Quelle: Neues Deutschland
24.11.05
Deutschland wird reicher und ärmer
WSI-Bericht: Shareholder-Ökonomie und öffentliche Umverteilungspolitik vertiefen die soziale Kluft 
 
Von Hermannus Pfeiffer 
 
Der neue Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der DGB-nahen Hans-Böckler-Stiftung zeigt den wachsenden Riss durch unsere Gesellschaft.

Deutschland ist reich. Den Bundesbürgern gehören Immobilien, Gold, Schmuck und Finanzanlagen im Wert von zehn Billionen Euro – vier Mal so viel wie das Bruttoinlandsprodukt eines ganzen Jahres beträgt. Und Deutschland wird immer reicher. Seit 1992 wuchs das reine Geldvermögen um über 70 Prozent. Und der Riss, der unsere Gesellschaft teilt, wird immer größer: Der neue WSI-Verteilungsbericht, der heute vorgestellt wird, zeigt einen »kontinuierlichen Niedergang« der Lohnquote.
Fast naturgesetzlich scheint dem Einzug der Shareholder-Ökonomie eine wachsende soziale Kluft zu folgen. Seit dem Börsenboom von 1996 ist das Phänomen der »Working Poor« auch in Deutschland angekommen. Zugleich werden die Reichen immer reicher. Dies liegt vor allem an wachsenden Renditen aus Vermögen, die für das Gesamteinkommen der Spitzenverdiener immer wichtiger werden. Wer dagegen abhängig beschäftigt ist, bezieht durchschnittlich lediglich vier Prozent seiner Einnahmen aus Zinsen und Mieteinnahmen. Im Ergebnis verfügen die oberen zehn Prozent in Deutschland über die Hälfte des Grund- und des Geldvermögens.
Auch weltweit werden die Reichen immer reicher. Das Vermögen wohlhabender Privatanleger hat sich 2004 mit einem Anstieg um 8,2 Prozent auf 30,8 Billionen US-Dollar zum zweiten Mal in Folge stark erhöht. Wie aus dem »Weltreichtumsreport 2005« der Beratungsfirma Capgemini und der Investmentbank Merrill Lynch hervorgeht, stieg die Zahl der »High Net Worth Individuals« (HNWIs) – Anleger mit einem Finanzvermögen von über einer Million US-Dollar – um 600 000 auf 8,3 Millionen. Mit einem Zuwachs von knapp zehn Prozent erhöhte sich die Zahl der HNWIs vor allem in Nordamerika, so dass dort – mit 2,7 Millionen – mehr Dollarmillionäre als in Europa (2,6 Millionen) leben. In Asien erhöhte sich die Zahl der vermögenden Privatanleger auf 2,3 Millionen.
In der Bundesrepublik leben nun 760 300 Einkommensreiche. Gleichzeitig wächst die Kluft zwischen »oben« und »unten«. Dazu trägt die schiefe Vermögensverteilung ebenso bei wie die unterschiedlichen Einkommensmöglichkeiten. Die soziale Spaltung wird zudem von der Politik vergrößert. So kritisiert WSI-Forscher Claus Schäfer »die öffentliche Umverteilung«. Diverse Steuervergünstigungen machten es möglich, dass die oberen 20 Prozent »deutlich mehr von ihren Bruttoeinnahmen als die Steuerpflichtigen mit mittleren und selbst mit unteren Einnahmen behalten«.
»Kennen Sie einen Armen?«, fragte einst Hans-Olaf Henkel in einem Zeitungsinterview. Schuld an dieser Unkenntnis muss das persönliche Umfeld des langjährigen BDI-Chefs sein. Laut WSI-Bericht lebt jeder fünfte Bürger mittlerweile in Armut und ein weiteres Viertel in einem »prekären Wohlstand«, also unter der ständigen Drohung einer ungesicherten Versorgung. Besonders hoch ist das Armutsrisiko für Frauen. Ihre Sozialhilfequote verdoppelte sich seit 1980 im Westen, ermittelte der DGB, und Ostdeutschland holt rasant auf. Jede vierte Alleinerziehende ist sozialhilfebedürfig, ergänzt das Statistische Bundesamt. Selbst in einer der reichsten EU-Städte, in Hamburg, lebt jeder vierte ABC-Schütze von Sozialhilfe. Dabei geht es nicht allein um Geld, sondern auch um »eine Einschränkung der Wahl- und Teilhabemöglichkeiten«, bemerkt die hanseatische Sozialbehörde in schönstem Amtsdeutsch.


Verteilungsfalle
Deutschland steckt in einer »Verteilungsfalle«, heißt es im neuen »WSI-Verteilungsbericht«. Einerseits behalten die Einkommensstarken immer mehr für sich, anderseits fällt die Netto-Lohnquote. So sank der Anteil der Löhne und Gehälter am Volkseinkommen auf 34,4 Prozent. Anfang der 90er Jahre hatte er noch über 40 Prozent betragen. Die im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt abnehmende Kaufkraft des Großteils der Bevölkerung schwächt die Nachfrage und dadurch die Konjunktur. »Nicht ›unbeeinflussbare‹ externe Mächte wie die Globalisierung haben die deutsche Wachstums- und Arbeitsmarktmisere erzeugt, sondern eine national verantwortete, kontraproduktive Schwächung der Binnennachfrage von privaten Haushalten und öffentlicher Hand«, so die WSI-Experten. Verantwortlich dafür sei vor allem die »Umverteilungspolitik« von Rot-Grün. Eine Fortsetzung der öffentlichen Sparpolitik werde die Misere noch vergrößern; dagegen könne eine andere Verteilungspolitik den Ausweg öffnen.
hape

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