18.04.2008 / Kapital & Arbeit / Seite 9

El Dorado für Reiche

Radikale Umverteilung: Neueste Studien verdeutlichen ein weiterhin hohes Tempo der sozialen Spaltung in den USA

Tomasz Konicz
Die Einkommensverteilung in der Vereinigten Staaten polarisiert die Gesellschaft. Eine jüngst publizierte Studie beschäftigte sich mit der Wandlung der Einkommensverhältnisse aller Bevölkerungsschichten in zahlreichen Bundesstaaten der USA in den letzten zwei Jahrzehnten. Diese Analyse wurde von den Linksliberalen und gewerkschaftsnahen Denkfabriken Center on Budget and Policy Priorities (CBPP), sowie dem Economic Policy Institute (EPI) in Auftrag gegeben, die sich insbesondere mit Haushalts- und Steuerfragen wie sozial- und wirtschaftspolitischen Problemstellungen beschäftigen.

Schere weit offen

Demnach nahm die Ungleichheit bei den Einkommensverhältnissen seit den späten 80ern spürbar zu. Während die Spitzenverdiener sich über »substan­tielle« Mehreinnahmen freuen konnten, verzeichneten die Angehörigen der Mittelschicht und die Geringverdiener nur minimalste Verbesserungen ihrer Einkünfte. Diese seit Dekaden registrierte Tendenz einer sich öffnenden Einkommensschere zwischen Arm und Reich verstärkt sich laut der Studie in den letzten Jahren nochmals. Die einzige Periode, in der nahezu alle Schichten und Klassen der US-Bevölkerung spürbare Lohnzuwächse verbuchten, waren demnach die späten 90er Jahre. Dieser kurze Abschnitt endete mit dem Abschwung 2001.

Seitdem mußten vor allem die Geringverdiener Einbußen hinnehmen. Die Einkünfte dieses ärmsten Fünftels der Lohnabhängigen sanken inflationsbereinigt um 2,5 Prozent. Die eigentliche Mittelklasse der statistisch zu den zehn reichsten Ländern der Welt zählenden USA, jenes mittlere Fünftel der US-Einkommenspyramide, konnte sein reelles Lohnniveau nur um magere 1,3 Prozent verbessern. Das oberste Fünftel hingegen, die wirklich Reichen also, legte um 9,1 Prozent zu. In elf US-Bundesstaaten konnten die Macher der Studie zudem die Einkommenszuwächse der wohlhabendsten fünf Prozent ermitteln: Diese stiegen seit den späten 80ern zwischen 34 und 91 Prozent. Besonders heftig nahm die Ungleichheit zwischen Arm und Reich in den südlichen Bundesstaaten, wie Alabama, Mississippi, New Mexico, Florida, Kalifornien und Texas zu – aber auch in Illinois und Missouri.

Je mehr der Fokus auf die Reichsten der Reichen der US-Gesellschaft –die im Volksmund als »fat cats«, also fette Katzen, bezeichneten Millionäre und Milliardäre – verengt wird, desto krasser fallen deren Vermögenszuwächse in den zurückliegenden Jahren aus. Die IT-Experten Thomas Piketty und Emmanuel Saez veröffentlichten Ende März eine Aktualisierung ihrer langfristigen Datenreihe zu den Einkommensungleichgewichten in den USA, die bis 1913 zurückreicht. Laut den neuesten Zahlen hat das oberste Prozent der US-Einkommenspyramide seine Einkünfte allein zwischen 2002 und 2006 um satte 44 Prozent steigern können, während die gesamten unteren 90 Prozent ein Plus von gerade mal drei Prozent erzielten.

Das CBPP berichtete Ende März über die Einkommensverhältnisse der 400 »fattest cats«. Diese Gruppe von »Steuerzahlern mit dem größten Einkommen« konnte ihre Einkünfte zwischen 1992 und 2005 inflationsbereinigt um 235 Prozent steigern. Die Steuerpolitik sowohl der Clinton- als auch der Bush-Administration trug nach Kräften zu dieser Bereicherung bei. Führten diese Milliardäre 1995 noch 30 Prozent ihrer Einkünfte als Steuern ab, so sind es 2005 nur noch bescheidene 18 Prozent. Für diese sinkenden Steuersätze der Superreichen sind jene Steuerreformen verantwortlich, die zwischen 1996 und 1998 von der Clinton-Administration und 2002 und 2004 von George W. Bush ini­tiiert wurden.

Selektion per Steuer

Das EPI macht in einem Anfang April publizierten Bericht vor allem eine langfristige »dramatische Verschiebung« in der Steuergesetzgebung für die zunehmende Ungleichheit in den USA verantwortlich. So bringen Unternehmenssteuern inzwischen nur noch etwa zehn Prozent der staatlichen Steuereinnahmen, während es in den 50er Jahren noch ein gutes Viertel war. Während der Anteil der Einkommensteuer an den Staatseinnahmen in diesem Zeitraum nur moderat zunahm (von 43 auf 46 Prozent), explodierten die Einkünfte aus den Abgaben zur Sozial- und Rentenversicherung. Die Sozialabgaben mitsamt der individuellen Einkommenssteuer machen nun nahezu 80 Prozent aller Staatseinkünfte aus, während es in den 50ern nur etwas mehr als die Hälfte war.

Wie fundamental sich die Einkommensverteilung innerhalb dieses Zeitraums änderte, macht eine weitere Untersuchung das CBPP auf der Basis der Datenreihen von Piketty und Saez deutlich: Zwischen 1946 und 1976 wuchs das Pro-Kopf-Einkommen in den USA um 90 Prozent. Während die Einkünfte der unteren neun Zehntel der Bevölkerung um 92 Prozent stiegen, konnte das oberste Prozent seine Vermögen nur um 25 Prozent steigern. Für den Zeitraum 1976 bis 2000 ist ein radikaler Wandel feststellbar. Bei einer Steigerung des Pro-Kopf-Einkommens von 64 Prozent mußten die unteren neun Zehntel der US-Bevölkerung sich mit Einkommenszuwächsen von zehn Prozent zufriedengeben, während das reichste Hundertstel seine Einkünfte um sagenhafte 239 Prozent aufbesserte.