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    junge Welt   24.02.2005
 
Inland
Rainer Balcerowiak
 
Gesundheit als Ware
 
Zwischen Fusionswelle und Kostendruck. Wie die deutschen Krankenhäuser in der Marktwirtschaft bestehen wollen
 
Mit Ernst & Young und Mummert consulting sind gleich zwei renommierte Wirtschaftsberatungsgesellschaften in den letzen Tagen mit Studien zur Zukunft der deutschen Kliniken an die Öffentlichkeit getreten. Bei der Untersuchung letzterer handele es sich nicht um eine »Auftragsarbeit« für einen Klienten, sondern um den Versuch, für eigene Beratungsaktivitäten eine »klare Marktsicht« zu erhalten, betonte Ines Gröner, die für den Bereich »Health Care« bei Mummert verantwortlich zeichnet. Ausgangspunkt der Studie sei die »wachsende Wettbewerbsorientierung« der Kliniken vor dem Hintergrund der fortschreitenden Privatisierung ehemals kommunaler und gemeinnütziger Kliniken und einer sich anbahnenden Fusions- und Übernahmewelle.

Befragt wurden in der laut Mummert consulting repräsentativen Erhebung knapp 200 Klinikmitarbeiter, darunter viele »Entscheider«, aber auch medizinisches Personal aus allen denkbaren Einrichtungs- und Trägerformen.

Als wichtigste Aufgaben der kommenden Jahre wurden dabei neben der Weiterentwicklung des »Fallmanagements« für Patienten auf Grundlage der künftig abzurechnenden Festbeträge die weitere Privatisierung von Teilbereichen und ganzen Kliniken und die Erschließung »neuer Geschäftsfelder« genannt. Dazu gehören laut Gröner besonders die Gewinnung von ausländischen Patienten und das Angebot grundsätzlich privat zu finanzierender Leistungen wie Schönheitsoperationen. Besonders in diesen Bereichen sind auch hohe Investitionen zu erwarten.


Profit im Mittelpunkt

Ferner soll auch verstärkt in »vor- und nachgelagerte Wertschöpungsstufen« der stationären Behandlung, wie Reha-Maßnahmen, vorgestoßen werden, wobei über die Hälfte der Befragten angab, daß die Steigerung des Shareholder-Value, also der Profite der Anteilseigner, eine hohe oder sehr hohe Bedeutung für die künftige Entwicklung privater Kliniken haben wird. Auch der Vorstoß auf »den osteuropäischen Gesundheitsmarkt« wird laut Gröner für viele Klinikbetreiber immer wichtiger. Dagegen liegt die Schaffung eines »national flächendeckenden Angebots« von wichtigen medizinischen Dienstleistungen in der Prioritätenliste auf dem letzten Platz.

Auch Kooperationen mit anderen Anbietern im Gesundheitswesen werden laut der Studie intensiviert werden. Im Mittelpunkt stehen dabei niedergelassene Ärzte und andere Kliniken. Daß die Pharmaindustrie bei den Kooperationspartner an letzter Stelle liegt, führte Gröner auf »gesteigerte Sensibilität« aufgrund der vielen Korruptionsskandale der letzten Jahre zurück. Sie räumte jedoch ein, daß man generell von einer »gewissen Zurückhaltung« bei vielen Befragten ausgehen könne, wenn es um dieses Thema geht.

Einen wichtigen Raum nehmen Aktivitäten zur Kostensenkung ein. Beim geplanten Outsourcing wurden vor allem traditionelle Bereiche wie Küchen-, Reinigungs- und Wäschereidienste genannt. In vielen Kliniken sollen künftig aber auch Apotheken, der IT-Sektor, das Gebäudemanagement und das Marketing von Fremdfirmen betrieben werden. Hohe Sparpotentiale sollen auch durch Artikelstandardisierung und die Bildung marktmächtiger Einkaufsgemeinschaften realisiert werden. Besonders noch in kommunaler Trägerschaft befindliche Kliniken stünden unter enormem Druck, »sich zu verschlanken«, um für potentielle Investoren attraktiv zu sein und einer möglichen Schließung zu entgehen, erläuterte Gröner.


Forschung zweitrangig

Bei der Personalentwicklung ist die Situation etwas komplizierter, weil die Folgen des Urteils des Europäischen Gerichtshofes zur Anrechnung von ärztlichen und pflegerischen Bereitschaftsdiensten auf die Arbeitszeit noch nicht genau abzusehen sind. Fast 60 Prozent der Befragten gehen von einem steigenden bzw gleichbleibenden Personalbedarf aus, der Rest von einem sinkenden. In den meisten Kliniken sind bereits neue Arbeitszeitmodelle mit kürzeren Diensten eingeführt, in der Pilotphase oder in der konkreten Planung wurde behauptet. Widerstände gibt es vor allem in der Ärzteschaft, die zu großen Teilen erhebliche Einkommensverluste befürchtet.

Viel Platz nehmen in der Studie auch Überlegungen zur Patientenbindung ein. Dabei würden sich die meisten Klinikchefs an die alte Weisheit halten, daß für das Ansehen eines Krankenhauses hauptsächlich »gute Ärzte, gutes Essen und hübsche Krankenschwestern« maßgeblich seien, so Robert Heintze von Mummert consulting. Dagegen spielen innovative Leistungen und Renommee in Forschung und Lehre wohl nur für Mitarbeiter von Universitätskliniken und Lehrkrankenhäusern eine wichtige Rolle.


Dokumentiert: »Marktorientiert«

In einer am Mittwoch der Presse vorgestellten Studie hat die Wirtschaftsberatungsgesellschaft Ernst & Young Szenarien für das bundesdeutsche Gesundheitssystem im Jahr 2020 entwickelt. Die Kernaussagen:

* Bis 2020 werden etwa ein Viertel der zur Zeit rund 2000 Akutkrankenhäuser »vom Markt verschwunden sein«. Bei den jetzt noch in kommunaler Trägerschaft befindlichen wird sogar ein Rückgang um rund 70 Prozent von heute 723 auf 225 erwartet. Die durchschnittliche Verweildauer der Patienten wird von jetzt 11,9 Tagen auf 6,2 sinken. Statt wie bisher 509 soll es nur noch 293 Akutbetten pro 100000 Einwohner geben.

* Pflichtversicherungsleistungen werden auf eine »Grundversorgung« reduziert, deren Niveau deutlich unter dem der heutigen Kassenleistungen liegt und in Phasen wirtschaftlicher Schwäche weiter abgesenkt werden müßte. Der privat zu finanzierende Anteil an den Gesundheitskosten wird von jetzt zwölf auf 30 Prozent steigen. Der Gesundheitsmarkt wird zu einem der dynamischsten Wirtschaftsbereiche. Sein Volumen wird sich von jetzt 234 auf rund 500 Milliarden Euro mehr als verdoppeln.

* Der Staat wird sich aus dem Gesundheitswesen weitgehend zurückgezogen haben. Seine Aufgabe soll sich auf steuerliche Transferleistungen zur Einbeziehung Einkommensschwacher in die Grundversorgung und die Gewährleistung der Versorgung in dünnbesiedelten und strukturschwachen Regionen beschränken.

* Die Trennung von ambulanter und stationärer Behandlung wird weitgehend aufgehoben sein. 2020 werden »Allroundanbieter« den Gesundheitsmarkt bestimmen, die von der ärztlichen Untersuchung über Operationen und Nachsorge bis hin zur Sterbebegleitung »marktgerechte Leistungen« anbieten werden. Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen werden in der jetzigen Form nicht mehr existieren.
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