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05.01.2005
 
Interview
Interview: Ralf Wurzbacher
 
»Fallpauschale bringt keinen Gewinn«
 
Pro Ein-Euro-Jobs gibt es bis zu 500 Euro im Monat von der Arbeitsagentur. Caritas will damit Langzeitarbeitslose qualifizieren. Ein Gespräch mit Andreas Meiwes
 
* Andreas Meiwes ist Direktor des Caritasverbands für das Bistum Essen e. V.

F: Mit Inkrafttreten der »Hartz-IV«-Gesetze zu Jahresbeginn können sogenannte Ein-Euro-Jobs eingerichtet werden. Macht auch die Caritas davon Gebrauch?

Ja, voraussichtlich sogar sehr umfassend. Wir gehen davon aus, daß allein im Caritasverband für das Bistum Essen mit all seinen angeschlossenen Verbänden und Einrichtungen bis zum Ende 2005 etwa 1000 bis 1500 dieser Zusatzjobs geschaffen sein werden.

F: In welchen Bereichen sollen die Menschen eingesetzt werden?

Die Tätigkeiten können die gesamte Palette sozialer Arbeit umfassen. Ich denke dabei an den Einsatz in Kleiderkammern und Möbellagern, an Besuchs- und Einkaufsdienste für hilfsbedürftige Menschen im Kontext ambulanter Betreuung oder an ergänzende Hilfe in Altenhilfeeinrichtungen.

F: Laut Gesetz muß es sich dabei um »ergänzende« Tätigkeiten handeln, um möglichem Mißbrauch vorzubeugen. Kann die Caritas das garantieren?

Wir richten diese Jobs nur unter strengen Auflagen ein. Die Caritas war es schließlich, die ausdrücklich gefordert hat, daß die Ein-Euro-Jobs weder die Entstehung neuer Arbeitsplätze verhindern noch den Abbau bestehender Arbeitsplätze fördern dürfen.

F: Offizielles Ziel ist es ferner, die Betroffenen in den ersten Arbeitsmarkt zurückzuführen. Ist es tatsächlich eine Qualifizierungsmaßnahme, altersschwache Menschen spazieren zuführen oder ihnen aus einem Buch vorzulesen?

Die von Ihnen genannten Tätigkeiten bieten natürlich noch keine berufliche Qualifizierung an sich – abgesehen von der Einübung sozialer Kompetenz. Daneben werden aber selbstverständlich konkrete Qualifizierungsmaßnahmen angeboten, die ein berufliches Fortkommen fördern. Dabei denke ich insbesondere an die Einrichtungen der Jugendberufshilfe. Ergänzend können in anderen sozialen Diensten, wie Schuldner- und Suchtberatungen, individuell bestehende Probleme bearbeitet werden, um Jugendlichen und Arbeitslosen den Weg in ein geregeltes Arbeitsleben zu ermöglichen.

F: Verstehe ich Sie richtig? Maßnahmen wie das Spazierenführen von alten Menschen oder das Vorlesen von Büchern konnten bis dato nicht geleistet werden, weil das entsprechende Personal dazu fehlte?

Für derartige Tätigkeiten ist man verstärkt auf nichtfachliches Personal angewiesen, weil das andernfalls nicht finanzierbar wäre. Bisher war man vor allem auf ehrenamtliche Mitarbeit angewiesen, wobei diese nicht im ausreichenden Maße vorhanden ist. Hier bieten sich also in der Tat Beschäftigungsfelder, die in Zukunft in den Bereich der Ein-Euro-Jobs fallen können.

F: Nur wenigen dürfte bekannt sein, daß die Arbeitsagenturen den Anbietern von Ein-Euro-Jobs bis zu 500 Euro pro eingerichtetem Job zuschießen. Wofür ist das Geld?

Darin ist die sogenannte Mehraufwandsvergütung enthalten, die an den Langzeitarbeitslosen ausgezahlt werden muß, sowie eine Fallpauschale für den Träger, die die Kosten der Begleitung und Qualifizierung des Betroffenen decken soll.

F: Je nach Höhe der Pauschale macht der Träger also einen »Gewinn« von bis zu 350 Euro allein durch die Beschäftigung eines Langzeitarbeitslosen, dessen Arbeitsleistung er zudem mit keinem weiteren Cent vergüten muß. Und eine Verpflichtung zur Qualifizierung gibt es nicht. Ist hiermit möglichem Mißbrauch nicht Tür und Tor geöffnet?

Ich gehe für die gesamte freie Wohlfahrtspflege davon aus, daß die Träger mit dieser Pauschale keinen Gewinn machen können, da sie die Mittel ausschließlich für die Begleitung und Qualifizierung der Langzeitarbeitslosen aufwenden werden. Mithin ergeben sich sogar Risiken für die Träger, weil die Bundesagentur für Arbeit bei weitem nicht alle Ein-Euro-Jobs wird bezuschussen können. Außerdem müssen die Träger Betreuungspersonal für einen gewissen Zeitraum fest anstellen, auch auf die Gefahr hin, daß die Ein-Euro-Jobber ihren Job nach kurzer Zeit an den Nagel hängen. Ist das der Fall, fallen sofort auch die Zuschüsse weg. Die Träger werden eher noch Eigenmittel zuschießen müssen – einen »Gewinn« zu erzielen, halte ich für objektiv unmöglich.
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