Reutlinger General Anzeiger

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26.02.2005

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Armes Wunderland

China. Und immer wieder China. Die Wirtschaft brummt, die Städte wachsen, den Menschen geht es gut. Oder kann es sein, dass wir da irgendetwas übersehen?

VON BETTINA JEHNE

 

 

Wer Willi Kemmler kennt ­ und in der Region kennen ihn viele ­ weiß, dass der Mann stets viel zu sagen hat. Als Gemeinderat in Gomaringen und Tübinger Kreisrat sowieso. Aber auch als Geschäftsmann ist der Sozialdemokrat ein interessanter Gesprächspartner. Die Chinesen? Einfach toll. Pünktlich seien sie und zuverlässig. Freundlich, fleißig, qualitätsbewusst. Und furchtbar scharf auf jeden Auftrag, den sie kriegen können. Dafür, so schwärmt Verdi-Mitglied Kemmler, schuften sie rund um die Uhr. Wenn's sein muss sieben Tage die Woche, 14 Stunden am Tag.

Seit 1999 lässt Kemmler Schirme in China produzieren. Kleine Kunstwerke sind das, bedruckt mit Aquarellen seiner Frau Hannelore, die mit lockerem Strich Städte porträtiert. Erst Tübingen, dann Reutlingen, später Stuttgart und Ulm ­ es kommen laufend neue Kunden hinzu. Bis zu 100 000 Stadtschirme importiert der 63-Jährige inzwischen pro Jahr. In seinem Gomaringer Verlag stehen aktuell sieben Leute auf der Gehaltsliste, vor ein paar Jahren waren es zwei.

Großen Erfolg hat auch das chinesische Ehepaar Wu Chuntao und Chen Guidi. Mit seiner »Studie über Chinas Bauern« ist den beiden ein Bestseller gelungen. Sieben Millionen Exemplare sind im Reich der Mitte im Umlauf, im Oktober letzten Jahres wurden die Autoren in Berlin mit dem mit 50 000 Euro dotierten Weltpreis für Reportageliteratur ausgezeichnet, dem »Lettre Ulysses Award«. Begründung der Jury: »Der brisante Text ist die erste tiefer gehende Untersuchung der Lebensumstände von rund 900 Millionen chinesischer Bauern.«

Allerdings: Offiziell geht die Studie in der Volksrepublik nicht über den Ladentisch, nur unter der Hand, als Raubkopie. Das so viel gepriesene Buch ist im derzeit so viel gepriesenen China nämlich verboten. Denn Wu und Chen stellen darin die dunkle Seite des Landes dar; das Elend, über das man lieber schweigt. Und über diese Indiskretion sind Chinas Machthaber alles andere als erfreut.

China, das Wunderland. Kein Unternehmen, das es nicht ins Reich der magischen Wachstumsraten von rund neun Prozent zieht. Die Großen sind schon da; mit Daimler-Chrysler hat im Dezember auch der letzte deutsche Automobilkonzern nahe Peking eine Produktionsstätte errichtet. Aber auch der Mittelstand wird mehr und mehr infiziert. Laut Petra Brunner von der Industrie- und Handelskammer Reutlingen sind von den 2 000 bei ihr registrierten Firmen, die Import und Export betreiben, schon rund 300 mit den Chinesen im Geschäft.

Vom Boom profitiert auch das chinesische Volk. Davon ist Zheng Jun überzeugt, der vor 20 Jahren mit seiner deutschen Frau von Nanying nach Reutlingen und später nach Köln zog. Dort gründete er eine Firma, die Reisen chinesischer Besuchergruppen nach Europa organisiert. Bei seinen jährlichen Besuchen in der alten Heimat stellt er fest: »Den jungen Leuten dort geht es heute genau- so gut wie den Leuten hier in Deutschland. Da ist kein Unterschied mehr.«

»Die Wohlstandskluft ist inzwischen sogar größer als in Indien«

»China ist groß«, bemerkt dazu nüchtern Gunter Schubert, Professor am Seminar für Sinologie und Koreanistik der Universität Tübingen. Der Boom spiele sich vor allem an der Ost- und Südostküste ab, »hier findet man die Bau-Kräne, hier sind die prosperierenden Millionenstädte«. Die anderen Regionen des Riesenreiches sind oft sehr arm, die wenigen Städte veraltet.

China, das Elendsland. In den »anderen Regionen« lebt die ländliche Bevölkerung. Drei Jahre lang bereiste das Schriftstellerpaar Wu und Chen das »Bauernland«, wollte wissen, wie es den Brüdern und Schwestern dort geht. Sie sahen unglaubliches Leid. Die erschreckendste Erkenntnis dabei: Es handelt sich nicht um einzelne Schicksale. Sondern für 900 Millionen Chinesen, also zwei Drittel des Volkes, gehören bittere Armut, Gewalt durch örtliche Despoten und absolute Rechtlosigkeit zum Alltag.

Die zweite erschreckende Erkenntnis: Der weltweit bewunderte wachsende Wohlstand der Städter baut auf dem Rücken der Bauern auf. Sie verdienen ein Sechstel dessen, was der Shanghaier oder Pekinger verdient, bezahlen laut »Süddeutsche Zeitung« aber rund vier Mal so viel Steuern. Die Landbevölkerung, das mussten Wu und Chen erkennen, hat vom Wirtschaftswachstum nicht profitiert, vielen geht es sogar viel schlechter. Der Preis für die Ernte ist gesunken, Schule und Arzt kosten plötzlich Geld, korrupte lokale Kader pressen die Landwirte aus. Das kommunistische China, so erklärte jüngst Chinas Akademie für Sozialwissenschaften, gehört zu den ungerechtesten Nationen der Welt; die Wohlstandskluft ist inzwischen sogar größer als in Indien.

Von alledem bekam Willi Kemmler nichts zu sehen, als er 1999 zum ersten Mal in der Glitzermetropole Hongkong landete, um Kontakte ins benachbarte Shenzen zu knüpfen. Eher unfreiwillig trat er seine Reise in den fernen Osten an, »eigentlich wollte ich in Deutschland produzieren lassen«. Mit Erstaunen musste der Gomaringer Verlagschef dann jedoch feststellen, dass es in ganz Europa keine einzige Firma mehr gab, die Schirme herstellt. »Jedes dritte Handy kommt aus China, jeder zweite Schuh, 80 Prozent der Socken und alle Schirme«, hätte Petra Brenner von der IHK Reutlingen ihm sagen können.

Willi Kemmler schüttelt heute noch ungläubig den Kopf: »Wir hatten Null Kenntnisse in dieser Branche.« Entsprechend abenteuerlich gestaltete sich der erste Auftritt des schwäbischen Geschäftsmannes in der Volksrepublik. Einen jungen Chinesen, Student an der Tübinger Uni, nahm er als Dolmetscher mit, der gleich einmal schier unüberwindbare Probleme mit der Einreise bekam. Sechs Jahre später ­ über zehn Lieferanten arbeiten mittlerweile für Kemmler ­ sind die Abwicklungen »perfekt eingespielt«.Was aber sah Willi Kemmler damals in Shenzen? »Na, das hat mir auch nicht alles so hundertprozentig gefallen«, erklärt er. Die Produktion erinnerte ihn an die Bundesrepublik der 50er Jahre, »da wurde kein Gedanke an Umweltschutz verschwendet«. In 15 Jahren aber werden die Chinesen viel nachgeholt haben, glaubt der Gomaringer.

Das meiste aber, was Kemmler im China der Städte zu sehen bekam und bekommt, gefällt ihm. Ausgesprochen gut sogar. »Aus Prinzip« schaue er sich jede Produktionsstätte genau an, bevor er einen Auftrag vergebe. Und da strahlten sie ihn an: viele hundert Gesichter in einem großen Saal; Näherinnen, Zuschneiderinnen, Drucker, junge Menschen, alle hoch motiviert.

Ein klein wenig wundert sich Willi Kemmler schon über diese durch und durch positive Einstellung: »Eigentlich müssten die doch deprimiert sein.« Nur einen Tag im Monat haben manche Mitarbeiter frei, Sechs-Tage-Wochen und Zehn-Stunden-Tage sind die Regel, viele wohnen in primitiven Baracken direkt neben der Fabrik, zu Dutzenden in einem Raum untergebracht. »Ich frage mich oft, was die eigentlich für einen Lebenssinn haben«, sagt die Managerin eines hiesigen Bekleidungsunternehmens. Aber auch sie registriert, was Willi Kemmler registriert: »Die Menschen sind glücklich, dass sie arbeiten dürfen.«

»Keiner redet über politische Verfolgung, Folter und Todesurteile«

Das Elend auf dem Land bleibt nicht nur den ausländischen Geschäftsleuten verborgen. Auch die Chinesen in den Zentren sind weitgehend ahnungslos. Wie sollte es anders sein: Reisen durchs Riesenreich sind nicht üblich, in manchen Regionen gar nicht erlaubt. Wohnortwechsel gibt es so gut wie nie, es gilt nach wie vor die Residenzpflicht. »Nur an seinem Geburtsort ist man ein vollwertiger Bürger«, erklärt Professor Schubert von der Uni Tübingen. Wu Chantaos und Chen Guidis Reportage sorgte daher für ungläubiges Staunen unter den Landsleuten, für tiefe Betroffenheit.

Gar nicht erstaunt ist hingegen Dirk Pleiter, China-Experte von Amnesty International in Berlin. Die Volksrepublik werde derzeit ausschließlich als »sehr beeindruckend« wahrgenommen, über die Schattenseiten rede keiner. Zum Beispiel über die willkürliche Inhaftierung von politisch engagierten Menschen, über die Verfolgung von religiösen Minderheiten, über das Verbot von Gewerkschaften. Oder über die Menschen, die in den gefährlichsten Bergwerken der Welt arbeiten: Über 6 000 Kumpel kamen allein im letzten Jahr ums Leben. Der erwachte Riese zahlt einen hohen Preis, um seine Gier nach Energie zu stillen.

Schreiben könnte man laut Pleiter auch über die schätzungsweise 100000 Millionen Wanderarbeiter, die die Not aus den Dörfern illegal in die Stadt treibt, wo sie für noch weniger Geld als die ohnehin schon billigen Arbeitskräfte auf den Baustellen malochen: unter katastrophalen Bedingungen, ohne soziale Absicherung, ohne medizinische Versorgung.Pressefreiheit? Amnesty beobachtet einen Rückschritt; selbst das Internet werde gefiltert. Eine unabhängige Justiz? Nein. Folter? Nimmt zu. China ist zudem das Land mit den meisten Todesurteilen ­ »mehr als in allen Ländern der restlichen Welt zusammen«. Für 68 Delikte gilt die Höchststrafe, auch für schweren Diebstahl, Steuervergehen und Korruption. Nach offiziellen Berichten werden 1 600 Menschen pro Jahr hingerichtet, »aber es gibt Aussagen eines chinesischen Rechtswissenschaftlers, dass es 10 000 sind«, betont Pleiter. Er warnt: »Man darf sich nicht auf die wirtschaftliche Entwicklung verlassen. Man darf nicht glauben, dass sich dadurch automatisch die Menschenrechte bessern. Die letzten 20 Jahre sprechen dagegen.«Eine pessimistische Einschätzung, die der Tübinger Sinologie-Professor Schubert nicht teilt. Menschenrechte? Das ist auch eine Frage der Perspektive, findet er. Nehme man den Begriff »statisch«, dann habe China in der Tat ein »enormes Defizit«. Habe man eine »dynamische Auffassung«, dann jedenfalls erkenne er einen »Zugewinn«. Vieles, was im Argen liege, habe Chinas Regierung erkannt; sie bemühe sich um eine langfristige Umverteilung in die armen Regionen des Zentrums und des Westens. Und um ein Netz der sozialen Sicherung.

Auch Willi Kemmler glaubt an die goldene Zukunft des Milliardenvolkes. Bis dahin lässt er sich anstecken vom Fleiß und der hervorragenden Arbeit der Chinesen: »Ich bin ein begeisterter Wettbewerber in der Zwischenzeit. Man muss einfach immer etwas besser als der andere sein. Das ist das Motto in Zeiten der Globalisierung.« Besser als andere sind Kemmler und seine Mitarbeiter: Zum deutschen Marktführer bei Stadtschirmen haben es die Gomaringer gebracht. Und das ganz ohne Sieben-Tage-Woche? Willi Kemmler lacht: »Bei uns ist Freitagnachmittag Schluss.« Und das, so verspricht er, soll auch so bleiben. (GEA)

 

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