28.01.2006 / Ausland / Seite 09

Gigantomanie in Stahl

Weltmarktführer Mittal Steel will Arcelor, die Nummer zwei der Branche, schlucken. Im Falle einer Übernahme bekommt ThyssenKrupp den kanadischen Dofasco-Konzern doch noch

Dieter Schubert

Auf dem weltweiten Stahlmarkt ist ein Showdown angesagt. Weltmarktführer Mittal Steel kündigte am Freitag an, die bisherige Nummer zwei zu kaufen. Den Arcelor-Konzern könnte die Attacke von Mittal Steel im falschen Moment erwischt haben. Denn der luxenburgische Hai war gerade dabei, einen anderen großen Fisch, den kanadischen Stahlkonzern Dofasco, zu schlucken, den er zuvor erfolgreich der deutschen ThyssenKrupp-Steel weggeschnappt hatte. Doch nun wird das Menü offenbar neu serviert. ThyssenKrupp verkündete am Freitag, man habe mit Mittal eine Vereinbarung unterzeichnet. Im Falle einer Übernahme von Arcelor werde ThyssenKrupp Dofasco bekommen.

Mittal ist als Konstrukt noch nicht einmal zwei Jahre alt, gilt aber als das am aggressivsten wachsende Stahlunternehmen. 18,6 Milliarden Euro will sich der in den Niederlanden eingetragene, aber weltweit produzierende Konzern den Schritt zur absoluten Marktdominanz kosten lassen. Zwar dürften die EU-Kartellbehörden ein Auge auf die womöglich feindliche Übernahme haben, doch nehmen Branchenkenner an, daß es wohl nicht zu einer Untersagung kommen werde. Der potentiell mögliche Problemfall mit den US-Kartellaufsehern wird von Mittal schon deshalb umgangen, weil man die Kanadier den Deutschen überlassen will. Dofascos Lieferungen für die US-Automobilindustrie hatten das Unternehmen für Thyssen und Arcelor ja so lukrativ erscheinen lassen, daß sich beide einen monatelangen Bieterwettbewerb lieferten. Den hatte Arcelor mit einem Kaufpreis von 3,9 Milliarden Euro gewonnen.

Masse und Klasse

Arcelor, und noch mehr ThyssenKrupp, gelten als Anbieter von Stählen höchster Qualität, Mittal eher als Produzent preisgünstigerer Massenware. Das hat seine Ursache in der Entstehung des Konzerns. Der in London lebende Inder Lakshmi Mittal hatte sich während der langanhaltenden Stahlkrise ein Sammelsurium an Stahlwerken, vor allem in Osteuropa und Asien, zugelegt, die er sanierte. 2004 kaufte er vom US-Investor und »Resteverwerter« Wilbur Ross die International Steel Group (ISG). Diese bestand aus den Überbleibseln der pleite gegangenen US-Stahlindustrie, inklusive des früheren nordamerikanischen Stahlgiganten Bethlehem Steel. Aus Mittals Firmen LNM und Ispat sowie der ISG entstand Mittal Steel, die Nummer eins am Weltmarkt.

Arcelor war – ebenfalls als Antwort auf die Stahlkrise – 2002 aus den europäischen Einzelkonzernen Arbed (Luxemburg), Aceralia (Spanien) und Usinor (Frankreich) gebildet worden. Während der Konzern, dem u.a in Ostdeutschland die Werke in Eisenhüttenstadt (Stalinstadt) und Unterwellenborn (»Max braucht Wasser«) gehören, immerhin noch an vielen seiner Standorte auf gewerkschaftlich erkämpfte Standards bei seinen Beschäftigten Rüchsicht nehmen muß, gilt Mittal als berüchtigter Kostendrücker. In seinen Werken – auch beispielsweise in Polen – wird nach Gewerkschaftsangaben richtig beim Profit zugelangt. Dafür sollen Entlohnung und Arbeitsschutz nicht so im Fokus des Managements stehen, wie Betroffene berichten. So hatten sich nach Angaben polnischer Gewerkschafter die Arbeitsbedingungen der Hütte Katowice seit deren Übernahme derart verschlechtert, daß die Arbeiter nach einem Jahr unter dem neuen Besitzer Mittal dessen Enteigung forderten.

Expansionskurs

Das hat der Expansion Mittals nicht geschadet, denn die Nachfrage nach Stahl war groß und der Preis hoch. Nach Polen übernahm er mit Kriworischstal im vergangenen Jahr in der Ukraine ein weiteres Erbe der sozialistischen Großproduktion. Und zum Jahresende 2005 wurde die Absicht Mittals bekannt, 49 Prozent am großen chinesischen Stahlerzeuger Baotou Iron and Steel Group zu erwerben. China ist größtes stahlerzeugendes – und stahlverbrauchendes – Land der Erde und gilt weiterhin als der Wachstumsmarkt schlechthin.

Sollte Arcelor ebenfalls unter Mittals Regie geraten, würde eine Jahresstahlproduktion von 110 bis 120 Millionen Tonnen vom Konzern verantwortet – und verkauft. Die dann folgende neue Nummer zwei, Nippon Steel, wäre mit einer Jahresproduktion von etwa 30 Millionen Tonnen dagegen fast ein Zwerg.

Eine schöne Seite hat das Ganze allerdings: »Stahlkönig« Mittal rückt noch stärker in den Mittelpunkt des Interesses. Beim ansonsten gern anonymen Großkapital darf man fast dankbar sein, wenn es so ein vorzeigbares Feindbild hergibt. Der 54jährige Selfmademan gilt nach Forbes bereits als drittreichster Mensch der Welt und reichster Europäer. Ihm werden Vermögenswerte von 25 Milliarden US-Dollar nachgesagt, Tendenz steigend. Allerdings gilt Stahl als ein stark zyklischer Markt. Jähe Wendungen sind nicht ausgeschlossen.