04.12.2008 / Titel / Seite 1

Berlin zeigt, wo’s langgeht

 

Jörn Boewe
Das von SPD und Linkspartei regierte Berlin ist die Hauptstadt der »McJobs«. Dies geht aus einer am Mittwoch vorgestellten Studie des DGB Berlin-Brandenburg hervor. Danach sind in keiner anderen deutschen Metropole so viele Beschäftigte auf ergänzende Sozialleistungen angewiesen wie in Berlin. »Als sogenannte Aufstocker/innen arbeiten sie oftmals mehr als 40 Stunden in der Woche und haben dennoch kein Einkommen, das zum Auskommen reicht«, heißt es in dem Papier, das am Mittwoch auf einer von DGB und Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales ausgerichteten Fachtagung zum Thema »Arbeiten in Europa: Prekäre Jobs, längere Arbeitszeit und weniger Lohn?« präsentiert wurde. 110000 Berufstätige sind den Angaben zufolge in der Hauptstadt auf staatliche Beihilfen zum Arbeitslohn angewiesen – bei einer Erwerbstätigenzahl von rund 1,5 Millionen.

Für die vom DGB in Auftrag gegebene Studie hatte der Sozialwissenschaftler Karsten Schuldt Einkommens- und Arbeitsverhältnisse in sieben deutschen Ballungsräumen verglichen: Berlin, Bremen, Frankfurt am Main, Hamburg, Köln, Leipzig und München. »Bei fast allen untersuchten Kriterien« liege die Hauptstadt »mindestens in der Spitzengruppe, und zwar nicht nur absolut, sondern auch relativ«, so sein Fazit.

So habe Berlin die geringste Arbeitsplatzdichte aller untersuchten Metropolen: Auf 1000 Einwohner kommen hier 462 Arbeitsplätze – in Frankfurt a. M. sind es mit 901 fast doppelt so viele. Das »gesamtwirtschaftliche Einkommensniveau« liege unter dem der westdeutschen Großstädte – obwohl die Hauptstadt »bundesweit mit die längsten Jahresarbeitszeiten« aufweist. »Unter Berücksichtigung von Jahreseinkommen und Jahresarbeitszeit werden, mit Ausnahme von Leipzig, in keiner der Vergleichsstädte so geringe Stundenlöhne gezahlt wie in der Bundeshauptstadt.« 363000 Beschäftigte müssen in Berlin von einem Nettoerwerbseinkommen unter 900 Euro monatlich leben.

Absolute Spitze ist die Hauptstadt bei jenen Beschäftigten, die zwar einen sozialversicherungspflichtigen Job haben, aber dennoch nicht davon leben können: Fast 60000 Berliner mußten im April 2007 »wegen nicht existenzsichernder Arbeitseinkommen« zusätzlich finanzielle Hilfen nach Hartz IV in Anspruch nehmen – ein in dieser Größenordnung in der Bundesrepublik einzigartiges Phänomen. Zum Vergleich: In Hamburg waren es 20000, in Leipzig 10000.

Berlin ist dabei in der Bundesrepublik Vorreiter einer EU-weiten Tendenz, zeigt die Studie. Republikweit arbeiten den Angaben zufolge inzwischen 6,5 Millionen Menschen auf schlechtbezahlten Arbeitsplätzen – das sind 22 Prozent aller Beschäftigten. In der gesamten Europäischen Union seien bereits 40 Prozent aller Arbeitsverhältnisse ungeschützt, betonte die stellvertretende DGB-Landesvorsitzende Doro Zinke.

Berlins Arbeitssenatorin Heidi Knake-Werner (Die Linke) forderte die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns. Die Zunahme an schlechtbezahlter Arbeit sei dramatisch, betonte die Senatorin. Auch viele gut Qualifizierte seien mittlerweile auf Arbeit im Niedriglohnbereich angewiesen. Menschen mit Berufsausbildung oder Studienabschluß stellten bereits rund drei Viertel dieser Beschäftigten. »Prekäre Beschäftigung darf nicht zur Normalität werden«, warnte Knake-Werner.