junge Welt vom 19.08.2004
 
Inland

Letzte Ausfahrt Billigjob

Wirtschaftsinstitut widerspricht Erfolgsmeldungen der Regierung über »Beschäftigungswunder«

Hans Springstein
 
Die sogenannten Minijobs haben nicht wie von der Bundesregierung angekündigt geholfen, die Massenarbeitslosigkeit abzubauen. Darauf macht das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin in seinem neuesten Wochenbericht aufmerksam. Arbeitslose hätten nicht von Angeboten in diesem Bereich profitiert, heißt es in der Analyse. Ihre Chancen seien zwar gestiegen, eine solch unterbezahlte Beschäftigung zu bekommen. Dagegen sei es für sie schwerer geworden, eine reguläre Teilzeit- oder Vollzeitstelle zu erhalten.

 

Die offizielle »Minijobzentrale« in Bochum hatte kürzlich einen erneuten Zuwachs bei den 400-Euro-Jobs gemeldet. Ihre Zahl sei auf über acht Millionen angestiegen, nachdem Anfang 2003 neue gesetzliche Regelungen dafür beschlossen worden waren. Die Zahl derjenigen, die mindestens einen Billigjob haben und damit bis zu 400 Euro verdienen dürfen, sei auf 7,6 Millionen angewachsen. Nach Angaben der Bochumer Einrichtung gibt es die meisten 400-Euro-Jobs in Unternehmen. Der Zuwachs im zweiten Quartal 2004 stamme aber aus dem Bereich von Tätigkeiten in privaten Haushalten. Die Minijob-Zentrale sieht die Ursache darin, daß durch die 400-

Euro-Regelungen zunehmend Schwarzarbeit in legale Beschäftigung umgewandelt werde. Über Arbeitsmarkteffekte wußte Ulrich Roppel, Direktor der Zentrale, nichts, als er die vermeintlichen Erfolge verkündete.

 

Darüber gibt nun der aktuelle DIW-Bericht Auskunft, der zugleich Kritiker der Billigjobs bestätigt. Diese hatten gewarnt, daß in den Unternehmen Vollzeitstellen abgebaut und durch unterbezahlte Beschäftigungsverhältnisse ersetzt werden. Vor allem im Einzelhandel sei das der Fall, hatte die Gewerkschaft ver.di im Frühjahr in einer Studie nachgewiesen. Das DIW verweist nun auf den »gleichzeitigen Rückgang der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung«. Die Zahl der Arbeitslosen sei nicht gesunken. Zugleich sei die Gesamtzahl aller Beschäftigten weiter rückläufig. Der Zuwachs bei den Billigjobs werde »direkt durch den Wegfall von ehemals in Vollzeit oder regulärer Teilzeit ausgeübten Beschäftigungsverhältnissen kompensiert«. Darüber hinaus würden die unterbezahlten Tätigkeiten zunehmend als Zweitjobs ausgeübt.

 

Das DIW schreibt von einer »zunehmenden Erwerbsintegration von Frauen«, die sich aber »vielfach auf weniger stabile und niedrig entlohnte Arbeitsplätze« beschränke. Mehr als zwei Drittel derjenigen, die nur einen Billigjob haben, sind den DIW-Angaben zufolge Frauen. Knapp 24 Prozent aller weiblichen Lohnabhängigen würden geringfügig beschäftigt, bei Männern liege der Anteil bei elf Prozent.

 

Billigjobs seien vor allem im Handel (23 Prozent) und in der Gastronomie (40 Prozent) zu finden. Bei den bezahlten Tätigkeiten in Haushalten machen sie knapp 60 Prozent aus. In Ostdeutschland ist laut Institut der Anteil der Billigjobber an der Zahl der Beschäftigten mit 12,7 Prozent »unterdurchschnittlich«.