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Die modernen Kaffeesatzleser
Gerd Bosbach hat die demografischen Zahlen des Statistischen Bundesamtes wider den Strich gebürstet und in einen Gesamtrahmen gestellt Kein Anlass zur Aufregung, sagt der Autor, wenn er sich die demografische
Entwicklung ansieht. Anhand der 2003 veröffentlichten Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes für die Jahre bis 2050 weist er nach, dass die Zahlen von Politikern häufig dramatisiert werden, wenn sie den Umbau des Sozialstaats vorantreiben.

Ein Baum macht noch keine Allee (dpa)  In der politisch-ökonomischen Diskussion der letzten Monate spielte die 10. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes, veröffentlicht im Juni 2003, eine sehr große Rolle. Fast einem Naturgesetz gleich dient die zu erwartende demographische Entwicklung als Hauptargumentation für Veränderungen im Rentensystem, aber auch für Einschnitte im Gesundheitswesen. (. . .)

Während über die Konsequenzen hart diskutiert und gestritten wird, gelten die Berechnungen der Statistiker selbst als unumstritten und gleich einem Naturgesetz wird angenommen, dass alles genau so in 47 Jahren eintritt.

    FR online exklusiv    In der Netzausgabe der Frankfurter Rundschau
finden Sie exklusiv auch die
<http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/dokumentation/?cnt=39
2527>ungekürzte Fassung dieser Dokumentation.    Diese Prognosegläubigkeit
ist unberechtigt und wird auch von den Fachleuten des Statistischen Bundesamtes gar nicht so gesehen. Und selbst wenn die Vorhersagen so eintreffen würden, haben sie bei weitem nicht die Dramatik, die uns in den
letzten Monaten vorgeführt wurde. Auch dies belegt dieser Aufsatz, meist mit Fakten und Sichtweisen, die von den Fachleuten des Amtes in ihrer gut 50-seitigen Presseveröffentlichung dargestellt wurden. (. . .)

Die wesentlichen Voraussetzungen und Modellannahmen für die Berechnungen der 10. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung sind:

1. Bevölkerungsstand und -aufbau zum 31. Dezember 2001

2. Konstanz der Geburtenhäufigkeit von 1,4 Kindern pro Frau bis 2050 (in den neuen Bundesländern erst ab 2011)

3. Zunahme der Lebenserwartung: Dazu wurden drei Varianten untersucht. Den meisten Veröffentlichungen, auch des Amtes liegt die mittlere Variante zu Grunde. Danach wird die Lebenserwartung Neugeborener im Jahre 2050 rund 6 Jahre mehr betragen als heute (für Jungen 81,1 Jahre, für Mädchen 86,6 Jahre).

4. Saldo zwischen Zu- und Abwanderungen von Ausländern nach bzw. aus Deutschland. Auch dort wurden drei Varianten berechnet, wovon die mittlere Variante mit einem jährlichen Wanderungsüberschuss nach Deutschland von 200 000 Personen Grundlage der meisten Publikationen ist.

Mit diesen und einigen wenigen, vergleichsweise unbedeutenden Annahmen lässt sich der Bevölkerungsaufbau für alle Folgejahre berechnen. Schwerpunkt der öffentlichen Darstellung wurde auf das Jahresende 2050
gelegt, aber auch die Situationen an den Zwischenzeitpunkten 2010, 2020, 2030 und 2040 sind veröffentlicht.

"Die Alterung wird also nicht erst in 50 Jahren zu Problemen führen, sondern bereits in den nächsten beiden Jahrzehnten eine große Herausforderung für Wirtschaft, Gesellschaft sowie vor allem für die unausweichlich:..." So interpretierte der Präsident des Statistischen Bundesamtes Johann Hahlen die Ergebnisse anlässlich der Pressekonferenz zur Vorstellung der Modellrechnung am 6. Juni 2003. Die Zahlen, auf die sich Hahlen stützt: Auf hundert Menschen mittleren Alters (20 bis unter 60 Jahre) kommen 2001 44 Ältere und 2050 78 Ältere.

Aber stimmt das wirklich? Drei gewichtige, unten aufgeführte statistisch-logische Argumente wecken starke Zweifel. So ist auch in einer Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes vom Tage der Veröffentlichung der Berechnung zu lesen: "Weil die Entwicklung der genannten Bestimmungsgrößen mit zunehmendem Abstand vom Basiszeitpunkt 31. 12. 2001 immer unsicherer wird, haben solche langfristigen Rechnungen
Modellcharakter. Sie sind für den jeweiligen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten keine Prognosen, sondern setzen die oben beschriebenen Annahmen um." Die Fachleute des Amtes wissen also nichts von der angeblichen Unausweichlichkeit der Entwicklung, wie sie der Jurist und politische Beamte Johann Hahlen - direkt dem Bundesministerium des Innern unterstellt, in dem er vorher 18 Jahre tätig war - der entsetzten Öffentlichkeit präsentiert.

Aber selbst wenn die Modellrechnungen Wirklichkeit würden, so zeigen vier Betrachtungen deutlich auf, dass die Folgen einer Alterung der Gesellschaft nicht zu Wohlstandsverlust führen müssen. Auch bei diesen Betrachtungen stützt sich der Autor dieses Aufsatzes überwiegend auf Fakten, die die Fachleute des Amtes am 6. Juni der Presse übergeben haben, von der Öffentlichkeit aber weitgehend unbemerkt. Dass die Argumente statistischer Natur sind, (. . .) ist beabsichtigt, um der behaupteten Unumstößlichkeit des statistischen "Naturgesetzes" Demographie die Grundlage zu entziehen.

Argument 1: Fünfzig-Jahres-Prognosen übersehen Strukturbrüche
Ein Blick um 50 Jahre zurück bestätigt obige These: Zwangsläufig hätte man 1950 bei einer Schätzung für das Jahr 2000 u. a. folgende Einflussfaktoren übersehen müssen:

- Entwicklung und Verbreitung der Antibabypille

- Anwerbung und Zuzug von ausländischen Arbeitskräften und ihren Familien

- Trend zur Kleinfamilie bzw. einem Single-Dasein

- Öffnung der Grenzen im Osten mit dem Zuzug von etwa 2,5 Millionen
Aussiedlern aus den osteuropäischen Ländern nach Deutschland.

Auch die besten Berechnungsprogramme hätten nichts genutzt, denn auch diese
können nur existierende, bekannte Trends fortschreiben. Strukturbrüche sind
halt nicht vorhersagbar. Das ist das Problem jeder Langfristprognose!


Noch deutlicher wird die Problematik wenn wir annehmen, im Jahre 1900 sei eine 50-Jahres-Prognose gewagt worden. Es wären schlicht zwei Weltkriege übersehen worden! Wenn zutreffende 50-Jahres-Prognosen in der Vergangenheit unmöglich waren, warum sollen sie in unserer schnelllebigen Zeit dann plötzlich wie ein Naturgesetz gelten? Diese Einsicht teilen auch die Experten des Amtes (siehe obiges Zitat), sie wird nur in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen.

Argument 2: Modellannahmen sind durch die Politik beeinflussbar
Politiker und Presse stellen die demographische Entwicklung als unveränderbar dar. Dabei sind zwei wichtige Annahmen des Berechnungsmodells direkt durch die Politik beeinflussbar:

1. Kinderanzahl pro Frau: Mit familien- und kinderfreundlicher Politik, mit Berufschancen für Mütter lässt sich einiges machen. Das zeigt z. B. Frankreich, das mit entsprechender Politik die Anzahl der Kinder pro Frau
von 1993 mit 1,65 im Jahr 2000 auf 1,88 (plus 14 Prozent) steigern konnte.

2. Wanderungsüberschuss: Der Zuzug von Ausländern nach Deutschland ist eine Frage der Ausländer-, Europa- und Integrationspolitik. So hängt der Zuzug von EU-Bürgern aus den neuen Beitrittsländern, vor allem nach der vollständigen Freizügigkeit für Arbeitnehmer, stark von der Attraktivität Deutschlands ab. Und allein die politische Entscheidung, die Türkei in die EU aufzunehmen, hätte immensen Einfluss auf den Bevölkerungsstand.

Zwei der drei wichtigen Stellschrauben des Rechenmodells sind also von der Politik abhängig und nicht umgekehrt.

Auch die dritte wichtige Modellannahme, der Anstieg der Lebenserwartung um ca. sechs Jahre, ist alles andere als eine sichere Prognose. Nicht nur Kinderärzte sind angesichts von Adipositas (Fettleibigkeit) bei ca. 25 Prozent der Kinder, Bewegungsarmut, frühzeitigem Konsum von Alkohol, Nikotin und Drogen, oft schon in ihrer körperlichen Entwicklungsphase zwischen dem 11. und 14. Lebensjahr beginnend, unsicher, ob der Trend
tatsächlich langfristig in diese Richtung geht.

Argument 3: Zur "Lebensdauer" von Bevölkerungsvorausberechnungen
Gerd Bosbach (Privat)  Wegen der großen Unsicherheiten bei den Modellannahmen sieht sich das Statistische Bundesamt meist schon nach kurzer Zeit gezwungen, neue Berechnungen vorzunehmen. Die "Lebensdauer" der letzten neun koordinierten Bevölkerungsvorausberechnungen betrug im Schnitt 4 Jahre. Beispielsweise sind die letzten drei "alten" Berechnungen in den Jahren 1992, 1994 und 2000 veröffentlicht worden. Zusätzlich wurde im Jahre 1995 eine Rechnung im Auftrag des Bundesministeriums des Innern durchgeführt und 1996 vom BMI veröffentlicht.

Zwei Schlaglichter belegen die großen Unsicherheiten bei Bevölkerungsprognosen:

- Das Amt errechnete in seiner 7. Vorausberechnung für das Jahr 2030 einen Bevölkerungsstand von 69,9 Millionen Einwohnern. Nur zwei Jahre später in der 8. Vorausberechnung lag der Wert je nach Variante um 3,8 bis 11,2 Millionen höher!

- In seiner 10. Vorausberechnung sind neun Varianten berechnet und veröffentlicht worden. Die Spannbreite für die erwartete Bevölkerung für das Jahr 2050 ist von 67,0 (Variante 1) bis 81,3 Millionen (Variante 9), beträgt also 14,3 Millionen Menschen. (Für die meist zitierte mittlere Variante 5 wurden 75,1 Millionen Bundesbürger errechnet.)

    Der Autor    Prof. Dr. Gerd Bosbach lehrt Statistik, Mathematik und Empirik an der Fachhochschule Koblenz, Standort Remagen. Geboren 1953 in Euskirchen, hat er im Bereich Statistik an der Wirtschafts- und Sozialwissen- schaftlichen Fakultät der Universität zu Köln promoviert.
Berufserfahrung sammelte er u. a. bei dem Statistischen Bundesamt (1988 bis 1991), dort vor allem in der Bonner Beratungsstelle für Ministerien und Bundestag, und in der Abteilung Statistik der Kassenzahnärztlichen Bundes- vereinigung. Er ist zu erreichen unter:
<mailto:bosbach@rheinahrcampus.de>bosbach@rheinahrcampus.de Der hier leicht gekürzt und bearbeitet dokumentierte Text erscheint in der nächsten Ausgabe der Zeitschrift "Gewerkschaftliche Monatshefte" (Ausgabe2/04). Allein diese Fakten zeigen, dass die von vielen Politikern und leider auch von vielen Journalisten als sicher beschriebene Entwicklung im höchsten Grade unsicher ist!

Trotz der oben geäußerten Unsicherheiten über die Entwicklung der Bevölkerung schließt der Autor natürlich nicht aus, dass die zukünftige Realität in der Nähe der Vorausberechnungen liegen kann. Dies hätte aber
bei weitem nicht die dramatischen Auswirkungen, wie sie allerorts wie ein Teufel an die Wand gemalt werden. Das zeigen die folgenden Überlegungen anhand der Daten der Variante 5 der amtlichen Berechnung. Diese so genannte mittlere der neun gerechneten Varianten liegt auch den meisten Veröffentlichungen des Amtes und der Presse zu Grunde.

Übrigens, die meisten der unten aufgeführten Überlegungen haben auch die Fachleute des Amtes durchgeführt und in ihrer ausführlichen Presseveröffentlichung dargestellt, z. T. leider etwas verschämt im Tabellenanhang.

Argument 4: Auch die Jungen wollen ernährt werden!
Bei so gut wie allen Betrachtungen zum Thema Demographie wird getan, als wenn die erwerbsfähige Bevölkerung (meist als 20- bis unter 60-Jährige angenommen) nur ihre Alten zu ernähren hätte. Dass Kinder und Jugendliche neben Essen, Kleidung und Wohnen - oft von den Eltern finanziert - auch gesellschaftliche Ausgaben erfordern, z. B. für Kindergärten, Schulen, Gesundheit, inklusive Personal, wird meist nicht beachtet. Bei seriösen Betrachtungen darf nicht nur der Altenquotient, sondern muss auch der Jugendquotient dargestellt werden. Die Summe beider, der so genannte Gesamtquotient, ist eine aussagekräftige Größe über die von den Erwerbsfähigen zu versorgenden Menschen.

Aus der Veröffentlichung der Fachleute des Statistischen Bundesamtes, die sich diesem Gedanken nicht verschließen, sind die folgenden Daten entnommen: Auf hundert Menschen mittleren Alters (20 bis 60 Jahre) kommen im Jahre 2001 44 Ältere und 38 Junge, macht insgesamt 82. 2050 sind es 78 Ältere und 34 Junge, macht insgesamt 112. Während der Altenquotient um 77 Prozent steigt, ergibt sich für den Gesamtquotienten ein Plus von 37 Prozent. Die Dramatik hat sich allein bei Einbeziehung der jungen Generation in die Betrachtung schon halbiert.

Auch hier lohnt ein Blick in die Vergangenheit. 1970 gab es auf 100 Erwerbsfähige 60 Junge und 40 Ältere, also eine Gesamtzahl von 100. Das heißt, auch bei Eintreffen der Prognose des Statistischen Bundesamtes
wächst die Zahl der zu Versorgenden bis 2050 nur um 12 Prozent gegenüber 1970!


Argument 5: Sechs Jahre länger leben, keinen Tag länger arbeiten
Mit dieser zugegeben provozierenden Überschrift möchte ich auf eine merkwürdige Blickverengung der Dramatisierer hinweisen. Sie nehmen an, dass die Menschen deutlich länger leben, dass dadurch die Erwerbsfähigen überfordert sind, es also einen Arbeitskräftemangel gibt. Trotzdem gehen sie bei ihren Berechnungen von dem selben Renteneintrittsalter wie heute aus! Manche nehmen für heute und für 2050 dabei das offizielle Alter von 65, manche das tatsächliche durchschnittliche Renteneintrittsalter von 60 Jahren.

Auch hier unterscheiden sich die Fachleute des Bundesamtes wohltuend. Sie berechnen auch die Entwicklung, wenn heute bis 60 und 2050 bis 65 Jahre gearbeitet wird. 2001 kommen auf hundert Menschen mittleren Alters 44 Ältere und 38 Junge, insgesamt 82. Dabei wird das mittlere Alter von 20 bis unter 60 Jahre definiert. Anders 2050, da wird das mittlere Alter von 20 bis unter 65 Jahre definiert. Und dann kämen auf 100 in diesem mittleren Alter 55 Ältere und 30 Junge; sind insgesamt 85. Die obigen Zahlen der amtlichen Statistiker sprechen für sich!


Damit soll nicht für eine generelle Anhebung des tatsächlichen Renteneintrittsalters um fünf Jahre plädiert werden. Aber den heutigen, vielfach durch Arbeitslosigkeit oder ihre Androhung verursachten Zustand der Frühverrentung auf das Jahr 2050 bei längerer Lebenserwartung und angeblichem Arbeitskräftemangel festzuschreiben, ist schlichtweg unseriös!
Und auch wenn das tatsächliche Renteneintrittsalter nicht auf 65, sondern auf 63 Jahre ansteigt, ist bei dieser Gesamtbetrachtung jegliche Dramatik der demographischen Entwicklung verloren gegangen.

Argument 6: Mit mehr Produktivität, kann man auch mehr Renten zahlen
Die aktuelle Diskussion ist von einer statischen Betrachtungsweise geprägt. Die Leistungsfähigkeit eines heutigen Beschäftigten wird auch für das Jahr 2050 unterstellt. Nur so kann ein Anstieg der Zahl der zu ernährenden Rentner bedrohlich wirken. Damit wird komplett ausgeblendet, dass auf Grund des technischen Fortschritts ein Arbeitnehmer immer mehr herstellen kann. Wie hoch die Arbeitsproduktivität steigt, kann niemand voraussagen. Die Werte der letzten Jahrzehnte zu unterstellen, wäre nicht seriös.

Um das Ausmaß von Produktivitätsentwicklung sichtbar machen zu können, beziehe ich mich im Folgenden auf die Prognosen der Herzog- und der Rürup-Kommission, rechne also weiterhin mit den niedrigen Zahlen der "Dramatisierer". Die Herzog-Kommission nimmt eine jährliche Steigerung der Arbeitsproduktivität von 1,25 Prozent an. Das ergibt im Zeitraum von 2001 bis 2050 eine Gesamtsteigerung um 84 Prozent. Die Rürup-Kommission errechnet im gleichen Zeitraum sogar eine Gesamtsteigerung um 140 Prozent, weil sie von einer jährlichen Steigerung der Arbeitsproduktivität von 1,80 Prozent ausgeht.

Auf Grund dieser Leistungssteigerung von mindestens 84 Prozent bis 2050 ist jeder Beschäftigte, der seinen Anteil an der gestiegenen Produktivität auch erhält, in der Lage, etwas mehr für die Rentner und Kinder abzugeben, ohne selbst auf die Teilnahme am Fortschritt verzichten zu müssen. Eine Einschränkung, wie uns immer wieder eingeredet wird, ist also wirklich nicht nötig.

Eine vereinfachte Überschlagsrechnung soll verdeutlichen, wie immens die Wirkung von Produktivitätssteigerungen ist: Erhält heute ein Arbeitnehmer inklusive Sozialversicherungsanteil des Arbeitgebers 3000 Euro, so zahlt er etwa 600 Euro (20 Prozent) für Rentner. Es verbleiben ihm also 2400 Euro. Nach der niedrigeren Annahme der Produktivitätssteigerung um 1,25 Prozent (Herzog-Kommission) würden aus den 3000 Euro inflationsbereinigt 50 Jahre später 5583 Euro. Bei einer Steigerung des Abgabesatzes für Rentner auf 30 Prozent verblieben dem Arbeitnehmer immerhin noch 3908 Euro (plus 63 Prozent). Selbst bei einer völlig unrealistischen Verdoppelung des Beitrages auf 40 Prozent Rentenversicherung verblieben dem Arbeitnehmer mit 3350 Euro noch 40 Prozent mehr als heute. Von "unbezahlbar" also gar keine Rede, wenn die Produktivitätssteigerungen auch anteilig an die Arbeitnehmer ausbezahlt werden. Dabei ist noch nicht berücksichtigt: Anhebung des Renteneintrittsalters auf über 60 Jahre, Einsparungen durch die ca. 30 Prozent weniger Kinder und Jugendliche, Abbau der Arbeitslosigkeit. Und angenommen wurde nur die niedrigste der von den Fachleuten prognostizierten Produktivitätssteigerungen.

Argument 7: Auswahl des "worst case"
Bei genauer Datenbetrachtung der Ergebnisse des Statistischen Bundesamtes fällt auf, dass mit 2050 für die Prognose die schlechteste 10-Jahres-Stufe ausgewählt wurde. Wären die Berechnungen bis 2060 geführt worden, wären die heute geburtenstarken Jahrgänge der 30- bis 40-Jährigen - 2050 noch in nennenswerter Zahl Rentner - überwiegend verstorben. Das Zahlenverhältnis würde sich wieder zu Gunsten der Erwerbsfähigen verändern. Und für 2040 zeigen die Zahlen des Statistischen Bundesamtes ebenfalls eine günstigere Situation als 2050. War die Auswahl des Jahres mit der höchsten "Dramatik"
Zufall oder politisch beauftragt?


Zum Schluss ein paar ketzerische Fragen
Warum wurden diese viel zu langfristigen Rechnungen durchgeführt und anschließend fast täglich dramatisch vorgeführt?

Versucht diese Regierung tatsächlich bis zum Jahre 2050 zu planen? (Dies entspricht einer Planung Adenauers im Jahre 1956 für heute!)

Man betrachte also den Zusammenhang, in dem die "demographische Zeitbombe" benutzt wird. Während der ersten Lesung der Gesundheitsreform im Deutschen Bundestag am 9. September 2003 sagte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt: "Diese Solidarität unter veränderten ökonomischen Bedingungen in einer globalisierten Welt, aber auch angesichts der veränderten demographischen Entwicklung zu gewährleisten, ist unsere Aufgabe. Dass wir alle glücklicherweise immer älter werden und die Lebenserwartung steigt, auf der anderen Seite aber zu wenig Kinder geboren werden, ist die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts." (Beifall bei der SPD und dem Bündnis 90/Die Grünen.) (. . .)

Und damit zur letzten ketzerischen Frage: Soll mit dem "Hammer" Demographie von einem anderen Schauplatz gesellschaftlicher Auseinandersetzungen abgelenkt werden? Will man die Löhne und Gehälter der Arbeitnehmer von der Teilhabe am Produktivitätsfortschritt abkoppeln? Dann wären die Arbeitnehmer tatsächlich nicht so leicht in der Lage, die Versorgung der Jungen und Älteren zu übernehmen. Das hätte allerdings weniger mit den "unausweichlichen" Folgen des Alterungsprozesses zu tun, sondern wäre eine bewusste politische Entscheidung in Fragen der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums!

Köln, Dezember 2003

<rente/>Die Rentenreform im Dossier <sozialstaat/>Wie viel Staat braucht
der Mensch?



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Dokument erstellt am 22.02.2004 um 16:16:03 Uhr
Erscheinungsdatum 23.02.2004