cicero logo
Magazin für politische Kultur

Berliner Republik

Diesen Artikel finden
Sie in der Ausgabe Oktober 2005

» http://www.cicero.de/839.php?ausgabe=10/2005

Razzia im Morgengrauen
von Markus C. Hurek

Eine überraschende Razzia der Staatsanwaltschaft Potsdam am 12. September 2005 hat bundesweit Aufsehen erregt. Sie galt der gezielten Quellensuche bei Cicero-Autor Bruno Schirra und in der Redaktion. Protokoll eines ungewöhnlichen Einsatzes.

Am 12. September 2005, gegen 8 Uhr 12 deutscher Zeit meldet sich ein Unbekannter auf der Mailbox von Bruno Schirra. Er nennt seinen Namen und bittet den Journalisten, er möge ihn doch umgehend zurückrufen. Man sei gerade auf seinem Grundstück in Berlin und beabsichtige, sein Haus zu durchsuchen. Anlass und Grund sei eine Anzeige wegen Beihilfe zum Geheimnisverrat. Eine Rückrufnummer hinterlässt der Anrufer nicht. Und so ist Bruno Schirra, der Minuten später im neunten Stock des Hotel Hilton Tel Aviv aus der Dusche steigt, zwar informiert, aber machtlos.

Der 47-jährige Cicero-Autor befindet sich an diesem Morgen auf einer internationalen Sicherheitskonferenz in Israel. Dieser Termin gehört zu seinem Beruf. Schirra arbeitet seit Jahren an sicherheitsrelevanten Themen. Sein Spezialgebiet ist der Nahe Osten. Jahrelang schrieb Schirra seine Reportagen und Analysen für die Zeit, seit dem Erscheinen von Cicero arbeitet er regelmäßig für das Monatsmagazin. Hier, in Tel Aviv, kennen ihn die Teilnehmer, allesamt Gesandte der westlichen Geheim- und Nachrichtendienste. Darunter auch Beamte des Bundeskriminalamtes. Das BKA hatte im Juni Anzeige gegen Unbekannt- in den eigenen Reihen erstattet. Tatvorwurf: Geheimnisverrat. Beihilfe geleistet haben sollen Bruno Schirra und Cicero durch die Veröffentlichung eines Artikels in der April-Ausgabe, in der Schirra die Verbindung des Top-Terroristen al Zarqawi zum Iran und dessen Pläne für ein Chemieattentat belegt.

Den Zugriff in Berlin, auf der märchenhaft abgeschiedenen Havel-Insel Valentinswerder, hatten die Ermittler mit der sprichwörtlichen Gründlichkeit deutscher Staatsmacht geplant. Tage zuvor schon hatte das Landeskriminalamt Brandenburg die zuständige Wasserschutzpolizei in Spandau angerufen und hatte sich über die örtlichen Gegebenheiten informieren lassen: Die Insel Valentinswerder ist seit den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts in Privatbesitz. Straßen gibt es nicht, lediglich Feuerwehrfahrzeuge dürfen die Waldwege im Notfall benutzen. Jeder Bewohner hat mindestens zwei Boote. Die braucht er auch, will er außerhalb der Fährzeiten zur Arbeit, zum Arzt oder auf einen Absacker in die Kneipe.

Hier, inmitten der Großstadt Berlin, sagen sich heute noch Biber, Wasserratten, Waschbären und ein Fuchs „Gute Nacht“, wenn um 19 Uhr die letzte Fähre nach Berlin-Tegel ablegt. Dann versinkt das märkische Eiland, das erst seit zwei Jahren ans Stromnetz der Stadt angeschlossen ist, mit seiner kleinen Villenkolonie in eine Ruhe, deren Störung durch Ortsunkundige jedem Bewohner sofort auffällt. So auch der nächtliche Besuch zweier Polizeibeamter, vier Tage vor der Durchsuchung.

Die Herren sind vom LKA beauftragt, das Grundstück des Journalisten in den Abendstunden zu observieren und auszukundschaften, ob und wann Schirra dort anzutreffen sei. Da es auf Valentinswerder keinerlei Straßenbeleuchtung gibt, müssen die Beamten ihre Aktion jedoch vorzeitig abbrechen. Beim Tageslicht des nächsten Morgens schließlich kann eine Nachhut die Adresse von Schirra tatsächlich in Augenschein nehmen, ein doppelstöckiges Haus, geschützt durch einen großen Zaun und zwei junge Doggen. Ein paar Schuppen stehen auf dem Grundstück, Boote liegen vor dem Steg, Bruno Schirra aber ist nirgendwo zu sehen.

Tel Aviv. Gegen 9 Uhr deutscher Zeit ruft der Unbekannte wieder an. Inzwischen hat Schirra vergeblich versucht, seine Frau zu erreichen, eine Medizinstudentin, die zu dieser Zeit im OP steht. Mit seinem Rechtsanwalt kann er kurz sprechen. Nun verliest der Anrufer auszugsweise den Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichts und teilt dem Beschuldigten mit, dass man bereits im Haus sei, eingestiegen durch das angelehnte Badezimmerfenster. Dabei war ein Blumentopf zu Bruch gegangen, sicherlich der geringste Schaden. Schirras Doggen hatte eine Hundefängerin des Veterinäramtes Berlin-Lichtenberg vorsorglich in ihrem Unterstand „fixiert“.

Zur gleichen Zeit durchsuchen acht Beamte des LKA Brandenburg und des Bundeskriminalamts, tatkräftig unterstützt von zwei Staatsanwälten, die Redaktionsräume von Cicero in Potsdam. Auch hier lautet der Tatverdacht auf Beihilfe zum Geheimnisverrat. Doch hier sind die Beschuldigten anwesend. Sie weisen die Ermittler ausdrücklich auf die Gepflogenheiten der freien Presse hin, auf den Unterschied zwischen „Wurstfabriken und Zeitungshäusern“, wie es der einstige Staatsanwalt und heutige Autor der Süddeutschen Zeitung, Heribert Prantl, später so treffend formulieren wird. Drei Stunden lang halten sich die Beamten in den Redaktionsräumen auf. Den angebotenen Kaffee lehnen sie ab. Und gehen doch nicht mit leeren Händen: Die Festplatte des Cicero-Redakteurs, der regelmäßigen Kontakt zu Bruno Schirra hält, wird komplett kopiert. Dass sich darauf der gesamte E-Mail-Verkehr, unveröffentlichte Manuskripte und Planungsunterlagen der Redaktion befinden, nehmen beide Staatsanwälte achselzuckend in Kauf. Sie versichern noch, dass ihre Aktion so diskret geplant und durchgeführt worden sei, dass die Öffentlichkeit davon nichts erfahre. Doch nur Minuten später ruft der Spiegel an, der die Nachricht von der Durchsuchung wenig später online meldet.

Als Schirras Ehefrau, informiert durch den Anwalt, gegen 11 Uhr auf Valentinswerder eintrifft, haben die Ermittler bereits mit der Durchsuchung begonnen. Die junge Frau muss machtlos dabei zusehen, wie sich der Staatsanwalt in Windeseile durch das in Jahren zusammengetragene journalistische Arbeitsmaterial ihres Mannes wühlt. Leitzordnerweise vollziehen die Beamten die investigativen Recherchen nach. Hier wähnen sie Hinweise für so manches Leck im eigenen Apparat. Der Großteil dessen, was die Kollegen von der Wasserschutzpolizei nach acht Stunden in fünfzehn Kisten aus dem Haus schaffen, wird später als so genannter „Zufallsfund“ protokolliert werden. Denn mit dem Top-Terroristen Zarqawi haben Akten über Max Strauß, Spürpanzer-Geschäfte, Leuna-Machenschaften und Waffenlobbyisten-Details nichts zu tun. Kollegen, die noch am gleichen Tag die ausgeräumten Aktenregale in Schirras Arbeitszimmer sehen, äußern den Eindruck, die Suche nach dem Zarqawi-Dokument könnte lediglich der Anlass für den Besuch gewesen sein. Zumal keine der beschlagnahmten Akten, das Protokoll hält 100(!) Positionen fest, Material über den Terroristen enthält. Dass Schirra- an jenem Morgen nicht im Haus ist, sondern unter den Augen von BKA-Beamten in Tel Aviv weilt, halten sie nicht für einen Zufall.

Übrigens: Das vermisste, streng vertrauliche BKA-Dokument über Zarqawi fand die Staatsanwaltschaft am 12. September weder in Potsdam noch auf Valentinswerder.

Ausdruck von http://www.cicero.de/97.php?ress_id= 4&item= 837

© Cicero 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Ringier Publishing GmbH

Schreiben Sie uns Ihre Meinung zu diesem Artikel:
http://www.cicero.de/leserbriefe/

Bestellen Sie hier Ihr kostenloses Probeheft:
http://www.cicero.de/abo