Kommentar des webmasters:  Wenn der Markt dazu zwingt, die Menschen unter Druck zu setzen und zu verarmen, dann ist es Zeit über ein neues Wirtschaftsystem nachzudenken, dass nicht den Gewinn sondern die Würde des Menschen in den Mittelpunkt stellt.
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Druck auf die Arbeitnehmer

Die Logik der Gewinne

Die Unternehmen verdienen wieder gut und müssen trotzdem Arbeitskosten sparen.
Von Karl-Heinz Büschemann

War da nicht was? Hat Siemens nicht gerade erst Tausende gezwungen, länger zu arbeiten, nur um die Kosten zu senken? Hat nicht vor einer Woche DaimlerChrysler den Beschäftigten massive Lohnzugeständnisse abgetrotzt, um eine halbe Milliarde Euro im Jahr zu sparen? Und nun, da alles vorbei ist, zeigt sich, dass die Konzerne vor Gesundheit strotzen. Siemens hat in den ersten drei Quartalen des Geschäftsjahres den Gewinn nach Steuern mehr als verdoppelt. DaimlerChrysler hat das Betriebsergebnis im ersten Halbjahr fast verdreifacht.

Es kann der Eindruck entstehen, in den Vorständen säßen Kostenkiller, die nichts anderes im Sinne haben als Arbeitsplätze zu vernichten. Und für einen Angestellten der Deutschen Bank, der um seinen Job fürchtet, klingt es sicher merkwürdig, wenn sein Arbeitgeber eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent anstrebt. Geht es nicht bescheidener?

Die Gewinne der meisten Konzerne steigen wieder. Das gilt in Europa wie in Deutschland und ist eine gute Nachricht, weil die globale Krise vor allem Europa vier Jahre lang zu lähmen schien.

Fachleute erwarten bei den 30 größten börsennotierten Aktiengesellschaften Deutschland in diesem Jahr eine Gewinnsteigerung von 54 Prozent. Im kommenden Jahr sollen es nochmals 22 Prozent sein. Für die größten europäischen Unternehmen erwarten die Experten in diesem Jahr eine Gewinnsteigerung um knapp 20 Prozent.

Was soll dann noch der massive Druck auf die Belegschaften? Welchen Sinn haben die Debatte um die Verlängerung der Arbeitszeiten, Hartz IV oder die Agenda 2010, wenn es mit der Wirtschaft offenbar wieder bergauf geht?

Es geht, das ist einer der Einwände, nicht überall bergauf. Die Deutsche Bank hat am Freitag relativ schlechte Zahlen vorgelegt: Der Gewinn ist eingebrochen. Der Volkswagen-Konzern legt 2004 im Dreimonatsrhythmus immer schlechtere Gewinnzahlen vor.

Auch mit der Konjunktur – der zweite Einwand – steht nicht alles zum Besten. Hohe Ölpreise sind gegenwärtig ein entscheidendes Risiko für die Wirtschaft. Deutschland konnte bisher nur ungenügend vom weltweiten Wachstum profitieren; das heißt, es sind kaum positive Wirkungen auf dem Arbeitsmarkt zu erwarten.

Für die Weltwirtschaft sind die Aussichten noch gut. Das Wachstum könnte bei rund vier Prozent liegen. Aber auch da kommen erste Zeichen einer Abkühlung. Für 2005 werden die Wachstumsaussichten von vielen Ökonomen schon wieder leicht nach unten korrigiert.


Solche Indizien belegen, dass die Nachfrage verhalten bleibt und es für die Unternehmen nicht viele Chancen gibt, den Umsatz zu steigern. Siemens hat in den ersten neuen Monaten des Geschäftsjahres sogar einen Rückgang bei den Erlösen von 0,2 Prozent hinnehmen müssen. Das ist typisch. Der Druck auf die Unternehmen wird daher anhalten, die Gewinne durch Kostensenkungen und Personalabbau zu erhöhen.

Einen Anreiz dazu bietet der Arbeitsmarkt. Mögen viele Rohstoffe derzeit knapp und teuer sein. Arbeitskraft ist in Deutschland ausreichend vorhanden. Das Heer der Arbeitslosen belegt das.

Zudem stehen in Osteuropa billige Arbeitskräfte zur Verfügung, die gerne die Jobs übernehmen würden, die jetzt noch von Deutschen besetzt sind. Es ist zu erwarten, dass auch der Druck auf Löhne und Gehälter nicht nachlassen wird. Fachleute erwarten einen Anpassungsprozess von bis zu zehn Jahren.

Für die Besitzer von Arbeitsplätzen mag es eine Schreckensvorstellung sein, weniger zu verdienen. Dieser Sicht aber liegt ein schiefer Wohlstandsbegriff zu Grunde, der die Arbeitslosen ausblendet.

Wenn niedrigere Löhne und Gehälter dazu führen, dass Arbeitslose in die Wirtschaft zurückkehren können, wäre das wenigstens ein tröstlicher Nebeneffekt der äußerste schmerzlichen Anpassung eines verwöhnten Landes an die grenzübergreifenden Zwänge des Marktes.

(SZ vom 31.07.2004)