


1.  Die Ebene der Utopien

 Es sei zuerst daran erinnert, dass es sich bei einer Utopie nicht um eine Illusion, sondern um ein mobilisierendes Projekt handelt. Dieses kann nicht allein ein Geistespro-dukt sein. Es muß seine Wurzeln in der Wirklichkeit haben, die für deren Akteure durch die räumlichen und zeitlichen Zwänge bestimmt wird. Wir werden hier nicht die neoliberale Utopie darstellen, die der erste Direktor der WTO so beschreibt: schon im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts würde man das Ende jegliches Elends der Welt und die Verwirklichung des Glücks für die gesamte Menschheit erleben, unter der Bedingung, dass die gesamte Wirtschaft liberalisiert wird. Gerade weil ver-gessen wird - vielleicht nicht unabsichtlich -, dass der Markt eine gesellschaftliche Beziehung ist, ist diese Position illusionistisch.

 Beide Orientierungen, der Neokeynesianismus und der Postkapitalismus, lehnen es ab, die Utopie mit einer mythischen Zukunft gleichzusetzen; sie unterscheiden sich sehr in der Definition des Endziels. Die erste stellt sich einen regulierten Markt vor, der Bestimmungen gehorcht, die von außen festgelegt wurden und durch die öffentliche Gewalt gewährleistet werden, eine Position, die durch einige Aspekte sehr stark der der Neoklassiken ähnelt, welche vor allem bestrebt sind, die Bedingungen der Konkurrenz wieder einzurichten; dies erklärt vielleicht die Annäherung zwischen den sozialen Liberalen und den Sozialisten des Dritten Wegs.

 In der Sicht der postkapitalistischen Strömung hingegen soll die Logik des Kapitalismus gekippt und  neue Regeln für das wirtschaftliche Spiel sollen etabliert werden: Die Ersetzung des Profitbegriffs durch den Bedarfsbegriff, die Beachtung der sozialen Beziehungen in dem Produktionsprozess und bei der Entwicklung der Technologien, die demokratische Kontrolle, nicht nur der politischen Entscheidungen, sondern auch der ökonomischen Aktivitäten, der Konsum als Mittel und nicht als Ziel, der Staat als technisches Organ und nicht als Unterdrückungswerkzeug usw. Mit Hilfe solcher Kriterien bewertet diese Strömung die Erfahrungen mit dem realen Sozialismus, um herauszufinden, was nicht funktioniert hat und warum.

 Die Ebene der Utopien muss zu der Erstellung von Programmen führen, es ist also ein weiterer Schritt zu machen. Wie wir es schon ausgeführt haben, beide Strömungen, die der neoliberalen Phase der kapitalistischen Akkumulation nicht zustimmen, schlagen kurz- und mittelfristigen Alternativen vor, die ziemlich oft sich ähnlich sind. Also werden wir vor allem auf die Momente der Übereinstimmung eingehen.

 

2.  Die mittelfristigen Alternativen

 Wenn wir den Ausdruck „mittelfristig” benutzen, erwähnen wir allgemeine Ziele, die als erreichbar eingeschätzt werden; entweder werden diese in viele konkretere Vorschläge übersetzt, die in den kurzfristigen Alternativen aufgegriffen und je nach den Möglichkeiten realisiert werden, oder sie erfordern einen langwierigen Kampf angesichts der starken Gegenkräfte. Wir werden jetzt deren beide wichtigsten Bereiche beschreiben: Zum einen die ökonomischen Alternativen und ihre gesellschaftlichen Dimensionen, zum anderen die politischen Alternativen.

 a) Die ökonomischen Alternativen und ihre gesellschaftlichen Dimensionen

 Das erste Ziel einer mittelfristigen Alternative auf dem ökonomischen Gebiet ist eine andere Gestaltung des globalisierten Austauschs. Die Widersprüche zu der Globalisierung betreffen nicht die Universalität der Transaktionen, sondern die Art und Weise, wie sie im Kapitalismus stattfinden. Dies wurde in Seattle und in Bangkok ausgeführt. Einige Sektoren der zwischenmenschlichen Aktivitäten müssen außerhalb der Marktlogik bleiben, sonst verlieren sie ihren Sinn. Das ist der Fall für die Kultur, die Bildung und die Kommunikationsmittel. Die Öffnung der Märkte muss den schwachen Wirtschaften Handlungsspielräume geben. Die Freizügigkeit kann nicht nur für das Kapital und die Güter gelten, sondern soll auch Personen zuerkannt werden. Die spekulativen Aktivitäten, die die Weltwirtschaft beherrschen, müssen kanalisiert werden, wenn schon nicht vollständig abschafft werden usw. Für alle diese Punkte wurden Vorschläge entwickelt.

 Die gegenwärtige Globalisierung begünstigt außerdem sowohl die Interessen der stärkeren Nationen als auch die multinationalen Firmen, die einen Prozess der Konzentration durchleben. Die regionalen ökonomischen Zusammenschlüsse stellen eine andere Art und Weise dar, sich in die Globalisierung einzuordnen. Sie entsprechen nämlich zwei alternativen Perspektiven. Einmal werden sie allmählich den Bedürfnissen der Bevölkerungen besser entsprechen können, indem sie den internen Austausch erweitern, zum anderen bilden sie eine solidere Verhandlungsbasis in einer globalisierten Wirtschaft; somit schaffen sie einen Ausgangspunkt für eine zukünftige ökonomische und politische Vielfalt, im Gegensatz zu der jetzigen Unipolarität der Triade Europa - Japan - USA, die unter der Hegemonie der letzteren steht.

 Um die Nord-Süd-Beziehungen, ein weiterer Aspekt der gegenwärtigen Globalisierung, zu verändern, sollten die Hindernisse zu der Entwicklung der abhängigen Wirtschaften aufgehoben werden, indem die Orientierung der Finanzströme umgedreht wird, die jetzt zu den entwickelten Wirtschaften auf Grund ihres Gewichts in den internationalen Beziehungen fließen. Es handelt sich um folgende Hindernisse: Schwankungen der Preise für Rohstoffe und Agrarprodukte, Konkurrenz der Agrarüberschüsse, Zuliefererstrukturen und Freihandelszonen mit ihren äußerst strengen steuerlichen und sozialen Bedingungen, die Bedeutung des Schuldendienstes, die Forderungen der ausländischen Investoren, die Wucherzinssätze der kurzfristigen Geldanlagen (Schwalbenkapitalgelder), die Flucht des lokalen Kapitals zu Orten, die eine höhere Rentabilität gewähren usw. In all diesen Bereichen werden Lösungen vorgeschlagen und einige werden schon teilweise umgesetzt oder debattiert.

 Ebenfalls die Globalisierung betreffend sind schließlich auch die Reduzierung des Waf-fenhandels und seine strenge internationale Kontrolle weitere mittelfristige Ziele der Alternativen. Es wird auch angestrebt, dass die Kontrolle des Verbots von Massenvernichtungswaffen in den Händen einer wirklichen internationalen Instanz liegt und nicht allein von einigen Nationen abhängt, die die Weltordnung beherrschen. Es gibt schon Vorschläge in diesem Sinne und sie sind in dem Maße glaubwürdig, wo daraus ein politischer Wille abgelesen werden kann. Nach dem Ende des Kalten Kriegs hat man von den ”Friedensdividenden” gesprochen. Diese Vorstellung, die ansatzweise verwirklicht wurde, könnte ausgedehnt werden.

 Da die Alternativen eine Veränderung oder eine Ersetzung des jetzt weltweiten Kapitalismus bedeuten, sollte man sich nicht nur mit seiner räumlichen Ausdehnung beschäftigen, sondern auch mit seiner Logik, die weltweit wirkt. In diesem Bereich geht es um die Schranken, die der Marktlogik gesetzt werden. Niemand unter denjenigen, die Alternativen vorschlagen, denkt daran, den Markt abzuschaffen, denn wenn dieser eine gesellschaftliche Beziehung darstellt, könnte er auf der Grundlage von einer echten Gegenseitigkeit aufgebaut werden. In diesem Sinne öffnet die Entwicklung ei-ner sozialen Wirtschaft, selbst wenn ihre Möglichkeiten durch die jetzigen Rahmenbedingungen stark eingegrenzt sind, den Weg zu vielen Lösungen, auch zu dem Besitz der Produktionsmittel durch die Produzenten. Konkret zeigt sich dieses am Ausbremsen von Firmenkonzentrationen, die den nationalen Gesetzen nicht unterworfen sind, oder auch am Stoppen der vielfältigen Privatisierungen, positiv an der Aufwertung der Bereiche außerhalb des Marktes, als reeller Beitrag zu dem Reichtum der Nationen. Das alles ist Gegenstand von konkreten Forderungen mehrerer sozialer Bewegungen.

 Den Produktions- und Verteilungsprozess, der in der jetzigen neoliberalen Phase wegen des Rentabilitätskriteriums eine beträchtliche Deregulierung erfährt, zu reorganisieren, gehört auch zu den mittelfristigen Alternativen. Es betrifft vier Sektoren:

 Zuerst die Aufwertung des produktiven Kapitals gegenüber dem Finanzkapital, damit die relative Abnahme des ersten gestoppt wird und der spekulative Charakter des zweiten reduziert wird.

Zum zweiten eine kritische Anwendung der Technologien, um zu vermeiden, dass die Rentabilität das alleinige Kriterium ihrer Entwicklung und Anwendung bildet, indem andere Parameter wieder eingeführt werden, wie der Wohlstand der Menschen, die Würde der Person, der Respekt vor der Natur.

Drittens soll die Arbeit neu definiert werden. Sicher wird sie durch die neuen Technologien gründlich modifiziert. Andere Parameter als die wilde Wettbewerbsfähigkeit zwischen den Unternehmen, welche Flexibilisierung der Arbeitszeit, Individualisierung der Werktätigen, Kinderarbeit, Druck auf die Kosten für die soziale Sicherung oder die Sicherheit der Arbeitsstätten usw. mit sich bringt, sollten die Neuorganisation der Arbeit bestimmen.

Zuletzt muss man den ökologischen Faktor erwähnen, dessen Erfordernisse immer stärker anerkannt werden. Kurzfristig könnte es sein, dass dieser am besten in der Lage sein wird, Alternativen zu der kapitalistischen Logik durchzudrücken, denn es ist nicht möglich, die Dinge so weiter laufen zu lassen, also für einen kurzfristigen Profit die Ausbeutung der nicht erneuerbaren Ressourcen und die Zerstörung der Umwelt in Kauf zu nehmen.

 Allgemeiner kann man sagen, dass diese verschiedenen alternativen Ziele sich in das einreihen, was Polanyi „die Wirtschaft wieder in die Gesellschaft integrieren” benannt hat, indem man sie den sozialen und ökologischen Erfordernissen unterordnet. Die UN-Gipfel in Kopenhagen und in Rio (Agenda 21) zeigen, dass es nicht reine Illusion ist, selbst wenn die konkreten Ergebnisse noch sehr enttäuschend sind. Erinnern wir jedoch daran, dass die Interpretation dieser mittelfristigen Ziele anders ist, je nach der Perspektive - neokeynesianische oder postkapitalistische - und dass dies auch auf die zu ihrer Verwirklichung vorgeschlagenen Wege wirken kann.

 b) Die politischen Alternativen

 Die ökonomischen Alternativen können schwer verwirklicht werden ohne politische Alternativen. Die gegenwärtige Globalisierung gibt in der Tat dem kapitalistischen Wirtschaftssystem eine vorherrschende Machtstellung, d.h. eine ungeheure Fähigkeit, seine Normen dem kollektiven Leben aufzuerlegen. Das Gegengewicht kann nur politisch sein, im weitesten Sinne des Wortes. Daher eine Reihe von mittelfristigen Zielen. Weltweit handelt es sich darum, vor allem die internationalen Organisationen zu stärken und sie zu demokratisieren. Das betrifft sowohl den Sicherheitsrat in seiner Rolle, den Frieden zu bewahren, als auch spezialisierte Organisationen der Vereinten Nationen. Was die Organisationen anbetrifft, die als Ergebnis der Bretton Woods Konferenz entstanden sind (Weltbank, IWF und vor kurzem die WTO) und zu wirkungsvollen Instrumenten des Washington-Konsens geworden sind, so wird ernsthaft in Erwägung gezogen, sie zu ihrer Ursprungsaufgabe zurückzuführen, d.h. das weltweite Wirtschaftssystem nach anderen Kriterien als einfach der Rentabilität des Kapitals zu regulieren. Das alles geht einher mit der Wiedererstellung des Staats in seiner Rolle als Garant der sozialen Ziele und der ökologischen Bemühungen, mit der Verstärkung seiner technischen Effizienz und der Zunahme der demokratischen Kontrolle auf allen Ebenen.

 Die Verwirklichung dieser alternativen mittelfristigen Ziele hängt international von drei wesentlichen Faktoren ab: Zusammenführen der Widerstände gegen den Kapitalismus und der sozialen Kämpfe auf allen Ebenen, politischer Wille seitens der Staaten und Entwickeln eines internationalen Rechts. Man kann sogar behaupten, dass gerade die Dynamik dieser drei Faktoren es ermöglichen wird, diese Alternativen zu verwirklichen.

 Im ersten Fall wird zurzeit eine Vernetzung der sozialen Bewegungen aufgebaut und werden gemeinsame Aktionen organisiert. 1999 haben symbolische Ereignisse ihre Existenz offenbart, zum Beispiel „Das andere Davos”, das fünf wichtige soziale Bewegungen aus den fünf Kontinenten zusammengebracht hat, um zu unterstreichen, dass man die Weltwirtschaft anders als dem Markt untergeordnet konzipieren kann, oder auch in Seattle die gemeinsamen Aktionen der Werktätigengewerkschaften - insbesondere amerikanische - und der sozialen Bewegungen verschiedener Bereiche und aus verschiedenen Teilen der Welt.

 Einige Initiativen von Staaten, vor allem auf der regionalen Ebene, zeugen vom politischen Willen, Alternativen zu finden, zum Beispiel der Mercosur oder das ASEAN, deren wirtschaftliche Vorhaben keineswegs der Schaffung von Freihandelszonen zwischen den Ländern der Region und den USA entsprechen. Schließlich muss man im Bereich des internationalen Rechts die zahlreichen Initiativen auf dem Gebiet der Menschenrechte oder der Völkerrechte gegenüber dem Wirtschaftsrecht erwähnen, unter anderem die Initiativen für einen Weltstrafgerichtshof oder die internationale Liga für die Rechte der Völker.

  

3.  Die kurzfristigen Alternativen

 Damit man von glaubwürdigen Alternativen reden kann, sollten nicht nur ein Endziel festgelegt und mittelfristige Ziele formuliert, sondern auch kurzfristige Vorschlä-ge entwickelt werden, welche die Grundlage für Forderungen und politische Programme bilden können.

Einen Katalog solcher Vorschläge aufzustellen wäre unmöglich, aber es reicht aus, einige Beispiele zu benennen, um zu beweisen, dass es möglich ist, solche Alternativen zu schaffen. 

Die meisten betreffen den Bereich der Regulierungsmaßnahmen, aber sie werden als Schritte in einem langfristigen Prozess betrachtet, sei es um die kapitalistischen gesellschaftlichen Beziehungen zu humanisieren, sei es um sie zu verändern. Man kann sie folgendermaßen ordnen:

 - Ökonomische Regulierungen: Besteuerung der internationalen Finanztransaktionen, regionales und internationales Steuerrecht, Abschaffung der Steueroasen, Streichung der Schulden der armen Länder, regionale Zusammenschlüsse in der Form von gemeinsamen Märkten oder Zonen einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit, Restrukturierung der internationalen Finanzinstitutionen usw.

 - Ökologische Regulierungen: Schutz der nicht erneuerbaren Ressourcen, Schutz des biologischen Reichtums, Schaffung von internationalen Regelungen zur Umweltverschmutzung, Umsetzung der Agenda 21 usw.

 - Soziale Regulierungen: Internationales Arbeitsrecht, Verhaltenscodex der internationalen Investoren, Beteiligung der Vertretungsorgane der Werktätigen in den regionalen und internationalen Instanzen usw.

 - Politische Regulierungen: Schaffung von regionalen Machtinstanzen mit einer regulierenden Kompetenz in Sachen Ökonomie und Soziales , Umorganisierung der Organe der Vereinten Nationen, weltweite Verwaltung der ökologischen und kulturellen Güter, Weltparlament

 - Kulturelle Regulierungen: Schutz der nationalen oder lokalen kulturellen Werke.

 Ich möchte mit der Feststellung abschließen, dass Alternativen vorhanden sind. Es gibt auch keinen Zweifel darüber, dass sie glaubwürdig sind. Ihre Verwirklichung hängt im Endeffekt vom Willen ab, diese umzusetzen. Zur Zeit stellt sich die Frage der Glaubwürdigkeit auf der Ebene nicht mehr der Alternativen, sondern des kollektiven Handelns. Gibt es soziale Formen, die diese kurzfristigen und mittelfristigen alternativen Projekte tragen können? Ist der politische Wille vorhanden, sie zu verwirklichen? Das ist eine andere Debatte, die man rasch führen sollte.

 (Traduction:  Marie-Dominique Vernhes, 29.01.2002)

Bibliographie

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HOLSBAWN E.J., L’âge des extrêmes, Histoire du court XXème Siècle, Bruxelles, Complexe, Paris, Le Monde diplomatique, 1999.

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HOUTART F. et POLET F., L’Autre Davos; mondialisation des résistances et des luttes, Paris, L’Harmattan, 1999.

POLANYI K, et AREMBERG C. Les systèmes économiques dans l’histoire et la théorie, Paris, Larousse, 1975.

REICH, R., L’économie mondialisée, Paris, Dunod, 1993.

SEVE L. Commencer par les fins, la nouvelle question communiste, Paris, La Dispute, 1999

SOROS G., La crise du capitalisme ou l’intégrisme des marché, Paris,

 

  *Der Text wurde in der vorliegenden deutschen Fassung in der Mailingliste [attac-mod] am 5. Februar 2002  veröffentlicht.

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