junge Welt vom 06.01.2005
 
Thema

Selbststigmatisierung und Widerstandskultur

Arbeitslose und linke Politik. Anmerkungen zu Forschungsergebnissen des von der Marx-Engels-Stiftung Wuppertal unterstützten Projektes »Klassenanalyse BRD«

Johnny Norden
 
Die Zahl der Arbeitslosen wächst. Es macht wenig Sinn, die Schuld dafür bei unfähigen Politikern und vaterlandslosen Managern zu suchen. Die Ursachen liegen woanders. Der hochentwickelte deutsche Kapitalismus braucht für die Profiterzeugung immer weniger Menschen.

 

In der Literatur – auch in linken Publikationen – werden jene, die aus dem ersten Arbeitsmarkt ausgestoßen werden, häufig als »Marginalisierte« bezeichnet. Ich benutze diesen Begriff mit Widerwillen. Er widerspiegelt die Sichtweise der Herrschenden. Diese betrachten ihre Welt als den lebenswerten Kernbereich und alles andere als die jenseits davon existierende Zone. Und der Begriff ist noch aus einer anderen Sicht fragwürdig. Viele Betroffene betrachten sich nicht als »Marginalisierte«.

 

In den Forschungsergebnissen des von der Marx-Engels-Stiftung Wuppertal unterstützten Projektes »Klassenanalyse BRD« wird zu den angeblich »Marginalisierten« festgestellt, daß »sie ihre soziale Randständigkeit und Unterprivilegiertheit als Ausdruck des eigenen Versagens empfinden, viele der Betroffenen (verhalten sich) schamhaft-passiv: Gesellschaftliche Ausgrenzung wird durch Selbststigmatisierung komplettiert. Die Opfer übernehmen die Sichtweise derer, die sie herabzusetzen versuchen, (...) weil das Selbstbewußtsein unterminiert wird, fehlt oft die Bereitschaft, das eigene Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.« (Werner Seppmann) Dieses Betrachtungsmuster für die Bewußtseinsentwicklung halte ich für eine stark vereinfachte Widerspiegelung der Gegebenheiten unter den heutigen Umständen in Deutschland.

DDR-Sozialisation

Seit über zehn Jahren arbeite ich vor allem in Ostberlin als freiberuflicher Dozent an Schulen und in Vereinen, die Lehrgänge oder Schulungen für Arbeitslose in Berlin anbieten. In dieser Zeit habe ich zirka 2 000 Männer und Frauen erlebt, die fast alle als »unbrauchbar« für den ersten Arbeitsmarkt »aussortiert« worden sind. Durch ABM, SAM oder berufliche Qualifikationsmaßnahmen waren sie teilweise mit der Arbeitswelt verbunden. Bei aller Unterschiedlichkeit von sozialer Herkunft und Lebenserfahrung konnte ich für diesen Personenkreis einige Beobachtungen machen.

Die übergroße Mehrheit empfindet ihre »Marginalisierung« keinesfalls als ein Ergebnis des eigenen Versagens, sondern sie versteht ihre Situation als Resultat der ungerechten Behandlung durch Unternehmer und Staat. Das ist zweifellos ein Ergebnis »vorher« gewachsenen Klasseninstinkts und besonders häufig bei Menschen mit einer DDR-Sozialisation zu beobachten.

 

Sie haben in einer Welt gelebt, in der andere Werte prägend waren als heute. Die DDR war eine Gesellschaft, die dem Prinzip der sozialen Gleichheit verpflichtet war: Wer wenig Geld hatte und »niedrige« Arbeiten verrichtete, war deshalb nicht gering geachtet. Diese Erfahrung liefert noch heute Immunstoff gegen die Selbststigmatisierung. Die DDR war eine Gesellschaft, die dem Prinzip der Solidarität verpflichtet war: Die Menschen wurden nicht zu Individualisten mit starken Ellenbogen erzogen, sondern sie fühlten sich als Teile kleiner und großer Kollektive, in denen das Prinzip der gegenseitigen Hilfe galt. Diese Erfahrung hilft noch heute, in der Gemeinschaft von Nachbarschaft, Klub, Verein oder Studiengruppe mit schweren Situationen klarzukommen. Und die DDR war eine Gesellschaft, die dem Prinzip der Durchschaubarkeit von gesellschaftlichen Prozessen verpflichtet war. Das war ein integrales Element der Bildungsarbeit. Die Erinnerungen an den Staatsbürgerkundeunterricht in den Schulen, an die gesellschaftswissenschaftlichen Studienfächer an Hoch- und Fachschulen (Pflichtfächer im Grundlagenstudium), an die Schulen sozialistischer Arbeit in den Betrieben immunisieren noch immer gegen die Denkweisen der heute Herrschenden.

In den letzten ein bis zwei Jahren scheint auch die Schützenhilfe eines Teils der bürgerlichen Presse zu wirken, die den Menschen die Rücksichtslosigkeit der wirtschaftlichen und politischen Eliten bei der Durchsetzung ihrer Interessen vor Augen führt (Steuerreformen, Rationalisierungen auf Kosten der Beschäftigten, Arbeitsplatzverlagerung ins Ausland). Die Zeiten, in denen die herrschende Elite den Entlassenen eigenes Versagen als Ursache für ihre Arbeitslosigkeit suggerieren konnte, sind – zumindest nach meinem empirischen Horizont – vorbei.

Verweigerungshaltung

Ich sehe auch nicht, daß die Mehrheit sich schamhaft passiv verhält und keine Widerstandskultur entwickelt. Möglicherweise kommt der Widerstand nicht in traditionellen Formen wie Demo oder Streik zum Ausdruck. Aber es gibt die massenhaft entwickelte Kultur der Verweigerungshaltung der Betroffenen: Austricksen vom Arbeitsamt (um keine Sperre zu bekommen), Schwarzarbeit, Wahlboykott usw. Mit großer Hochachtung stelle ich fest, daß auch unter schwierigsten Bedingungen die meisten nicht in Depression, Alkohol oder Gewalt verfallen, sondern ihren Lebensmut behalten und versuchen, sich irgendwie durchzuwursteln. Es ist in diesem Zusammenhang auch bemerkenswert, daß es trotz aller Unkenrufe den Rechtsradikalen bisher nicht gelungen ist, unter den »Marginalisierten« eine Massenbasis zu entwickeln. (Mir wurde kürzlich entgegengehalten: Die Wahlen 2004 seien der Beweis, daß die Rechtsradikalen eben doch bei den »Marginalisierten« eine Basis haben. Das ist nicht nachweisbar. Erstens fielen die ehemals proletarischen Hochburgen der DDR durch sehr niedrige Wahlbeteiligung auf, z.B. Berlin-Marzahn/Nord mit 14 bis 20 Prozent. Zweitens waren NPD und DVU bei den unter 25jährigen besonders stark, denen die »Marginalisierung« ja eigentlich erst bevorsteht.)

Tendenziell entwickelt die Mehrheit dieser Menschen instinktiv eine radikale Ablehnung der Grundelemente des politischen Systems (Parteien, Gewerkschaften, Parlamente, Gerichte) und wichtiger Linien bundesdeutscher Politik: »Gesundheitsreform«, Steuergesetze, Rentenregelung, »Agenda 2010«, EU-Erweiterung, »Antiterrorgesetze«, Auslandseinsätze der Bundeswehr. Auffallend ist das Mißtrauen gegenüber allen politischen Akteuren (auch gegenüber linken Parteien) und die Vermutung, daß es für ihre persönliche Lage im Rahmen der bestehenden Verhältnisse keinen erkennbaren Ausweg gibt.

Natürlich hofft jeder auf zumindest kleine Verbesserungen, die ihm sein Leben und das Leben seiner Angehörigen erleichtern. Er freut sich, wenn ihm eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) zugewiesen wird. Aber eine Hoffnung auf eine grundlegende positive Veränderung ihrer Lage haben die Betroffenen unter den herrschenden gesellschaftlichen Bedingungen kaum noch. Egal, ob Junge oder Ältere, Frauen oder Männer, Ostler oder Westler.

Besondere Aufmerksamkeit sollten wir den nachwachsenden Generationen und ihren Perspektiven in der Klassenstruktur schenken. Ich erlebe in den letzten zwei, drei Jahren diese jungen Frauen und Männer der Altersgruppe der unter 25jährigen in Berlin als Arbeitslose einer neuen Qualität. Seit Beginn ihres bewußten Lebens kennen sie ausschließlich die Welt des Neoliberalismus und der kapitalistischen Globalisierung, ohne Existenz der Korrektive früherer Zeiten, die da waren: sozialistische Länder und kampfkräftige linke Organisationen in den kapitalistischen Ländern.

Was charakterisiert eine zunehmende Zahl junger Menschen am Rande der »Marginalisierung«? Selbst wenn sie es schaffen, einen Beruf zu erlernen, dann beginnen sie die Ausbildung vielfach schon in dem Bewußtsein, nach dem Abschluß ohnehin arbeitslos zu werden oder als Ein-Euro-Lohnsklave leben zu müssen. Oder eben mit Niedriglöhnen und unbezahlten Überstunden zu schuften und bei Krankheit gefeuert zu werden. Immer mehr von ihnen haben aber kaum die Chance, überhaupt jemals den regulären Arbeitsalltag kennenzulernen, verbunden mit der Vermittlung solcher Werte wie kapitalistischer Disziplinierung und der Möglichkeit, sich durch eigener Hände Arbeit einen bescheidenen Wohlstand zu erarbeiten.

 

Und sie erleben mit der »Agenda 2010«, daß man sich ein Leben lang abrackern kann und doch am Ende vom Staat alles wieder weggenommen bekommt. Gerade die jungen Menschen befinden sich im Fadenkreuz der Bundesagentur für Arbeit; sie sind mit »Hartz IV« in besonderem Maße den Schikanen der Sozialbürokratie ausgeliefert. Sie sind in meinem Erleben auch die Altersgruppe, welche die geringsten Vorstellungen von den Ursachen ihrer eigenen düsteren Perspektive hat. Sie sehen häufig in den Politikern die Hauptschuldigen für ihre miese Lage und wissen nicht, wer in der Wirtschaft am Steuerruder steht. Sie sehen häufig nicht, daß in Deutschland eine Umverteilung nach oben läuft. Zum Thema Reichtum fallen ihnen lediglich Michael Schumacher und Dieter Bohlen ein. Die wahren Herren Deutschlands kennen sie nicht. Würde Gesellschaftsverständnis bei PISA meßbar sein, könnte das bundesdeutsche Bildungswesen neue Negativrekorde verzeichnen.

 

In bestimmtem Maße haben meine Beobachtungen unter dem ehemaligen Berliner Lohnabhängigen natürlich nur punktuelle Bedeutung. Möglicherweise stellt sich die Lage im Ruhrgebiet oder Spechthausen anders dar.

Intellektuelle Überheblichkeit

Die Zahl der »Marginalisierten« wird in den nächsten Jahren wahrscheinlich schnell zunehmen. Ernst zu nehmende Untersuchungen kommen zu dem Schluß, daß sich ihr Anteil an der erwerbsfähigen Bevölkerung auf bis zu 80 Prozent steigern wird. Und wir, die uns als Linke verstehen, haben mit ihnen bisher nur wenig »zu tun«. In der Forschung eher als in der praktisch-politischen Arbeit. Wahrscheinlich hängt das mit einer – sicher unbewußten – intellektuellen Überheblichkeit zusammen. Dabei wird zu oft vergessen, daß die eigentlichen Triebkräfte der großen Revolutionen die Unterprivilegierten waren, sie haben mit ihrem Blut und ihrem Mut die französische und die Oktoberrevolution zum Sieg geführt.

 

Mir scheint es, daß manche linken Publikationen zu einer Unterschätzung des Widerstandswillens und der Widerstandsfähigkeit der »Marginalisierten« neigen. Sie unterschätzen den Stolz und das Selbstbewußtsein dieser Menschen. Und das hat damit zu tun, daß wir eigentlich wenig von ihnen wissen.

 

Wer von uns in der Internationalismus-Bewegung tätig war, erinnert sich an die Diskussionen um die Thesen des mexikanischen Publizisten und Zapatisten-Anhängers Estevez in den neunziger Jahren. Er hatte den Aktivisten der Solibewegung in der »ersten Welt« empfohlen, sich aus den Kämpfen um die Rechte der »Marginalisierten« in Mexiko herauszuhalten, denn wir würden das Leben dieser Menschen nicht verstehen, ihre Lebensumstände und ihre Kultur, und damit auch ihre Probleme, Ziele und Kampfformen nicht begreifen.

 

Im Kern hatte er recht: Was wissen wir eigentlich von dieser eigenen Welt der riesigen Favelas oder der indianischen Gemeinschaften? Sind es nicht möglicherweise eigene Kulturen, alternative Gesellschaften, die unser Mitgefühl und unseren paternalistischen Beistand nicht brauchen?

 

Manches in dieser Diskussion erinnert mich an das Verhältnis linker Intellektueller zu den »Marginalisierten« in Deutschland.

 

Wenn die potentielle Kraft der »Marginalisierten« heute in Deutschland noch keine gesellschaftlich relevante Wirkung zeigt, dann liegt es auch daran, daß die Linke für die Bündelung eines radikalen Massenwiderstands keinen politischen Rahmen gefunden hat. Weder die PDS noch die kommunistischen Organisationen haben einen organisatorischen Zugang zu diesen immer größer werdenden Schichten. Sie besitzen auch keine politisch-ideologischen Konzepte, die für diese attraktiv sind.

 

Beim Unterricht mit jungen Arbeitslosen erlebe ich in regelmäßigen Abständen eine für mich verwirrende Situation. Nachdem ein Vertrauensverhältnis entstanden ist, wird einer der Nachdenklichen folgendes sagen: »Herr Norden, Sie brauchen mir nicht zu erzählen, wie ich von Arbeitgebern und Politikern abgezogen werde. Sie brauchen mir nicht zu erzählen, wie ich vom Arbeitsamt betrogen und schikaniert werde. Das weiß ich alles selbst. Aber was soll ich denn nun machen, Herr Doktor?«

 

Vielleicht liegt der Krebsschaden der Linken in unserem Land darin, daß sie zu stark mit sich selbst beschäftigt ist. Wir vergessen, für wen wir politisch handeln wollen. Wir kennen diese Menschen kaum. Wir sollten zu ihnen gehen und nicht warten, daß sie zu uns kommen.

 

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Ausdruck erstellt am 06.01.2005 um 16:56:53 Uhr