21.02.2010, 12:58

Subprime-Kredite

Wie die Deutsche Bank mit US-Hausbesitzern kämpft

Die Frankfurter wollten auf dem US-Immobilienmarkt das große Rad drehen und ernteten nichts als Ärger. Hart wie kaum ein anderer gehen sie gegen Hausbesitzer vor, die ihre Schulden nicht bezahlen. Jetzt hagelt es Proteste und Niederlagen vor Gericht. von Sebastian Bräuer

 

Hildreth und Vanita Brewington sind der perfekte Gegenbeweis. Der perfekte Gegenbeweis zu der gern geäußerten Behauptung, an der Weltwirtschaftskrise seien amerikanische Kleinbürger schuld, die maßlos über ihre Verhältnisse lebten. Seit 1996 teilen sich die Brewington-Geschwister ein Häuschen in Dorchester, mitten im hässlichen Speckgürtel Bostons, mitten im sozialen Brennpunkt. Wenn es regnet, muss Vanita Eimer aufstellen: Das Dach ist seit Jahren undicht. Monat für Monat kratzten die Brewingtons 1000 Dollar zusammen, um die Hypothek für die Bruchbude zu bezahlen. Sie können das belegen.

 

Hintertür wurde das Institut zu einem der größten Akteure auf dem US-Immobilienmarkt

Im Januar 2005 drängte eine windige Maklerin Hildreth, einen Schriftsatz zu unterschreiben. "Sie hat gesagt, dass es um eine Versicherung geht", behauptet er. Der heute 69 Jahre alte Afroamerikaner, der unter einer angeborenen Sehbehinderung leidet und deswegen kaum lesen kann, unterschrieb. Es war eine neue Hypothek von Indymac, die den alten Kredit ersetzte, mit einem Endbetrag, der den Wert des Hauses in Dorchester bei Weitem übertraf. Neuer Monatssatz: mehr als 2000 Dollar.

Indymac rutschte wegen Tausender Abzockergeschäfte dieser Art in die Pleite. Doch vorher landete die neue Hypothek der Brewingtons in einem Pool, wurde verbrieft und an internationale Investoren verkauft. Jetzt heißt es: Brewington gegen Deutsche Bank. So sieht es zumindest ihre Anwältin Nadine Cohen.

Die Deutsche Bank witterte in den Boomjahren die Chance, an Immobiliengeschäften mitzuverdienen, ohne sich selbst mit Subprime-Krediten die Finger schmutzig zu machen: Sie übernahm gegen Gebühren die Rolle des Treuhänders, also des Interessenvertreters der in aller Welt verstreuten Anleger der Kreditvehikel.

Das Institut, das in den meisten US-Bundesstaaten keine Niederlassungen betreibt, wurde so durch die Hintertür zu einem der größten Akteure auf dem amerikanischen Immobilienmarkt. Mit etwa 1900 Verbriefungen hantiert die Bank, dazu gehören mehr als eine Million unterlegter Hypotheken, geschätztes Volumen: mehr als eine Billion Dollar.

Eine siebenstellige Zahl von US-Haushalten sieht sich jetzt mit einem Institut konfrontiert, von dem viele noch nie gehört und mit dem die meisten nie einen Vertrag abgeschlossen haben. Und die Deutsche Bank geht so hart vor wie kaum eine andere in den USA, lässt zwangsräumen, führt einen Prozess nach dem anderen. Mittlerweile formieren sich Bürgerproteste, und die Praxis stößt auch bei den Gerichten auf Widerstand. Nach Capital-Informationen erwägt sogar die Börsenaufsicht SEC Ermittlungen.

Die Deutsche Bank in einem Dilemma

Auch die Brewingtons kannten die Deutsche Bank nicht, leben aber laut Anwältin Cohen ihretwegen in ständiger Angst vor einer Zwangsräumung. Als es im März 2008 zum ersten Mal fast so weit war, stellten sie ihre Möbel in den Eingangsbereich und hängten die Bilder von den Wänden. Seitdem haben sie das Haus nicht mehr wohnlich eingerichtet. "Manchmal werde ich morgens um zwei Uhr wach und denke, dass sie kommen", sagt Vanita. Wohin sie ziehen würde? Schulterzucken.

Die Anwältin Nadine Cohen versucht alles, um die Obdachlosigkeit der beiden zu verhindern. Angehörige würden das Haus der verschuldeten Geschwister kaufen. Auch eine lokale Non-Profit-Bank. Doch Cohen sagt, sie beiße bei den Anwälten der Gegenseite auf Granit: "Die Deutsche Bank scheint offenbar an einer Bestrafung interessiert." Kein Institut gehe unnachgiebiger gegen Schuldner vor. Eine Einschätzung, die von Anwaltskollegen in vielen Bundesstaaten geteilt wird. Zigtausende Vollstreckungsbescheide von Massachusetts bis Florida und von New York bis Kalifornien sprechen eine deutliche Sprache. "Jeder fragt sich, was sie antreibt", sagt Cohen. "Die Chancen stehen schlecht, das Haus neu zu verkaufen."

 

Die Deutsche Bank steckt in einem Dilemma: US-Großbanken, die ähnlich stark auf dem Immobilienmarkt involviert sind, haben in den vergangenen Monaten ihre Strategie der dramatischen Lage angepasst. Die Citigroup und die Bank of America etwa kommen ihren Kunden mit Hypothekenumwandlungen entgegen, um Zwangsräumungen zu vermeiden. Der Hypothekenfinanzierer Fannie Mae wandelt sogar Kauf- in Mietverhältnisse um.

Als Treuhänder ist die Deutsche Bank in einer anderen Position als die Institute, die eine direkte Geschäftsbeziehung mit den Hausbewohnern haben. Sie trägt zwar kein eigenes Verlustrisiko, aber: "Die Deutsche Bank wird von ihren Investoren stark unter Druck gesetzt und gibt den Druck an die Hausbesitzer weiter", sagt Glenn Russell, Anwalt aus Fall River, Massachusetts, spezialisiert auf Immobilienrecht und das Anfechten von Zwangsvollstreckungen. 70 Prozent seiner Klienten hätten Ärger mit der Deutschen Bank, sagt er.

Deutsche Bank selbst Kläger

Bürgerrechtlern von Organisationen wie City Life sind feingliedrige Treuhänderproblematiken egal. Als die Brewingtons einen Vollstreckungsbescheid im Briefkasten hatten, trommelte City Life 100 Menschen zu einer Demonstration gegen die Deutsche Bank zusammen. Die Räumung wurde verschoben. Kurz darauf eskalierten die Proteste am Rande eines Deutsche-Bank-Galadinners im Four Seasons Hotel in Boston. Demonstranten wollten den Festsaal stürmen.

Steve Meacham war Busfahrer und Matrose, jetzt macht er Widerstand gegen Großbanken. Er ist Anführer der Aufsässigen. In zwölf Fällen sei es bereits gelungen, Zwangsräumungen mit Blockaden zu verhindern, sagt er. Neuerdings versammelt Meacham seine Gefolgsleute samstags in einer stillgelegten Fabrikhalle in Boston, um sie auf weitere Proteste einzuschwören. Es werden jede Woche mehr. Meacham brüllt: "Was macht ihr, wenn euch eure Bank attackiert? – Aufstehen und kämpfen!"

Im Gespräch gibt sich Meacham überraschend pragmatisch, fordert Zinssenkungen oder die Umwandlung von Hypotheken. Was ihn wie viele Amerikaner an der Deutschen Bank besonders ärgert: Im vergangenen Herbst wurden dem Institut bei der Rettung des Versicherers AIG Verbindlichkeiten in Höhe von 11,8 Milliarden Dollar ausgezahlt. Meacham: "Die Deutsche Bank erhält amerikanische Steuergelder und wirft gleichzeitig Amerikaner aus ihren Häusern."

 

Der Mann, der bei der Deutschen Bank für die 1900 Verbriefungen und damit auch für das Eintreiben der Schulden verantwortlich ist, heißt David Co. Er ist 42 und arbeitet im kalifornischen Santa Ana. "Als Treuhänder repräsentieren wir die Investoren und haben die Pflicht, ihre Interessen zu vertreten", sagt er am Telefon, die Stimme entwaffnend sanft.

Die Frage, ob es ein Fehler war, sich so stark auf dem Immobilienmarkt zu engagieren, möchte er nicht beantworten. Lieber erzählt er von seinen Bemühungen, Hausbesitzer und Politiker über das komplizierte Immobilien-Business aufzuklären. Immer wieder ist er in den USA auf Reisen, um nach neuen Zwangsvollstreckungswellen zu beschwichtigen. Die Krise hat den Banker zum Diplomaten gemacht. Die Verantwortung für die Härte der Zwangsvollstreckungen schiebt Co den Inkassodienstleistern zu. "Sie haben die Pflicht, die Verluste zu minimieren, und der Treuhänder greift nicht in den Entscheidungsprozess ein."

Klingt plausibel. Wären da nicht Vollstreckungsbescheide, in denen die Deutsche Bank selbst als Kläger steht. Wie in Missouri, wo sich ein weiteres lokales PR-Debakel ereignet. In diesem Bundesstaat ist nicht einmal ein richterlicher Beschluss nötig, um eine Zwangsvollstreckung einzuleiten. Entsprechend schnell werden säumige Schuldner aus ihren Häusern geworfen.

"Die Deutsche Bank lässt die Stadt verrotten"

Mit der Folge, dass im krisengeplagten Kansas City inzwischen ganze Straßenblocks aussehen wie nach einer Seuche: Wenn sich keine Käufer finden, bleiben die Häuser einfach unbewohnt, manchmal jahrelang. Laut der Rechtshilfeorganisation Legal Aid of Western Missouri steht die Deutsche Bank hinter Hunderten Zwangsräumungen und hat so viele Vollstreckungsbescheide erwirkt wie keine andere Bank.

Die wiederum beharrt darauf, dass hier die Inkassofirmen zuständig seien. Im Interesse der Investoren, auf die sich das Institut beruft, dürfte der harte Kurs kaum sein: Der Zustand der Häuser verschlechtert sich, je länger sie leer stehen. Legal Aid listet akribisch Schäden auf: Mal sind die Scheiben eingeschlagen, mal hat ein Schwelbrand den Wert der Immobilie gemindert. Das Stadtmagazin "The Pitch" titelte: "Die Deutsche Bank lässt die Stadt verrotten". Co hatte einiges zu tun.

Mehr und mehr häufen sich jetzt auch juristische Niederlagen, die noch schmerzhafter sind als der Imageschaden. Schon im November 2007 wies ein Richter in Cleveland im Bundesstaat Ohio Vollstreckungsklagen gegen 15 Schuldner zurück, weil die Deutsche Bank nicht nachweisen konnte, die Hypotheken überhaupt zu besitzen.

Handel mit faulen Krediten

Ähnlich lief es bereits mehrfach in New York. Die Richter hauen der Deutschen Bank reihenweise ihre Argumentation um die Ohren. "Der Kläger hat fälschlicherweise vorgegeben, der Besitzer der Hypothek zu sein, um in betrügerischer Weise tätig zu werden", donnert Richter Martin Schneier in seiner Begründung für den Stopp einer Zwangsvollstreckung. Kollege Arthur Schack, in der "New York Times" als Don Quichotte aus Brooklyn gefeiert, schob einer Ablehnung eine Belehrung hinterher: "Multi-Milliarden-Dollar-Unternehmen müssen bei Zwangsvollstreckungen dieselben Regeln befolgen wie Lokalbanken."

Im betreffenden Fall hatten die Deutsche Bank und Goldman Sachs einen faulen Kredit mehrfach hin- und hergeschoben. In Connecticut wurde fast in letzter Minute die Zwangsräumung eines kompletten Mehrfamilienhauses gestoppt: Nicht die Bewohner waren im Zahlungsverzug, sondern ihr Vermieter. Auch diesen Fall schiebt die Deutsche Bank auf den Geldeintreiber.

"Gehandelt wie Baseballkarten"

Steve Dibert wundert sich nicht, dass die Deutsche Bank aus den amerikanischen Gerichtsstuben zunehmend Gegenwind bekommt. Der Mann aus Miami war früher Hypothekenmakler, heute ist er Ermittler in Sachen Hypothekenbetrug. "Die Darlehen wurden gehandelt wie Baseballkarten", berichtet er.

"Deswegen kann die Deutsche Bank heute so selten nachweisen, die Hypothek wirklich zu besitzen, wenn eine Zwangsvollstreckung vor Gericht hinterfragt wird." In fast jedem zweiten Betrugsfall, in dem seine Firma ermittle, sei die Deutsche Bank als Treuhänder im Spiel. Dibert: "Oft scheint das Management der Deutschen Bank auf dem Zweitmarkt wertlose Verbriefungen gekauft zu haben." Die Deutsche Bank äußert sich dazu nicht.

Die Blue Boys passen ihre Taktik an: In der laufenden Klage gegen einen Hausbesitzer in Orlando gibt sie in vorauseilendem Gehorsam zu, nicht im Besitz des Schuldscheins zu sein. Er sei verloren, gestohlen oder zerstört, schreiben die externen Anwälte von der Kanzlei Shapiro & Fishman. Im nächsten Paragrafen heißt es trotzig: "Der Kläger hat das Recht, tätig zu werden, wenn der Schein verloren oder zerstört ist."

 

Eine Reihe von Richtern hat Argumentationen dieser Art bereits zurückgewiesen. Der Imageschaden wird mit jeder Niederlage größer, der finanzielle Schaden ist nicht absehbar. Zu allem Überfluss droht nun Ärger mit der Börsenaufsicht SEC, die offenbar Ermittlungen gegen die Deutsche Bank erwägt, was diese nicht kommentieren will.

Mindestens ein amerikanischer Anwalt wurde nach Informationen dieses Magazins Mitte November in die SEC-Zentrale in Washington bestellt, um seine Erkenntnisse über das Engagement des Instituts auf dem Verbriefungsmarkt offenzulegen. Was es bedeuten kann, wenn US-Behörden in Folge vieler kleiner Ungereimtheiten einen ausländischen Konzern unter die Lupe nehmen, zeigen die Beispiele Siemens und UBS. Ob die Deutsche Bank den Gegenbeweis antreten kann?