Junge Welt 11.06.2009 / Titel / Seite 1Inhalt

Almosen für eine Million

Von Reimar Paul und Peter Wolter

Trotz Wirtschaftskrise: Deutschland ist immer noch stinkreich – aber fast eine Million Menschen sind zum Überleben auf Almosen angewiesen. Da in dieser angeblichen Wohlstandsgesellschaft Tag für Tag tonnenweise Lebensmittel vernichtet werden, haben sich die mittlerweile 847 »Tafeln« die Aufgabe gestellt, eine Brücke zwischen Überfluß und Mangel zu schaffen: Sie sammeln qualitativ einwandfreie Lebensmittel, die sonst im Müll landen würden, und verteilen sie an sozial und wirtschaftlich Benachteiligte – kostenlos oder zu einem symbolischen Betrag.

Etwa 40000 Ehrenamtliche arbeiten zur Zeit bei der Beschaffung und Ausgabe von Lebensmitteln mit, wie der Vorsitzende des »Bundesverbandes Deutsche Tafel«, Gerd Häuser, am gestrigen Mittwoch vor Journalisten in Göttingen berichtete. Jedes Jahr würden mehr als 130000 Tonnen Lebensmittel oder sogenannte Artikel des täglichen Bedarfs an Bedürftige verteilt.

Schon bald könne sich die Zahl verdoppeln, befürchtet Häuser. Die Arbeitslosenzahl drohe drastisch zu steigen, so daß spätestens 2010 sehr viel mehr Menschen als bisher auf staatliche Transferleistungen angewiesen seien. »Das bedeutet für die Tafeln, daß sie für für viel mehr Menschen als bisher da sein müssen.« Die Politiker müßten größere Anstrengungen unternehmen, um die Massenarmut zu bekämpfen.

»Der Staat muß mehr dafür tun, damit die Menschen in Arbeit kommen und daß sie ein Einkommen erzielen, von dem sie auch leben können«, sagte Häuser. Die staatlichen Leistungen für arme und von Armut bedrohte Menschen müßten verbessert, insbesondere müsse der Regelsatz für Familien mit Kindern bedarfsgerecht ermittelt werden. Zur Bekämpfung von Kinderarmut verlangt der Verband den Ausbau der Betreuungsangebote. Für jedes Kind müsse es in der Schule ein kostenloses Mittagessen geben.

Nach Angaben des Bundesverbandes hat die Wirtschaftskrise bislang noch keine dramatischen Auswirkungen auf die Tafeln. Weil der Lebensmittelhandel im Gegensatz zu anderen Branchen bislang kaum Nachfragerückgänge habe, würden nach wie vor große Mengen einwandfreier Lebensmittel gespendet. Auch die Bereitschaft von Bürgern und Unternehmen sei weiterhin groß, sich mit Geld- und Sachspenden für die Tafel-Idee zu engagieren.

Trotz ungebrochener Spendenbereitschaft wird die absehbare Zunahme der Tafel-Kunden die Einrichtungen wohl vor große Herausforderungen stellen. Der Bundesverband will deshalb weitere Unterstützer für seine Arbeit gewinnen – neben den Händlern auch die Produzenten von Lebensmitteln.

Über weitere Konsequenzen und Forderungen beraten mehr als 1000 Tafel-Vertreter bei einem dreitägigen Bundestreffen, das am heutigen Donnerstag in Göttingen beginnt. Da Ende September ein neuer Bundestag gewählt wird, versuchen ausgerechnet die Politiker, die die Armut in diesem Lande mit zu verschulden habe, sich an die Armutsbekämpfer anzubiedern: allen voran SPD-Chef Franz Müntefering und Jürgen Trittin von den Grünen. Auch Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen und Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (beide CDU) wollen sich bei den Tafel-Tagen blicken lassen.